09/2020

In diesem Heft

Tipp

Die Ausstellung »Sound of Disney« beschäftigt sich mit der Verbindung von Bild und Ton in den Filmen des Animationsstudios
Vor Jahren wurde Vitalina Varela verlassen. Nach vierzigjährigem Warten auf das Flugticket kommt sie nach Portugal, wo der Mann drei zuvor Tagen begraben wurde. Pedro Costa widmet der kapverdischen Frau Vitalina Varela eine filmästhetische Reflexion ihres eigenen Lebens
Recklinghausen, 25.9–27.9. – Ursprünglich sollte das Festival, mittlerweile schon in seiner 11. Ausgabe, im März stattfinden. Jetzt präsentiert es eine Sonderedition. Das Festival zeigt traditionell Spiel- und Dokumentarfilme zu Themen wie Menschlichkeit, Mitleiden, Ethik, Gerechtigkeit, Solidarität.
Hamburg, 24.9.–3.10. – Vom anspruchsvollen Arthousefilm bis zum innovativen Mainstream – das »Festival für das Publikum« geht in die 28. Ausgabe. Der diesjährige Fokus liegt auf dem chilenischen Filmemacher Pablo Larraín (»Tony Manero«, »Neruda«, »Jackie«). Weiterhin zeigt das Filmfest Hamburg dieses Jahr über 70 Filme in zehn Sektionen.
Frankfurt/Offenbach/Wiesbaden, 24.9.–1.10. – Schon zum 43. Mal widmet sich Lucas Filmfestival ganz den jungen Filmfans, beginnend ab vier Jahren und ist deutschlandweit eines der ersten speziell an ein junges Publikum gerichtetes Filmfest. 20 aktuelle Langfilme und 23 Kurzfilme werden allesamt als Deutschlandpremiere sowohl offline als auch online zu sehen sein.
Dreiländereck, 24.9.–27.9. – Das 17. Neiße Filmfestival geht dieses Jahr in die Wild Edition. Mit 20 Spielstätten in Deutschland, Polen und Tschechien ist das Neiße Festival zu einer grenzübergreifenden Werkschau der Filmkunst der drei Länder geworden. Unter dem Motto »Films for Future« befasst sich die Fokusreihe des diesjährigen Filmfests mit globalen als auch regionalen Themen wie Umweltverschmutzung sowie dem menschengemachten Klima- und Strukturwandel.
Potsdam, 23.–27.9. – Studierende der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf organisieren jährlich das größte Studierendenfilmfestival Europas. Wie viele andere Festivals bietet das Filmfest Sehsüchte dieses Jahr eine Hybridausgabe an. Das diesjährige Festival steht unter dem Motto »20:20 Vision«, mit Filmen, die sowohl ästhetisch als auch inhaltlich klare Visionen präsentieren.
Oldenburg, 16.–20.9. – Seine Fans bezeichnen es als das deutsche Sundance, und das Oldenburger Filmfestival widmet sich ganz dem Independentfilm. Das Festival wird sowohl vor Ort als auch online in Streamings stattfinden.
Leipzig, 14.–18.9. – Die 20. Leipziger Filmkunstmesse bietet auch dieses Jahr ein Forum für Kinobetreiber und Verleiher aus dem Arthouse-Bereich. Hier haben die Filme ihre deutsche Premiere, die in den nächsten Monaten in den Programmkinos laufen werden. Seminare und Workshops rund um die Folgen, Chancen und Herausforderungen der Corona-Pandemie sind außerdem ein wichtiges Thema der Leipziger Filmkunstmesse in diesem Jahr.
Dresden, 8.–13.9. – Schon seit 1989 gibt es das Kurzfilmfestival, das sich zu einem der wichtigsten dieses Genres gemausert hat. Fester Bestandteil ist der internationale wie der deutsche Wettbewerb. Die 32. Ausgabe des Filmfests wird sowohl in den Dresdner Spielstätten als auch teilweise zusätzlich digital stattfinden. Die Wettbewerbe und Sonderprogramme sollen aber wie gewohnt in den bekannten Dresdner Spielstätten, unter Einhaltung der Hygienevorschriften, gezeigt werden. Ein Spezialprogramm ist in diesem Jahr den Regisseurinnen der DEFA und des unabhängigen Films in der DDR gewidmet, der Fokus liegt auf dem Filmland Schweiz.
Raum Starnberg, 26.8. bis 9.9. – Vor traumhafter Kulisse präsentiert die 14. Auflage des Festivals eine Special Edition und wird bundesweit eins der wenigen Filmfeste sein, die im Kino und vor allem Open-Air stattfinden wird. Im Fokus stehen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus Mitteleuropa, mit dem Schwerpunkt auf Deutschland. Gastland des diesjährigen Festivals ist die Ukraine. Ehrengast des Festivals ist der Jazzmusiker und Komponist zahlreicher Filmmusiken Klaus Doldinger, der mit seinem Score für »Das Boot« bekannt wurde.

Thema

Sie ist bekannt als Komikerin und Moderatorin von Großevents. Aber natürlich ist Anke Engelke auch Schauspielerin. Im Interview spricht sie über ihre Rolle als plötzlich Verwitwete in der tragikomischen Serie »Das letzte Wort«
Peter Capaldi rettete als Dr. Who so manches Mal die Menschheit, für die er als Spin-Doctor Malcolm Tucker nur Verachtung übrig hatte. Nun spielt er in Armando Iannuccis Neuadaption des Dickens-Romans »David Copperfield« den überschuldeten Schnorrer Mr. Micawber
Der portugiesische Autorenfilmer Pedro Costa erzählt von Menschen, die keine Heimat finden. Zum Start seines neuen Films »Vitalina Varela« ein Porträt von Sascha Westphal
»Corpus Christi« erzählt viel über Polen – ein Land, das politisch in der Krise ist, filmisch aber gut dasteht: mit Kassenerfolgen und einem Arthouse-Kino, das international Furore macht. Jörg Taszman über die polnische Szene
Unsere "steile These" des Monats September

Meldung

Jan Schomburg, 44, Regisseur und Autor, hat zwei Kinofilme gedreht: »Über uns das All« und »Vergiss mein Ich«, zu Maria Schraders »Vor der Morgenröte« schrieb er das Drehbuch. Sein dritter Film »Der göttliche Andere«, startet am 13.8. im Kino

Filmkritik

Aufwendig und actionreich als Realfilm inszeniert, geht bei der Geschichte der Heldin Mulan die vordergründige Botschaft, dass auch Mädchen die Welt retten können, in den üblichen Disney-Rollenklischees unter
Herausragender Essayfilm, dessen Blick sich durch fremde Augen in eine bekannte Welt richtet. In zentralen Rollen: Stolze Moskowiter Straßenköter sowie deren mythische Urahnin und erster Hund im All, Laika. An der Peripherie: Der Mensch als Mad Scientist. Der Auftrag: Kritik an der Hybris
Behutsam inszenierte, unter die Haut gehende Romanverfilmung über das Verschwinden eines Kindes und die Angst des Täters vor Entdeckung
In ihrem Debüt folgt Melanie Waelde einer Clique kurz vor dem Abitur. Liebe, Abschiedsschmerz, Selbstfindung: Coming-of-Age als animalische Implosion in einem Film, der mehr Gefühl ist als Geschichte
Die Leipziger Filmemacherin Barbara Wallbraun versammelt biografisches Material zum lesbischen Leben in der DDR der 1960er bis 80er: Ein wichtiges Stück Oral History zu privater Hypokrisie, staatlicher Repression und aufmüpfigem Eigensinn
Jan Komasa erzählt von einem entlassenen Sträfling, der sich als Priester ausgibt. Komödie und Drama durchdringen sich blitzgescheit. Bartosz Bielenia ragt heraus aus einem Ensemble, das sich zu einer beklemmenden Gesellschaftsstudie verdichtet: »Corpus Christi«
Unter blauem Sommerhimmel lernen sich Sam und Tess kennen und verbringen eine abwechslungsreiche Woche miteinander, die beide nicht vergessen werden
Der Jude Gilles gab sich als Perser aus, um nicht erschossen zu werden; nun muss er im KZ einem SS-Mann Farsi beibringen. Weil er die Sprache gar nicht beherrscht, erfindet er ein Idiom. Mit Respekt für die Opfer inszeniert Perelman vielfache Perspektivwechsel in einer unheroischen Überlebensgeschichte, die dem Erinnern als Leitmotiv folgt
Einige Jahrzehnte nach der erfolgreichen Wiederansiedlung von Wölfen in Teilen Europas zeigt der Film des Regisseurs und Tonmeisters Thomas Horat vielschichtig die Problem- und Interessenlagen dieses speziellen Tier-Mensch-Verhältnisses
Das Trio um Jennifer Baichwal, Nicholas de Pencier und Edward Burtynsky beendet ihre Ökofilm-Trilogie mit einer breit angelegten engagierten Rundum-Abrechnung mit dem Anthropozän, beeindruckenden Bildern und einem etwas zu zahlenreichen Kommentar
Der taiwanesische Film über das Vergewaltigungstrauma einer Schauspielerin ist ebenso schockierend wie klug. Durch erzählerische Kniffe wird aus dem Einzelschicksal eine vielschichtige Kritik an einer Filmindustrie, die Frauen Gewalt antut
Eine erfrischend erwachsene Romanze unter Afroamerikanern in Louisiana und New York, die Stella Meghie jazzig improvisierend auspendelt. Der Film überzeugt durch die selbstverständliche Souveränität und charismatische Ausstrahlung seines fast ausschließlich schwarzen Personals
Mit Tempo und postmodernen Mätzchen wird in dieser Kinoadaption von Charles Dickens' berühmten Roman versucht, der Geschichte des Waisenjungen David neuen Schwung zu verleihen – wobei jedoch Herz und Charme oftmals auf der Strecke bleiben
Wohlfühldrama, in dem drei Frauen den Lebenstraum ihrer verunglückten Mutter, Tochter und Freundin erfüllen, in dem sie in Notting Hill eine Konditorei eröffnen. Reichlich Zuckerguss, wenig Tiefgang
Shirel Peleg gelingt es, die Probleme der Nahost-Region mit humoristischem Ton unter einen Hut zu bringen, ohne sie lächerlich zu machen
Vor Jahren wurde Vitalina Varela verlassen. Nach vierzigjährigem Warten auf das Flugticket kommt sie nach Portugal, wo der Mann drei zuvor Tagen begraben wurde. Pedro Costa widmet der kapverdischen Frau Vitalina Varela eine filmästhetische Reflexion ihres eigenen Lebens
Roger Michells US-Remake von Bille Augusts »Silent Heart« (2014) über den geplanten Freitod einer Frau, die an einer tödlichen Krankheit leidet, setzt auf einen teils prominenten Cast und die Schauwerte eines erlesen dekorierten Hauses am Meer. Das wohnmagazin-artige Production Design lässt das schwierige Thema mitunter in den Hintergrund geraten
Sehr authentisch und empathisch erzählt das Regiedebüt vom Leben queerer, migrantischer »Generation Z«-Jugendlicher in der deutschen Provinz. Hinreißend in seiner Selbstverständlichkeit und klug, ohne verkopft zu sein
Im zweiten Teil des turbulenten Animationsfilmes stoßen die beiden Fantasietiere Finny und Leah auf eine seltsame Kolonie und retten am Schluss die gesamte Tierwelt. »Ooops! 2« ist ein unterhaltsamer, solider Familienfilm
In ihrem letzten gemeinsamen Film knüpfen Paolo und Vittorio Taviani an ihr Meisterwerk »Die Nacht von San Lorenzo« an: eine poetische, bange Chronik des Krieges. Diesmal steht nicht der Zusammenhalt einer flüchtenden Gemeinschaft im Zentrum, sondern der Alltag versprengter Partisanen. Luca Marinelli ist berückend als Widerstandskämpfer, der in den Wirren seinen besten Freund sucht und sich an eine unerfüllte Liebe erinnert
Ästhetisch eigenwilliger Debütfilm über einen jungen Mann, der erst herausfinden muss, dass er tot ist
Christopher Nolan verbindet sein autorenspezifisches Lieblingsthema, die Philosophie der Zeit, mit Erzählmustern des Spionagethrillers – ästhetisch virtuos und technisch innovativ. Der Film zeigt einen Regisseur auf der Höhe seines Schaffens und bietet ein ebenso komplexes wie intensives Kinoerlebnis für ein großes Publikum
Ein Motorraddieb aus Wuhan wird zum Gejagten, nachdem er versehentlich einen Polizisten erschossen hat: Diao Yinan inszeniert diese Geschichte im Stil eines Neo-noir, visuell betörend und mit faszinierendem Stilbewusstsein – aber zu unterkühlt und verworren, um emotional zu fesseln
Jana Kaesdorf überzeugt mit der Gestaltung ihres Dokfilms: Über ihren Protagonisten, einen Exilkubaner, der aufs Neue sein Land erforscht, schafft sie einen sowohl individuellen als auch authentischen Blick auf Kuba
Was passiert, wenn in Brooklyn ein schwarzes Mädchen aus einer Arbeiterfamilie verschwindet? Vlad Feier zeigt in emotional extrem dichten Szenen, wie Rassismus, Armut, Gewalt und Ungleichheit das alltägliche Leben in den USA nachdrücklich bestimmen
Ein abgeklärter Fernsehjournalist bekommt es mit Konkurrenz von ganz oben zu tun, als er sich in eine angehende Nonne verliebt. In seinem dritten Film erfindet Jan Schomburg das Genre RomCom zwar nicht neu, fügt ihm aber eine zwischen philosophisch und kreuzalbern changierende Rarität hinzu, die länger nachhallt als zunächst vermutet
Eine archaische Geschichte aus dem Iran: Es geht um Mord, Schuld und Vergebung. Mit den Mitteln des Thrillers entfaltet der Film die Wucht einer griechischen Tragödie
Zwei Jahre nach »Notorious RBG« kommt aus den USA das kongenial inszenierte, inspirierende und informative Porträt einer weiteren Frau namens Ruth, die mit Tatkraft und Witz ein gutes bisschen die Welt verbessert
In dem Dokumentarfilm von Nicole Alive Hens erzählt die inzwischen fast hundertjährige Marthe Cohn aus ihrem Leben unter deutscher Besatzung und ihrem Einsatz als französische Spionin in Deutschland gegen Ende des Zweiten Weltkrieges
Roy Andersson bleibt seinem unverwechselbaren Stil treu und fächert in stilisierten Bildern ein Kaleidoskop der Vergänglichkeit mit Hang zum Apokalyptischen auf – von alltäglich bis absurd, von banal bis dramatisch. Das ist voller Melancholie, überrascht aber immer wieder mit Leichtigkeit
Regisseur Benedict Andrews verknüpft in seinem Biopic die politische Sinnsuche Sebergs und ihre Affäre mit einem Black-Panther-Aktivisten mit der Läuterungsgeschichte eines FBI-Agenten, der an den Methoden seines Arbeitgebers zu zweifeln beginnt. Die Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren und die allzu offenkundige Moral sind nur zwei der Schwächen dieses Films
Dokumentarfilmerin Evelyn Schels porträtiert die vier Künstlerinnen Marina Abramović, Shirin Neshat, Katharina Sieverding und Sigalit Landau. Der Film erzählt von der Verquickung von Kunst und Biografie und vom Körper als politisch-künstlerische Projektionsfläche. Dies leider oberflächlich und wenig inspirierend

Film