Rewind: »Hass – La Haine« (1995)

»Hass – La haine« (1995). © Verleih

»Hass – La haine« (1995). © Verleih

Rassistisch? Frauenfeindlich? Muss man das canceln – aus dem Repertoire nehmen? Wir versuchen es anders. In der Serie »Rewind« stellen wir Filme vor, die auf der Höhe ihrer Zeit waren – und heute wieder einen Nerv treffen

Vor 25 Jahren ging Mathieu Kassovitz in die Pariser Banlieues, um von Diskriminierung und Polizeigewalt zu erzählen.

»Hass – La Haine« (Frankreich, 1995). Regie: Mathieu Kassovitz

DJ Cut Killer steht an einem Fenster seines Wohnblocks und schaut hinaus in die graue Betonwelt der Vorstadt. Im Hof hocken Jungs auf rostigen Klettergerüsten, Kinder schreien, ein Polizeihubschrauber knattert über dem Block. Der DJ rückt einen Lautsprecher ans Fenster, setzt einen Kopfhörer auf und legt zwei Platten auf sein Turntable. Nach einigen Fingerübungen atmet er tief durch, rückt seine Kappe zurecht und beginnt sein Meisterwerk: ein Mash-up, ein Zusammenschnitt des Hip-Hop-Songs »Sound of da Police« von KRS One und Edith Piafs Chanson-Klassiker »Non, je ne regrette rien«. Wie von der Musik beflügelt fliegt die Kamera sacht aus dem Fenster und schwebt mit leichtem Schaukeln über die Dächer und Innenhöfe der Plattenbauten.

Es ist die eindrucksvollste Szene in »Hass – La haine«, der 1995 in Cannes uraufgeführten zweiten Regiearbeit des damals unbekannten Newcomers Mathieu Kassovitz. Die Authentizität, der lässige Stil, die schwelende Gewalt – all das scheint in dieser knapp zweiminütigen Sequenz kondensiert zu sein, obschon sie für die eigentliche Handlung irrelevant ist. Sie macht zudem deutlich, dass »La haine« ein Film produktiver Gegensätze ist: Da stößt der amerikanische Straßensound des Hip-Hops auf die Piaf und ein dokumentarisch anmutender Schwarz-Weiß-Look auf eine magisch-realistische Inszenierung. Die Klammer, die diese Kontraste zusammenhält und den Film auch heute noch so relevant erscheinen lässt, ist die Erfahrung von Polizeigewalt und Marginalisierung – nach dem Tod von George Floyd trifft sie einen besonderen Nerv. Nicht nur in den USA, sondern auch gerade in Paris fanden massive Proteste gegen Polizeikriminalität und Rassismus statt .

»La haine« erschien in dem Jahr, als Jacques Chirac zum französischen Präsidenten gewählt wurde. Chirac hatte einige Jahre zuvor öffentlich über »den Lärm und den Gestank« gelästert, der die Banlieues – die in den Randzonen der Großstädte entstandenen Vorstädte – und ihre prekären, oft migrantischen Bewohner seiner Ansicht nach auszeichnete. Diese Stigmatisierung der Banlieues als Problemviertel ging einher mit Jugendaufständen, die von der Polizei brutal niedergeschlagen wurden. Am 6. April 1993 starb bei einem dieser Riots in Paris ein 17-Jähriger: Bereits in Handschellen wurde Makomé M'Bowolé von einem Polizisten in den Kopf geschossen.

Bei der spontanen Trauerfeier für den Jugendlichen war auch Mathieu Kassovitz zugegen. Der Filmemacher hatte von der Tat im Radio gehört und war sofort zum Ort des Geschehens im 18. Arrondissement geeilt. Bewegt von der trauernden Menge fragte er sich, wie der Tag des jungen Opfers bis zu seinem Tod ausgesehen haben mochte. »Ich rief noch am selben Tag meinen Produzenten an«, erinnert sich Kassovitz. »Ich wollte die Geschichte aus der Perspektive der Kids aus der Vorstadt erzählen. In drei, vier Monaten schrieb ich das Drehbuch.«

»La haine« war nicht der erste Film, der sich den Bewohnern der Banlieues näherte: Regisseure wie Rachid Bouchareb und Jean-François Richet hatten sich bereits in ihren frühen Filmen dorthin begeben. »La haine« aber erzählt seine Story zugleich epischer und intimer als die Vorgänger. Kassovitz stellt drei Jungs ins Zentrum seines Films: den jüdischen Vinz (Vincent Cassel), den schwarzen Boxer Hubert (Hubert Koundé) und Said (Said Taghmaoui), der nordafrikanischer Herkunft ist. Der Plot folgt den Freunden über einen Tag hinweg, der unter dem Eindruck des gewalttätigen Aufstands der vergangenen Nacht steht. Einer ihrer besten Freunde, Abdel, liegt nach einem Zusammenstoß mit der Polizei im Koma. Das Viertel ist in heller Aufregung und bereitet sich auf die nächste Nacht vor, die weitere Unruhen mit sich bringen könnte. Gewalt liegt in der Luft. Der impulsive Vinz hat die verlorene Pistole eines Polizisten gefunden. Sollte Abdel seinen Verletzungen erliegen, will er blutige Rache nehmen.

Im extremen Weitwinkel-Format fängt Kameramann Pierre Aim die Protagonisten in ihrer vorstädtischen Heimat ein, lässt sie in einigen Einstellungen neben den gigantischen Betonklötzen förmlich zu Zwergen schrumpfen. Nicht nur dieses Stilmittel entfernt den Film vom realistischen Look des Sozialkinos: Der Sinn für schrägen Humor – hier kann schon mal plötzlich eine Kuh durchs Bild laufen – gibt dem an und für sich profanen Setting einen surrealen Anstrich. Das Gespür für das verschworene Lebensgefühl am Rande der Gesellschaft, die detailverliebte Inszenierung von Sprache, Essen und Musik hat sich Kassovitz, wie er selbst zugibt, beim großen Vorbild Spike Lee abgeguckt. Andere Szenen zitieren die Coolness der frühen Gangsterfilme von Scorsese.

Diese Verspieltheit und der Hang zum Komödiantischen werden in der zweiten Hälfte des Films, die im Herzen der Metropole Paris spielt, noch deutlicher. Dort treffen Vinz, Said und Hubert auf allerlei schräge Gestalten, von einem verrückten Kokaindealer namens Asterix bis hin zu einem Kriegsveteranen, der schmutzige Anekdoten erzählt. Am Ende aber muss »La haine« zu seinem realweltlichen Ausgangspunkt zurückkehren: der Eskalation brutaler Polizeigewalt, die der Film als bittere, logische Konsequenz einer tief gespaltenen, ungleichen Gesellschaft inszeniert – womit er an Spike Lees programmatischen »Do the Right Thing« erinnert. Hass, französisch: haine, erzeugt eben Hass, wie Hubert dem aggressiven Vinz in einer Szene erklärt. Aber, das macht spätestens das dramatische Ende deutlich, am Rande einer ungerechten Gesellschaft ist es schwer, einer solchen Ethik entsprechend zu leben – ein Kernthema, das Lee in seinen Brooklyn-Filmen auch immer wieder bewegt hat und das er zuletzt in einem Kurzfilm zum Mord an George Floyd wieder aufgriff.

Die Botschaft von »La haine« stieß trotz stehender Ovationen in Cannes, Kritikerlob und beachtlichem finanziellem Erfolg in Frankreich durchaus auch auf Gegenwehr. Als kurz nach dem Kinostart in Noisy-le-Grand und anderen Vorstädten erneut Riots ausbrachen, die von einem weiteren Todesfall eines jungen Demonstranten motiviert waren, fand die konservative Presse auch in Kassovitz' Film einen Auslöser. Der rechtsradikale Politiker Jean-Marie Le Pen schäumte: »Haben diese Halbstarken den Hass (la haine)? Man sollte sie wegsperren!«

Insgesamt aber waren die Reaktionen positiv, und der Film wurde zu einem Paradebeispiel der Auseinandersetzung mit Marginalisierung auf Augenhöhe. Für Kassovitz bedeutete der internationale Kultstatus, den der Film schnell erreichte, einerseits den Durchbruch als Regisseur und Schauspieler (unter anderem in »Amélie«), andererseits aber auch die ewige Assoziation mit dem Film. 2005 erklärte er: »Ich lebe seit zehn Jahren mit diesem Film. Ich habe seitdem viele andere Dinge gemacht, aber das interessiert niemanden. Er ist mein Fluch, gleichzeitig aber auch etwas, auf das ich unglaublich stolz bin.«

»La haines« anhaltende Wirkung mag im französischen Gegenwartskino, das man mittlerweile mehr mit gefälligen Komödien assoziiert, nicht immer sichtbar sein. Filme wie zuletzt der explizit von »La haine« beeinflusste und in Cannes prämierte Vorstadt-Kriminalfilm »Die Wütenden« beweisen jedoch, dass es unter der Oberfläche noch immer brodelt. Eine Auseinandersetzung mit der Spaltung der Gesellschaft und der daraus resultierenden Gewalt ist aktueller denn je, nicht nur im französischen Kino. Kassovitz' visionärer Film zeigte vor 25 Jahren, wie das auch mit Leichtigkeit und ohne erhobenen Zeigefinger funktioniert.

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