Kritik zu Persischstunden

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Erinnern als Leitmotiv: In Vadim Perelmans Verfilmung nach einer Wolfgang Kohlhaase-Erzählung gibt sich ein belgischer Jude im KZ als Perser aus – und soll fortan den Kommandanten in Farsi unterrichten. Vom Lehrerfolg hängt sein Überleben ab

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Als deutsche SS-Leute im Februar 1942 Juden in einem französischen Wald erschießen wollen, befindet sich auch der Belgier Gilles darunter. Für ein Stück Brot hat er von einem Leidensgenossen eine Ausgabe von »Die Mythen der Perser« erhalten. Der Besitz des Buchs wird nun seinen Weg bestimmen, denn Gilles behauptet, nicht Jude, sondern Perser zu sein und entgeht so dem Tod, weil ein Hauptsturmführer denjenigen zusätzlich Fleisch versprochen hat, die ihm einen »echten Perser« bringen. Der SS-Mann Klaus Koch möchte nämlich Farsi lernen. Eigentlich zum Opfer ausersehen, unterrichtet Gilles im Konzentrationslager nun den Mann, von dem sein Schicksal abhängt, in einer Sprache, die er komplett erfunden hat. Denn Gilles kann gar kein Farsi.

Das Opfer wird zum Lehrer, der Täter zu dessen Schüler – das ist die wahnwitzige Ausgangslage in »Persischstunden« von Vadim Perelman, der auf der Kurzgeschichte »Die Erfindung einer Sprache« von Wolfgang Kohlhaase beruht. Den komplexen Fragen, welche die literarische Vorlage aufwirft, verdankt der Film viel. Nicht zuletzt geht es um den Preis des Überlebens, wenn einer der KZ-Häftlinge einen Gefährten tötet, um Gilles Tarnidentität zu schützen, denn der falsche Perser versorgt dessen fragilen Bruder mit Nahrung. Es ist denn auch das Wechselspiel der verschiedensten Partikularinteressen in einem zutiefst unmenschlichen System, das immer wieder zu unerwarteten Wendungen führt, die sich nicht selten als Unwuchten im Machtgefüge erweisen. So wirkt sich etwa die Nazi-Hierarchie in einer heiklen Lage unerwartet zugunsten des Opfers aus, als ein Rottenführer (einprägsam: Jonas Nay) Gilles auffliegen lassen will und daraufhin vom übergeordneten Hauptsturmführer zurechtgewiesen wird: »Sie wollen wohl klüger sein als ich!«

In vielen kammerspielartigen Szenen misst sich Lars Eidinger als Hauptsturmführer Koch mit Nahuel Pérez Biscayart als Gilles/Reza. »Persischstunden« ist eigentlich ein Beziehungsfilm. Auch in der Gegenwart eines weltweit erfolgreichen Rechtspopulismus konzentriert sich die Aufarbeitung des Holocausts im Film vor allem auf die Sicht der Opfer; aus dieser Sicht heraus entstanden viel diskutierte Regiearbeiten, etwa »Die Grauzone« von Tim Blake Nelson (2001) oder »Son of Saul« von László Nemes (2015). Die Diskussionspunkte im Ringen um die Darstellbarkeit der Schoah sind dabei gesetzt: Was kann, was darf man zeigen; was verletzt die Würde der Opfer; welche Bilder sind obszön? Perelmans Film bevorzugt gesicherte Darstellungsformen. Den in Kochs Konzentrationslager Ermordeten erweist der ukrainisch-kanadische Regisseur, Jahrgang 1963, aus respektvoller Distanz die Ehre; nie wird die Perfidität der Nazi-Herrschaft relativiert. Dennoch entfaltet sich im fortwährenden Perspektivwechsel so etwas wie ein »Alltag« im KZ, einerseits der Häftlinge, aber auch der deutschen Betreiber.

Man mag es für banal halten, wenn ausgiebig gezeigt wird, wie die Nazis verschiedener Ränge hier gegeneinander intrigieren und einander aus Rachsucht oder Neid denunzieren, aber das gehört zum Gesamtbild und zählt eher zu den Qualitäten des Films. Selbst in jenen Momenten, da den Klischees reichlich Genüge getan wird, wenn Lars Eidinger als »Herrenmensch« allzu viele finstere Blicke werfen und Gewaltexzesse geradezu zelebrieren darf.

Die Vernichtungsgeschichte an sich kennt kein Klischee: Natürlich wurden Judentransporte in die Vernichtungslager auch dann zusammengestellt, wenn die Deutschen zu Tisch gingen. Das Leitmotiv dieses Films aber ist die Erinnerung – an Namen und Begriffe, die Identität stiften, an die Ermordeten. Dass der Nazi Koch und sein Opfer – denn das bleibt Gilles faktisch bis zum Ende – eine gemeinsame Verständigungsbasis nur in einer Sprache finden, die de facto nicht existiert, ist die konsequente Pointe einer Erzählung, die gewiss nicht die komfortable Sicherheit einer heroischen Überlebensgeschichte bietet.

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