Kritik zu Kiss Me Kosher

© X-Verleih

2020
Original-Titel: 
Kiss Me Before It Blows Up
Filmstart in Deutschland: 
10.09.2020
L: 
101 Min
FSK: 
12

Die israelische Regisseurin Shirel Peleg versucht in ihrem Debütfilm, die Probleme ihrer Heimatregion mit Humor auf den Punkt zu bringen, ohne sie lächerlich zu machen

Bewertung: 4
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Matronenhaft, eine Zigarette in der Hand, Dutzende zerdrückt im Aschenbecher vor ihr, sitzt Berta, die »wahre jüdische Prinzessin«, ihrer Enkelin gegenüber. Die friedvolle Terrasse ist ein Ort familiärer Intimität, voller Pflanzen und fern von jedem staatlichen Einfluss. Berta hat Shira gerade im Monopoly geschlagen und will noch kurz die Geschäftsbilanzen der Kneipe besprechen, die sie ihr großzügig finanziert hat. Nicht ganz ohne Ironie hat Shira diese »The real jewish princess« getauft. Oma und Shira sind ein Herz und eine Seele, denn beide verbindet ein Geheimnis. Berta liebt einen Araber, und das schon sehr lange, ohne dass die Familie etwas ahnt, und Shira ist die Einzige, die eingeweiht ist. Keine Frage, denn auch sie lebt, was die Liebe angeht, nicht der Norm entsprechend. Sie liebt offen und sehr polygam Frauen. Die Familie hat es akzeptiert, mokiert sich eher über die häufig wechselnden Partnerschaften als über deren Geschlecht. Nun aber ist es Shira zum ersten Mal ernst. Mit der deutschen Maria, die in Israel über den Klimawandel promoviert, will sie ihr Leben teilen. Und prompt versteht sie eine Geste als Heiratsantrag miss, was Maria, gerührt von der Romantik der Situation, auch nicht aufklärt. So nimmt alles seinen Lauf. Und wenn eine Familie von Holocaustüberlebenden auf eine urdeutsche trifft, sind die Konflikte vorprogrammiert. 

Shirel Peleg beherrscht die Klaviatur der kulturellen Missverständnisse und spielt gekonnt mit den Klischees, ohne auf sie hereinzufallen. Die Regisseurin hat zuerst am Sapir College in Israel studiert, unmittelbar am Gazastreifen gelegen, danach an der Filmakademie Baden-Württemberg und setzte sich sowohl mit der NS-Vergangenheit Deutschlands auseinander als auch mit der gegenwärtigen Siedlungspolitik in Israel und dem Kampf der Palästinenser um Freiheit und Grundrechte. Daraus eine Screwball-Komödie zu machen, erfordert nicht nur viel Mut, sondern auch eine gewisse emotionale Distanz. 

An keiner Stelle driftet Peleg ins Agitatorische ab, sie enthält sich jeder Dramatisierung oder gar Schuldzuweisung. Es geht ihr mehr um den Alltag in der persönlichen Unnormalität. Die Szenen an der Grenzkontrolle sind ebenso selbstverständlich wie die Interaktion arabischer und jüdischer Bewohner Jerusalems. Peleg stellt niemanden bloß, sondern benutzt die alten Vorstellungen von Schuld und Schicksal, um deren Unauflösbarkeit in eine Komödie zu verwandeln. Sie kennt sich aus in den Falten der Geschichte und kann sich deshalb darüber hinwegsetzen. Ihr Film verlässt sich auf die Kraft der Figuren und damit auf die überzeugenden Schauspieler, darunter Juliane Köhler und Bernhard Schütz als Marias Eltern, John Carroll Lynch als Shiras Vater und nicht zuletzt Moran Rosenblatt als Shira und Luise Wolfram als Maria. Am Ende des Films gibt es tatsächlich eine Hochzeit und die dazugehörigen Trinksprüche. »Lchaim«, sagt dann jemand, und Hochzeiten sind ja so schön, vor allem wenn es nicht die eigene ist.

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