Kritik zu Tenet

© Warner Bros. Pictures

In seinem neuen Film kreuzt Christopher Nolan die Genres Science-Fiction und Spionagethriller und präsentiert mit John David Washington als Agentenheld dem Publikum ganz nebenbei den lang geforderten »schwarzen Bond«. Und um Zeit und Zeitlichkeit geht es natürlich auch

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»Tenet« – »Grundsatz« – heißt der lang erwartete neue Film von Regie-Maverick Christopher Nolan, der seit seinem ersten Film »Following« (1998) eine mehr als zwei Jahrzehnte währende, eindrucksvolle Karriere absolviert hat. In »Tenet« verbindet er sein autorenspezifisches Lieblingsthema, die Philosophie der Zeit, mit Erzählmustern des Spionagethrillers im Stil der James-Bond- und Jason-Bourne-Reihen. Und gibt ganz nebenbei dem Publikum den lange diskutierten »schwarzen Bond«: John David Washington meistert die Herausforderung, sich mit den spektakulärsten Action-Franchises zu messen, hier höchst überzeugend.

»Tenet« beginnt mit einem Massaker: Ein ukrainisches Opernhaus wird brutal von Terroristen überfallen. Doch bald wird deutlich, dass es sich bei dieser Aktion um eine Inszenierung handelt, ein Cover-up, im Rahmen dessen amerikanische Agenten einen mysteriösen Gegenstand erjagen. Doch es bleiben zahlreiche offene Fragen. Der verantwortliche namenlose Agent (John David Washington) wird gefoltert, nimmt eine Giftkapsel, stirbt – und erwacht wieder. Von nun an gilt er offiziell als tot. Ein neuer Auftrag wartet auf ihn, der nichts weniger als die Welt retten soll. Mit seinem elften Spielfilm knüpft Nolan an das performative Actionkonzept seines kommerziellen Hits »Inception« (2010) an –und führt seine visionäre filmische Zeitphilosophie konsequent weiter: Mit nur einem einzigen Wort – »Tenet« – ausgestattet, muss sich der Protagonist auf die Suche nach der Quelle von »invertierter Munition« machen – Objekten, die in der Zeit rückwärts codiert sind. Auf seiner Mission, die sich jenseits der realen Zeit zu entfalten scheint, wird er in die zwielichtige Welt der internationalen Spionage und des Waffenhandels hineingezogen. Er begegnet einem zwielichtigen russischen Gangster (Kenneth Branagh), der offenbar als Mittler zwischen Zukunft und Gegenwart fungiert.

Das Geschehen entfesselt eine Theorie verschiedener Zeitebenen, in denen sich Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit begegnen können (wie bereits in »Interstellar«, 2014), doch nie hat man das auf vergleichbare Weise gesehen: in aufwendigen Actionszenen, die in einer Einstellung zugleich vorwärts und rückwärts ablaufen, in denen Explosionen sich zusammenziehen, um direkt danach wieder zu erblühen, während sich zwei unterschiedlich gerichtete Teams durch die Zeit(en) arbeiten. Mit dem gewohnten Ernst stellt Nolans Film offensichtliche Fragen: Kann man sich selbst in der Zeit begegnen? Welche physischen Konsequenzen hat es, wenn man sich in der Zeit rückwärts bewegt?

Mit »Tenet« hebt Nolan also das Spiel mit Variationen der Zeit als filmische Reflexionsbasis auf ein neues Level. Die Regeln der involvierten Genres (Spionagethriller und Science-Fiction) werden dabei neu ausgelotet. Das Resultat ist performatives Kino, das sich in seiner audiovisuellen Wucht momentan auf der Leinwand ereignet, aber auch mehrfach unterschiedlich neu gesehen werden kann. »Tenet« ist einerseits eine komplexe Herausforderung an das geneigte Publikum und kann andererseits als reines Spektakel genossen werden.

Über die Mechanismen des postmodernen Kinos konnte man immer schon viel aus Nolans Filmen erfahren. Auch darüber, wie das Kino Identität konstruieren und infrage stellen kann. Vor allem aber vermitteln sie ein ganz eigenes Gespür dafür, wie Zeit funktioniert – und regen zur Reflexion darüber an, was die Zeitlichkeit für unser Dasein bedeutet. So mag Nolan als Regisseur ein konzeptioneller Formalist sein, der auch das Chaotische und Wilde einzelner Sequenzen einem radikalen Formwillen unterordnet. Er mag ein »Meta-Regisseur« sein, der die eigene Methodik zum Thema seiner Filme macht (vor allem in »The Prestige«, 2006, und »Inception«), und doch ist er zugleich auch ein großer Verführer, der sein Publikum mit sicherer Hand in unergründete Bereiche führt, mitunter in mehrschichtige Träume oder direkt in ein schwarzes Loch hinein. Seine Filme erscheinen ihrerseits als strudelartige »schwarze Löcher«, deren Sog die Emotionen und Gedanken leitet und immer enger kreiseln lassen, um uns am Ende mit einer elementaren Reflexion existenzieller Entscheidungen und Einsichten zu entlassen.

Gerade die Umkehrung der Linearität, das gezielte Stören der zeitlichen Ordnung hilft Nolan, sein Publikum zu manipulieren und auf eine falsche Fährte zu führen – ob subtil in »Insomnia« (2002), in dem wir zu Beginn eben nicht den gesuchten Mörder (Robin Williams) Beweise fälschen sehen, sondern den korrupten Polizisten (Al Pacino) – oder überdeutlich, als in »Interstellar« der Vater die Zeit in zwei Richtungen durchqueren muss, um schließlich zu seiner Tochter zurückzufinden, die er als Kind einst verließ. Was oberflächlich betrachtet »falsch« erscheint, ist meist nur der Schlüssel zum zunächst verborgenen Problem, das es zu lösen gilt. Nolans Filme – so auch »Tenet« – erproben den Vorlauf zum Ende, die Verschachtelung der Zeiten, die Achronologie, die kausale Durchdringung der Zeitebenen, die Täuschung, die Leere – und letztlich den Verlust einer Identität, die sich zu gern rekonstituieren würde.

»Tenet« erweist sich in diesem existenzialphilosophischen Experimentieren mit filmischen Ausdrucksmitteln als ein Höhepunkt in Nolans Œuvre. Inhaltlich werden Umweltzerstörung und Klimawandel, menschliche Hybris und wissenschaftliche Fähigkeiten gleichermaßen verhandelt.

Nolan steht dazu ein Ensemble hervorragender Schauspielerinnen und Schauspieler zur Seite – neben Washington sind das Robert Pattinson, Kenneth Branagh, Michael Caine, Dimple Kapadia und Elisabeth Debicki. Die Visualisation mehrerer Zeitebenen in einem Bild ist ästhetisch virtuos und technisch innovativ gelöst und lässt die angestrebte Mehrfachcodierung des Films als Actionfeuerwerk, Spannungskino und philosophischer Essay nachdrücklich gelingen. Ludwig Göranssons basslastig hämmernde und ekstatische Musik vertieft die Suggestivkraft der Bilder und verleiht der Inszenierung etwas Zwingendes, das man lange nicht mehr auf diesem Hollywoodlevel erleben durfte.

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Der Debütfilm heißt nur FOLLOWING ohne THE.

Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Filmtitel entsprechend abgeändert. Ihre epd Film-Redaktion

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