In diesem Heft

Tipp

Der Netflix-Film »The Old Guard« mit Charlize Theron will neu sein, macht aus einer Menge Stoff jedoch denkbar wenig
Martin Freeman brilliert in »Breeders« als mit der Gesamtsituation überforderter Vater. Ab 4.8. bei Sky
Zoom-Konferenz mit Verflossenen: »Homemade« ist der Omnibusfilm der Corona-Epoche: Der Chilene Pablo Larraín hat siebzehn Filmemacher dazu angestiftet, ihre Erfahrungen der Quarantäne für eine Netflix-Produktion als Kurzfilm zu verarbeiten
Die aktuelle Ausstellung entdeckt den Grimassenschneider Louis de Funès als komplexe Kinofigur
Treffen sich zwei Rebellen: Ein legendärer Autor über einen legendären Schauspieler: Jörg Fausers funkelnde, einsichtsvolle Marlon-Brando-Biografie ist neu aufgelegt
Bettina Böhlers virtuos montierter Rückblick macht Christoph Schlingensiefs Wirken als ein Leben und Werk umspannendes Gesamtkunstwerk sichtbar, das selbst den Tod noch zu konzeptualisieren versuchte

Thema

Unsere "steile These" des Monats August
Man könnte es als neues Hollywood-Paradox beschreiben. Filmemachen ist heute so durchdigitalisiert, dass es schon wieder – echt wird?
Irgendwo heißt es mal, dass einem diese Zeitschleifen-Sache das Hirn frittiert. Vor allem, wenn Leute versuchen, die Geschichte zu manipulieren. Georg Seeßlen über Zeitreise-Fantasien und die Komplikationen, die sich dabei ergeben
Kinos haben es gerade schwer – sie zählen auf jeden Zuschauer. Wir empfehlen: die Lieblingskinos unserer Autoren
Pierfrancesco Favino ist auf dem besten Weg, eine Art italienischer Jean Gabin für heute zu werden. In Marco Bellochios »Il traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra« kommt er in der Titelrolle nun ganz groß raus

Meldung

Am 6. Juli, mit 91, ist der große italienische Filmkomponist Ennio ­Morricone gestorben. Statt eines klassischen Nachrufs: eine Hymne auf seine ­unverwechselbare Klangwelt, in der es sägt und seufzt und schluchzt
Jonas Nay, 29, Schauspieler, hat eine Ausbildung als Filmkomponist und eine Band; wurde bekannt mit der Serie »Deutschland 83«. »Nur ein Augenblick« startet am 13.8. Demnächst ist er in »Persischstunden« zu sehen

Filmkritik

Ein überbordendes Farb- und Formfeuerwerk, aus dem sich eine nicht minder prallvolle, in Mythen, Legenden und Märchen wurzelnde Erzählung schält. Sie handelt – vermittelt von Helden, Prinzessinnen und Drachen – vom Ursprung, von der ganzheitlichen Ordnung und von den Gefahren, die ihr drohen. »Sohn der weißen Stute« ist ein wiederentdecktes ungarisches Animationsjuwel aus den 1980ern
Ein in Deutschland lebender Syrer macht sich auf die Suche nach seinem im Bürgerkrieg verschwundenen Bruder. Randa Chahouds Kinodebüt hat gute Absichten, gerinnt aber zu einer überfrachteten, wilde Haken schlagenden Geschichte, die etwas plump auf dramatische Effekte abzielt
Am Tag der Hausräumung erschießt sich der alte Dietmar in seiner Wohnung. Sein Sohn Tobias nimmt außer sich vor Trauer den Makler als Geisel. Gregor Erler verbindet Drama und Actionthriller zu einer wuchtigen Geschichte über Unterdrücker und Unterdrückte, Mieterschikanen und Bauskandal, aber auch über Ost-West-Klischees
Bettina Böhlers virtuos montierter Rückblick macht Christoph Schlingensiefs Wirken als ein Leben und Werk umspannendes Gesamtkunstwerk sichtbar, das selbst den Tod noch zu konzeptualisieren versuchte
Sonnentrunken taucht Leonie Krippendorff in ihrem zweiten Spielfilm nach »Looping« in einen heißen Berliner Sommer ein, mitten ins Lebensgefühl einer Gruppe von Teenagerinnen am Kreuzberger Kotti. Zusammen mit Lena Urzendowsky und Jella Haase in den Hauptrollen erzählt sie von einem Coming-of-Age, dem ein sanftes Coming-out innewohnt
Malik Vitthals Horrorthriller um eine Mordserie an Streifenpolizisten hat einige erzählerische Schwächen. Aber er trifft den Geist unserer von Polizeigewalt und »Black Lives Matter«-Protesten geprägten Zeit derart exakt, dass es fast schon unheimlich ist: »Body Cam«
Ein mit allen Wassern gewaschener Kampagnenchef baut in der US-Provinz einen Farmer zum Bürgermeisterkandidaten auf und erlebt sein blaues Wunder. »Irresistible« ist eine passable Politsatire von Ex-Late-Night-Talker Jon Stewart mit Steve Carell
Ein Buddy-Movie als Tragikomödie. Zwei Männer, die nicht mit-, aber auch nicht ohne einander leben können, machen einander das Leben schwer. Aber sie retten einander auch immer wieder. Mit einem für das amerikanische Kino ungewöhnlichen Ton erzählt Michael Angelo Covino von Freundschaft, Hass und Eifersucht und den starken Banden, die Männer miteinander verbinden können
In seinem Langfilmdebüt, einer Kaskade bizarrer Erzählungen, treibt Aritz Moreno ein launiges Spiel mit Wahn und Wahrheit. Jeder Bericht könnte eine Fantasterei, jedes Geständnis eine Lüge sein. Indes, die smarte Lust am Fabulieren steht dem munteren Auflistungskino eines Jean-Pierre Jeunet näher als dem anarchischen Vagabundieren eines Luis Buñuel
Connie Walther wagt es, den naturalistischen Einheitsbrei deutscher Filme hinter sich zu lassen. Ihr Blick auf maskuline Reiz-/Reaktionsmuster fordert heraus, wenn auch ihr Experiment als spekulative Kopfgeburt in Erinnerung bleibt: »Die Rüden«
Heilkräftige chinesische Kochkunst und mit Wodka begossene Männerfreundschaften sind die Hauptzutaten in dieser Integrationskomödie, in der Mika Kaurismäki in entrückten Landschaftsbildern den herben Charme Lapplands feiert: »Master Cheng in Pohjanjoki«
Der Schweizer Filmkomponist Martin Skalsky stellt in seiner ersten dokumentarischen Regiearbeit die richtigen Fragen in allzu redundanter Form. Ein klarer Fall: Weniger
Ein Schicksalsschlag verhindert den finalen Aufbruch in ein Leben ohne Versteckspiele: Nina und die Witwe Madeleine sind beide in den 70ern, offiziell Nachbarinnen – und heimlich ein Paar. Im bildstarken Wechsel von Nähe und Distanz entfaltet der Film sein stilles Drama und zeichnet gleichzeitig die Porträts zweier unterschiedlicher Frauen
Judd Apatow inszeniert das semibiografische Filmporträt über die holprigen Selbstfindungsversuche von US-Comedian und Hauptdarsteller Pete Davidson als Tragikomödie zwischen Brachialhumor und leicht sentimentaler Familientherapie: »The King of Staten Island«
Charmant, witzig, aber leider hier und da oberflächlich erzählt Manele Labidi von einer jungen Psychologin (Golshifteh Farahani), die aus Paris in ihre Heimat Tunis zurückkehrt, um dort eine Praxis zu eröffnen – auch, um sich selbst zu finden
Der koreanische Katastrophenfilm spinnt seine vorhersehbare Handlung um den Ausbruch eines Virus. Im aktuellen Kontext ergeben sich interessante Vergleiche, die nicht alle zugunsten des Films ausfallen
Eindringliches, stilistisch souveränes Psychodrama über die Identitätskrise eines aus dem Kosovo stammenden Ingenieurs (gespielt von Mišel Matičević) der sich rassistisch angegriffen fühlt: »Exil«
Bewusst anderer Dokumentarfilm über die oberbayrische Band Dreiviertelblut. Edle Schwarz-Weiß-Bilder, Musikerstatements, Naturaufnahmen, Livemusik und sonst nichts. Und doch erfährt man alles, was man von dieser Band wissen muss. Und den einen oder anderen Schabernack treibt der Film dann auch noch
Ein Tag im Leben eines Demenzkranken: Wo ist der geliebte Mensch, wenn er in der Gegenwart so abwesend erscheint? Diese Frage nimmt Sally Potter als Vorlage für eine assoziative Reise durch Zeit und Raum, Vergangenheit und Erinnerung. Eine schöne Idee, die nicht immer überzeugt, mit Javier Bardem und Elle Fanning als Vater-Tochter-Konstrukt
Zwei Studenten des georgischen Nationalballetts verlieben sich ineinander und geraten in Konflikt mit einer zutiefst homophoben Gesellschaft. Levan Akins Film ist zugleich eine mitreißende Hommage an die traditionellen Tänze Georgiens
Vier Jahre nach seinem viel beachteten Dokumentarfilm »The Other Side« begibt sich Roberto Minervini auf eine weitere »andere« Seite der Gesellschaft ins schwarze New Orleans
Benedict Cumberbatch enttäuscht in der Hauptrolle dieses uninspirierten Biopics über den Erfinder Thomas Alva Edison
Gero von Boehm beginnt sein Porträt des berühmten Fotografen Helmut Newton mit den Kontroversen, die seine Bilder auslösten. Das Ergebnis ist ein wunderbar streitbarer und hochaktueller Dokumentarfilm
24 Stunden aus dem Leben von sechs Berliner:innen: Wunderbar unverbraucht und unpädagogisch fängt Simona Kostova das Lebensgefühl der Anfangdreißiger ein
Ein aus schierer Geldnot übernommener Job als Totenwächter konfrontiert den von der chassidischen Glaubenspraxis abgefallenen Yakov mit seinen religiösen Wurzeln. Denn der unruhige Leichnam, über den er wachen soll, hat etwas im Schlepptau, das die einen Dämon und die anderen Schuld nennen. Ebenso ambitionierter wie geglückter Horrorfilm, der von Traumata und ihren Ursachen erzählt
Fernab von Subtilität oder psychologischer Tiefe erweist sich der Film über einen vor Wut rasenden Autofahrer (Russell Crowe) als B-Movie, das in Sachen Gewalt die Grenzen des Erträglichen gehörig strapaziert
Ben Affleck ist in der Rolle eines trauernden Alkoholikers, der als Trainer einer Basketball-Schulmannschaft den Weg zurück ins Leben finden will, so überzeugend wie lange nicht. Um den Film aus seiner aus Vorhersehbarkeit, Klischees und Uninspiriertheit resultierenden Lethargie zu reißen, reicht das leider nicht
Der Bau des Fehmarnbelttunnels wird die dänische Insel Lolland für immer verändern. In ihrem dokumentarisch geprägten Spielfilm »Giraffe« erzählt Anna Sofie Hartmann von den Dingen, die dabei für immer verschwinden werden. Zugleich erweist sich dieses nüchterne Protokoll einer Affäre als konzise Analyse menschlicher Beziehungen in den Zeiten der vollständigen Ökonomisierung des Lebens

Film