Unter Schlafwandlerinnen

Paula Beer in »Undine« (2020). © Piffl Medien

Paula Beer in »Undine« (2020). © Piffl Medien

Unsere "steile These" des Monats September

Ich würde es mal kinematografisch induzierten Somnambulismus nennen. Er tritt vor allem in Arthouse-Filmen auf und scheint Frauen häufiger zu befallen als Männer. Zu erkennen ist er an extrem verlangsamten Bewegungen, kombiniert mit einem ins ­Nirgendwo gerichteten Blick. Infizierte Darstellerinnen brauchen für den Weg vom Küchentisch zum Kühlschrank in einer Berliner Altbauwohnung länger als Omar Sharif für die Durchquerung der Wüste in der legendären Lang-Einstellung von »Lawrence of Arabia«. Sie sprechen weniger als Clint Eastwood in den »Dollar«-Filmen. Und wenn sie eine Seite umblättern oder eine Gabel zum Mund führen, sind das sakrale Handlungen.

Das Phänomen war früher mit der Erotik im Bund. Jean Harlow konnte wie eine laszive Zeitlupenblase in einem normal getakteten Film wirken, ebenso Jeanne Moreau. Die unanfechtbare Meisterin der Diszi­plin aber ist Hanna Schygulla. In Margarethe von Trottas »Heller Wahn« entfaltete sie das Schlafwandeln zu einer Kunstform: Es ist die zenhafte Gelassenheit einer modernen Frau, die mit sich, ihrer Arbeit und ihrer Sexualität, ihrem schieren Da-Sein vollkommen im Reinen ist. Heute ist der Somnambulismus das Signum der Entfremdung, der Depression, wenn nicht des Traumas. Nina Hoss und Paula Beer schweben erschöpft und entkörperlicht – Gespenster, Sirenen, Phantome – durch die Filme von Christian Petzold. Auch Maren Eggert bei Angela Schanelec oder Lisa Loven Kongsli in Anna Sofie Hartmanns an die Berliner Schule angelehntem Debüt »Giraffe« dürften den einen oder anderen Bus verpasst haben. Somnambuler als in »Bohnenstange«, einem Film des hochgelobten russischen Newcomers Kantemir Balagow, der im Oktober anläuft und von Kriegsopfern im ausgebluteten Leningrad erzählt, kann es schließlich nicht mehr werden. Hier sind die gequälten Protagonistinnen derart entschleunigt, dass sie in den glühend erleuchteten Räumen zu schönen Skulpturen erstarren, und man weiß nicht mehr, ob das am Thema liegt oder nur am Stilwillen des Regisseurs. Die Frau als nature ­morte, als Stillleben? Wird Zeit, dass wieder jemand den Trend umkehrt. Lola, renn!

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