Kritik zu Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

© Farbfilm Verleih

Sam will in den Ferien das Alleinsein trainieren, aber dann begegnet er Tess: Ein Sommerfilm über das Aufwachsen und den Wert der Erinnerung

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Mit seinen zwölf Jahren ist Sam ein nachdenklicher, vielleicht sogar etwas merkwürdiger Typ. Er stellt sich unter anderem die Frage, was es wohl für den letzten Dinosaurier bedeutet haben mag, als er gestorben ist. Und da Sam der Jüngste in seiner Familie ist, geht er davon aus, dass er zuletzt stirbt, also allein zurückbleibt. Da ist es doch sinnvoll, jetzt in den Ferien ein Alleinseinstraining zu beginnen, damit er darauf vorbereitet ist, ohne Eltern und Bruder zu sein. Also übt er, täglich eine Stunde mehr, einsam über die Insel Terschelling zu streunen. Aber er hat nicht mit der gleichaltrigen Tess gerechnet, die er gleich am ersten Tag kennenlernt und die ihn in jeder Beziehung herausfordert und einen Strich durch seinen Trainingsplan macht. Schon in den ersten Minuten ihres Kennenlernens muss Sam mit ihr Salsa üben, als ginge es um ihr Leben. 

Der Film verhandelt existenzielle Fragen der Kinder zu Beginn der Pubertät. Während Sam über das Ableben seiner Familie sinniert, ist Tess auf der Suche nach ihrem Vater. Den unbekannten Mann hat sie mit seiner Freundin heimlich auf die Insel in Mutters Ferienwohnung gelockt und will ihn nun kennenlernen, ohne dass er weiß, dass sie seine Tochter ist. Anders als in der gleichnamigen Buchvorlage von Anna Woltz erfährt Sam erst spät, worum es Tess in der Beziehung zu dem fremden Hugo geht. Dann aber hilft er ihr nach besten Kräften, ihren Papa-Plan umzusetzen.

Während Sam seine Ferienwoche aus dem Off erzählt, folgt die Kamera den Kindern gern aus der Vogelperspektive, – ganz so, wie Sam sich auch aus der Ferne betrachtet – oder sie rennt den Kindern hinterher und rückt ihnen sehr nah auf den Leib. Auch für Sams Alleinseinstraining findet Regisseur Steven Wouterlood einen adäquaten bildlichen Zugang und lässt viel Raum, mit Sam die Zeit verstreichen zu lassen. Das könnte langweilig sein, ist es aber nicht, denn es ist spannend zu sehen, wie der Junge die Zeit herumbringt, bis nach vier Stunden endlich sein Wecker piept. Eine der Schlüsselszenen zeigt Sam, wie er am Lagerfeuer seinen Vater beobachtet, der völlig falsch eine Gitarre anschlägt und ein Ständchen dazu trällert. Was, wenn er ihn jetzt zum allerersten Mal sähe, wie würde er ihn finden? Lächerlich, cool oder zu pummelig? Ist es klüger, Tess lernte ihren Vater nicht kennen, dann müsste sie auch nicht trauern, wenn er eines Tages stirbt? Das erinnert an die moralische Fragestellung des »Kleinen Prinzen« von Saint-Exupéry, der sich mit dem Fuchs vertraut macht, indem er ihn zähmt. Beim Abschied sind beide traurig, aber wäre es klüger, sich nicht zu lieben? Nach einer Begegnung mit einem alten Witwer weiß Sam, dass man so viele emotionale Erinnerungen sammeln sollte wie möglich, denn davon können wir unser Leben lang zehren. So wird diese Urlaubswoche die seltsamste, die Sam bisher erlebt hat – und er beginnt ja erst mit dem Sammeln von Erinnerungen. Die Zuschauer werden diesen einzigartigen Sommerfilm nicht vergessen und ihn in ihr Schatzkästchen zu den besonders erinnerbaren Filmen sortieren.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns