Kritik zu Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR

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2019
Original-Titel: 
Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR
Filmstart in Deutschland: 
03.09.2020
L: 
115 Min
FSK: 
12

Barbara Wallbraun geht in ihrem Dokumentarfilm mit berührenden Erzählungen von Zeitzeuginnen einem wenig erforschten Aspekt der DDR-Geschichte nach

Bewertung: 4
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»Wo haben sich denn die Lesben in Rostock getroffen?«, fragt die Regisseurin aus dem Off. »Das hätte ich auch gerne gewusst«, antwortet Pat Wunderlich lachend. »Ich glaube, dann wäre ich schneller mit meinem Coming-out fertig gewesen. Keine Ahnung! Ich glaube, die waren so versteckt, die musstest du dann später aus den Schubladen holen.«

Nachher schreit Pat ihre Wut über das ihr angetane Unrecht in einem Urschrei aus dem Fenster eines Zimmers mit weitem Blick über die Stadt. »Ihr könnt mich alle mal«, sagt sie dann ruhig und leise. In dem Zimmer hatte sie damals gewohnt, als sie auf ihrer ersten Stelle auf einem Jugendwerkhof arbeitete, einer Einrichtung der DDR zur systemkonformen Zurichtung straffällig gewordener oder anders abweichender Jugendlicher. Als sie dort eine Liebesbeziehung mit einer dieser »Klientinnen« begann, fiel dies gleich in der ersten Nacht auf und sie verlor Job und Wohnung. Von der Justiz bekam sie wegen Verführung Minderjähriger ein zweijähriges Berufsverbot verordnet.

Homosexualität war in der DDR nicht strafbar, aber so stark tabuisiert, dass – wie auch oft im Westen – gerade ihre weibliche Ausprägung vielen gar nicht bekannt war. So ging es auch einigen der sechs in diesem Film vorgestellten Frauen von Halle bis zur Ostsee, die die Attraktion zu anderen Frauen erst spät im Leben entdeckten, als sie längst männliche Ehepartner und Kinder hatten. Jetzt, im Rentnerinnenalter, haben mehr von ihnen Enkelkinder als eine Partnerin.

Barbara Wallbraun erzählt das unkommentiert, mit dezenten Musikakzenten und kurzen Animationen. Sie begleitet die Frauen mit der Kamera in alltäglichen und inszenierten Situationen und lässt sie an ausgesuchten Orten ihre Geschichte erzählen. Weil sie sich für eine chronologische Anordnung entschieden hat, braucht es ein bisschen, in den Film hineinzukommen. Denn so eindrücklich – oft auch bedrückend – die geschilderten Kindheits- und Jugenderinnerungen auch sind, fehlt doch der Referenzrahmen des späteren Lebens, um ihre Bedeutung einzuordnen und zu verstehen.

Das gibt sich, wenn im Lauf des Films und der Jahre nach und nach ein vielschichtiges Bild der DDR-Lesbenszene und ihrer Akteurinnen entsteht: Mit dabei Christiane Seefeld, Urgestein des Künstler-Prenzlauer-Bergs und der Ostberliner Lesbenszene, die über Berlin ausstrahlende Treffs und Bars betrieb und dafür von der Stasi mit schweren Mitteln verfolgt wurde. Gisela und Sabine, die sich mit eigenen Händen und Sohn in den 1980ern in Sachsen-Anhalt ein Haus im Grünen bauten. Oder Elke Prinz, die nach der Wende ein Frauenzentrum in Halle eröffnete. Pat Wunderlich kämpfte für die Anwesenheit des Unabhängigen Frauenverbandes am Runden Tisch. »Was können wir jungen Lesben denn von euch alten Lesben lernen?«, kommt am Ende an sie noch mal die Frage: »Zu kämpfen! Ich glaube, das ist bald wieder dran, dass wir für unsere Rechte (. . .) kämpfen müssen. Im Moment lebt jeder so für sich hin. Und Geschichte festhalten. Das ist ganz wichtig, dass nichts verloren geht.«

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