Kritik zu Nackte Tiere

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Ein Freundesrudel zwischen Liebe, Abschiedsschmerz und Selbstfindung: Melanie Waelde erzählt in ihrem Debüt vom Coming-of-Age

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Sie küssen und sie schlagen sich. Laila (Luna Schaller), Schöller (Paul Michael Stiehler) und Benni (Michelangelo Fortuzzi) weniger, Katja (Marie Tragousti) und Sascha (Sammy Scheuritzel) dafür umso heftiger. Er knallt sie im Streit so stark gegen einen Schulspind, dass sie mit drei Stichen genäht werden muss. Sie würgt ihn so lange, bis er kurz ohnmächtig wird. Unmittelbar darauf Lachen und Küsse. Alles muss raus, alles ist impulsiv in Melanie Waeldes furiosem Debüt »Nackte Tiere«, das in der neuen Berlinale-Sektion Encouters mit einer lobenden Erwähnung bedacht wurde. Ein Freundesrudel zwischen Liebe, Abschiedsschmerz und Selbstfindung: das Coming-of-Age als animalische Implosion. 

So viele Filme schon haben vom Übergang von Schule zum Erwachsenenleben erzählt, von den Unsicherheiten, jugendlichen Nöten, eben jenem Leben im Dazwischen. Keiner jedoch so wie Melanie Waelde. Der Film der dffb-Absolventin vibriert, er strotzt vor Leben und macht uns selbst zu Verunsicherten. Fünf Freunde, keine Erklärungen, eine schmerzlich-schöne Unmittelbarkeit in blau gestochenen Nahaufnahmen, Sozialrealismus in der Provinzplatte im fast quadratischen 6:5-Format (Kamera: Fion Mutert). Es steht für die Enge dieser Zeit der vermeintlichen Freiheiten und im Laufe des Films meint man, dass der Bildraum noch enger wird. 

Katja, sagenhaft präsent von Kinodebütantin Marie Tragousti gespielt, ist der schwer zu fassende Anker in diesem Film, der auf klassische Erzählmuster pfeift und stattdessen einem 80-minütigen performativen Akt gleicht. Sehen wir sie gleich in den ersten Einstellungen inmitten eines organisierten Rangelns beim Ju-Jutsu, das sie betreibt und gemeinsam mit Sascha unterrichtet, folgt der Film ihr 80 Minuten lang beim Freestyle-Rangeln. 

Mit Benni, dem Labilen, bei dem die Freunde immer rumhängen und den Katja am liebsten zum Abitur prügeln würde. Mit Sascha, ihrem Sportpartner, dem Einzigen, der ihr die Stirn bieten kann. »Alle haben Angst vor dir, außer Sascha«, sagt Benni ihr einmal. Mit Schöller, der was von Katja will, obwohl er mit Laila zusammen ist. Und vor allem mit sich selbst, mit ihren Unsicherheiten, die sie mit Stärke und gewaltvollen Ausbrüchen überspielt. Katja will nach dem Abi zum Bund, einfach raus. In der Peripherie lauern Probleme, die wir teils nur erahnen können: familiäre Risse, ungewollte Stiefväter. 

Waeldes soziologischer Blick und die Körperlichkeit wecken Erinnerungen an Athina Rachel Tsangaris Debüt »Attenberg«, der damals als Aushängeschild der griechischen Welle gefeiert wurde. Auch Nicolette Krebitz' »Wild«, in dem sich eine junge Frau einen Wolf in die Plattenbauwohnung holt, schießt einem durch den Kopf. Buchstäbliche oder metaphorische Vierbeiner stehen im Kino meist für wilde Auf- und Umbrüche. 

»Nackte Tiere« ist jedoch bei aller Liebe Waeldes für ihre Figuren roher und rauer, assoziativer, mehr Gefühl als Geschichte. Ein Film zwischen Resignation und Aufbruch, zwischen gestern und morgen. »Ich werde euch für immer lieben, wir werden niemals untergehen« , fängt es die Zeile eines Filmsongs treffend ein.

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