Kritik zu Drei Tage und ein Leben

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Die Romanverfilmung über das Verschwinden eines kleinen Jungen in einem Dorf in den Ardennen bezieht ihre Intensität nicht aus der Suche nach dem »Whodunit«, sondern dem Schicksal des Täters, der mit seiner Schuld leben muss

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Das Dorf in den Ardennen, in dem An­toine aufwächst, ist arm, aber ein wunderbarer Ort, um Kind zu sein. Zwar hat Antoines verwitwete Mutter Blanche trotz aller Liebe wenig Zeit, doch die ganze Gemeinde passt auf die Kinder auf. Die Nachbarn grüßen über den Zaun und der örtliche Arzt nimmt Antoine als Mentor unter die Fittiche. Auf Schritt und Tritt wird der Junge außerdem vom Nachbarskind Rémi und dessen Hund flankiert. Der sechsjährige Rémi, der unter dem Jähzorn seines Vaters leidet, verehrt den zwölfjährigen Antoine wie einen großen Bruder. Antoine indes, ein intelligenter, sensibler Junge, ist heimlich in Rémis Schwester verknallt.

Wir befinden uns im Jahre 1999, kurz vor Weihnachten. Kinder sind nicht vom Smartphone hypnotisiert, sondern stromern stundenlang durch Wald und Wiesen. So ersteht in der ersten Hälfte dieses Dramas, auf Augenhöhe des jungen Antoine, ein Kindheitsparadies auf, das als solches jedoch erst nach seiner Zerstörung erkannt wird. Denn mit dem Verschwinden von Rémi bricht die Hölle aus. In der plötzlichen Panikstimmung, angeheizt durch den Nachhall der Morde von Marc Dutroux, wirkt die Heimeligkeit des Dorfes mit seinen pittoresken Schieferfassaden wie Hohn. Noch während der gemeinsamen Suchaktion der Einwohner geschieht eine weitere Katastrophe biblischen Ausmaßes: Orkan Lothar, der den Ort überflutet, den Wald verwüstet und die Suche nach dem Kind vereitelt. 15 Jahre später kommt Antoine, frisch approbierter Arzt und auf dem Sprung ins Ausland, zu einem letzten Heimatbesuch zurück, um sich von seiner Mutter zu verabschieden. 

Nur auf den ersten Blick erinnert das Szenario mit seinen sich langsam entschleiernden Geheimnissen an die gesellschaftskritischen Krimis von Claude Chabrol und Georges Simenon. Zum einen, weil in der in zwei Etappen erzählten Handlung das »Whodunit« von Anfang an klar ist; zum anderen, weil Pierre Lemaitre, Autor der Romanvorlage und Co-Drehbuchautor, eine Welt frei von menschlicher Bosheit – wenn auch nicht von Emotionen und Eigennutz – entwirft. Statt als Krimi entpuppt sich der Film als »Heimatfilm noir« von unerwarteter Dichte und Raffinesse.

Hat man sich erst einmal auf das gemächliche Erzähltempo eingeschwungen, zieht einen die von existenzieller Pein durchzogene Geschichte unaufhaltsam in Bann. Da lässt sich fast übersehen, dass manches Motiv und manches über Jahre durchgehaltene Schweigen letztlich wenig glaubwürdig ist. Die Stärke des Films ist jedoch gerade seine inszenatorische Leisetreterei. Die Schuldfrage wird nie frontal angegangen, durchzieht aber, als meist kaum wahrnehmbare Melodie, sämtliche Augenblicke. Das Geräusch vorbeifahrender, mit Holzstämmen beladener Fuhrwerke, das dem Täter namenloses Entsetzen bereitet, geht auch dem Zuschauer unter die Haut. Verstörend böse sind nicht die Menschen, sondern die Ironie des Schicksals, das unentrinnbare Verhängnis, das dem Täter bevorsteht: ein Happy End wie ein Alptraum, dem allemal das herabfallende Damoklesschwert der Entdeckung vorzuziehen wäre.

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