Kritik zu Blackbird – Eine Familiengeschichte

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Das Remake von Bille Augusts Sterbehilfefilm »Silent Heart« (2014) wartet mit einer hochkarätigen Besetzung und höchst geschmackvoll fotografiertem Setting vor idyllischer Kulisse auf. Fast könnte man vergessen, worum es geht 

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Lily ist keine einfache Kranke. Nachdem sie unter Mühen die Küche erreicht hat – die Beine gehorchen ihr nicht mehr –, dreht sie dem Gatten die Bach-Variationen weg, um auf Pop umzuschalten. An ihrem vorletzten Tag auf Erden wünscht Lily keine getragene Musik. Noch einmal möchte die unheilbar an ALS-Leidende das Leben feiern. Seit Monaten plant sie mit ihrem Mann Paul, einem pensionierten Arzt, ihren Freitod. Das Päckchen mit dem tödlichen Medikament steht im Regal bereit. Nun erwartet das Paar die beiden gemeinsamen Töchter, deren Partner, den einzigen Enkel und Lilys beste Freundin zu einem letzten gemeinsamen Wochenende.

Der Spielfilm »Blackbird – eine Familiengeschichte« ist das US-amerikanische Remake von Bille Augusts »Silent Heart« (2014). Dessen Autor Christian Torpe adaptierte sein Drehbuch für die US-Produktion, die nun einen non-binären Schauspieler (Bex Taylor-Klaus als Chris) und überhaupt das liberale Amerika präsentiert, etwa wenn Lily einen Joint raucht und daran erinnert, dass sie seinerzeit in Woodstock dabei war. Während des Wochenendes im wunderschönen Landhaus von Lily und Paul am Meer wird geredet, gespielt, gegessen, gestritten und gefeiert, werden hässliche Vorwürfe laut, gibt es aber auch Raum für schwarzen Humor. »Komm runter zum Frühstück – ich bin bald tot«, ruft Lily (Susan Sarandon) ihrer verpeilten jüngeren Tochter Anna (Mia Wasikowska) zu, dem schwarzen Schaf der Familie, während die ältere Tochter Jennifer (Kate Winslet) durch ihre übermäßige Angepasstheit und gelegentliche Übergriffigkeit nervt. Die immer wieder konfliktreichen Beziehungen zwischen Mutter und Töchtern, Männern und Frauen, aber auch zwischen den Generationen bestimmen die Handlung – die Eskalation bleibt indes überschaubar. Dieser hochkarätig besetzte Film über eine zutiefst aggressive, letale Krankheit und den letztlich auch verzweifelten Versuch, in Würde zu gehen, ist eigentlich ein Wohlfühlfilm.

Denn mit den Realitäten eines qualvollen Dahinsiechens hat »Blackbird« nichts zu tun, auch wenn Lily mal muskelschwundbedingt ein Weinglas fallen lassen oder sich zum Ausruhen beim Spaziergang niederlassen muss. Unbenommen bleibt dabei, dass natürlich auch wohlhabende Kranke leiden. Die Inszenierung von Roger Michell (u. a. »Notting Hill«, »Morning Glory«) bleibt indes nicht selten allzu diskret; er baut vor allem seinem Cast aus acht durchweg guten Schauspielern (darunter Sam Neill als Paul) eine Bühne für größtenteils nahezu theatrale Szenen, die wiederum erlesen fotografiert sind (Kamera: Mike Eley). Nicht mehr als eine Bühne ist auch das Setting des Landhauses mit den teuren Designermöbeln, der komplett schmutzfreien Traumküche und der so bedachtsam ausgewählten Kunst an den Wänden. Wie existenziell alle Anwesenden überfordert sind mit dem bevorstehenden Tod eines nahen Menschen, der die Kon­trolle über sein Sterben behalten will, überhaupt das schwierige Thema Freitod vergisst man beinahe über all dem »Property Porn«.

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