02/2019

In diesem Heft

Tipp

am Di., 26.02. in Frankfurt am Main – epd-Film-Autor Ulrich Sonnenschein spricht mit Lilli Tautfest über ihre Filme »Arielle« und »Mama Told Me Not to Look into The Sun«
Die DVD Filme zur Studentenbewegung 1967–1969 dokumentiert einen weniger spektakulären, aber nicht unwichtigen Teil der 68er-Geschichte: die Debatten­
Mit allen Wassern gewaschen: Nachdem er in »The Big Short« zuletzt eindrucksvoll die Finanzkrise ­analysierte, zeichnet Adam McKay diesmal die Lebensgeschichte von Ex-US-Vizepräsident Dick Cheney nach. Ein randvoller Polittrip voller stilistischer Überraschungen
14. bis 20. Februar, Mannheim – Im Cinema Quadrat finden zum 24. Mal die Schwulen Filmtage statt. Acht Filme aus aller Welt stehen auf dem Programm, zwei davon vor dem Kinostart. Mit »The Pass« eröffnet ein britischer Film das Programm. Zwei junge Fußballer küssen sich vor dem bis dahin wichtigsten Spiel ihrer Karriere. Zehn Jahre lang begleitet der Film ihren Weg. Rosa von Praunheims neues Werk »Männerfreundschaften« und der französische Film »Sauvage« sind zu sehen. Schließlich ist auch der brasilianische Teddy-Award-Gewinner der letzten Berlinale, »Hard Paint«, im Programm, der seither angesichts der Wahl des homophoben Präsidenten Jair Bolsonaro sicher nicht weniger relevant geworden ist
22. Februar bis 2. März, Porto – Das große Festival in Porto legt einen Schwerpunkt auf den fantastischen Film, der in zwei internationalen Wettbewerben für Lang- und Kurzfilm besonders intensiv verhandelt wird. Weitere kompetitive Sektionen kamen mit der Zeit hinzu, darunter die »Directors Week« mit Filmen aus aller Welt und die Sektion »Orient Express«, die mit Produktionen aus Korea, Indien, China und den Philippinen das Programm in der portugiesischen Hauptstadt bereichert
1. bis 9. Februar, Clermont-Ferrand – Das »größte Kurzfilmfestival der Welt« im Zentrum Frankreichs ist nach den Filmfestspielen in Cannes das publikumsstärkste Festival des Landes. Die Filme konkurrieren im nationalen und internationalen Wettbewerb miteinander. Zudem gibt es Retrospektivprogramme, etwa zu verschiedenen Schattierungen des kanadischen Filmschaffens, in denen unter anderem Werke von Denis Ville­neuve oder Jean-Marc Vallée präsentiert werden
7. bis 17. Februar, Berlin – Wie gehabt kehrt im Februar das größte deutsche Filmfestival zurück und zieht auch internationale Prominenz in die Bundeshauptstadt. Etwa die Jury-Präsidentin Juliette Binoche, die im Wettbewerb unter anderem neue Werke von François Ozon und Fatih Akin sichten wird. Der Eröffnungsfilm »The Kindness of Strangers« mit Zoe Kazan entstammt der Feder von Lone Scherfig. Die Retrospektive »Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen« befasst sich mit den Arbeiten deutscher Regisseurinnen zwischen 1968 und 1999

Thema

Kommt bald keiner mehr? So weit ist es noch nicht. Aber der Kinobesuch in Deutschland hat im letzten Jahr ein historisches Tief erreicht. Rudolf Worschech zum Stand der Dinge
Angefangen hat er als Schauspieler. Jetzt produziert er auch und führt Regie. Vielleicht gibt es ein paar Oscars für »A Star Is Born«. Bis dahin ist Bradley Cooper in Clint Eastwoods »The Mule« zu sehen
Mahershala Ali ist mit dem Oscarerfolg von »Moonlight« zum gefragten Star aufgestiegen. Nun erhält er erneut Preise und viel Lob für seinen Auftritt in »Green Book« und der dritten Staffel von »True Detective«
Die Berlinale-Retro zeigt Filme von deutschen Regisseurinnen aus den siebziger bis neunziger Jahren. Jutta Brückner über den Versuch, eine weibliche Ästhetik zu entwickeln – damals und heute
Unsere "steile These" des Monats Februar

Meldung

18 Jahre hat Dieter Kosslick Deutschlands größtes und wichtigstes Festival geleitet, 2019 wird sein letzter Jahrgang sein. Er war ein Erneuerer – und ein Buhmann

Filmkritik

Auf der Grabstätte 35 des französischen Friedhofs von Casablanca liegen die sterblichen Überreste von Christine Caravaca, deren Existenz von den Eltern jahrzehntelang verschwiegen wurde. Ihr Bruder Éric versucht mit liebevoller Unerbittlichkeit, das Schweigen zu brechen. Mit seinem ersten Dokumentarfilm ist dem französischen Schauspieler eine Studie über Verdrängung und Befreiung gelungen, die an Tabus rührt, sich aber durch inszenatorische Diskretion auszeichnet
Mit seinem Dokumentarfilm gelingen Leonhard Hollmann sensible Beobachtungen von Menschen, die im Umgang mit Pferden ihre posttraumatische Belastungsstörung kurieren
Aus der wahren Geschichte der Brieffälscherin Lee Israel wird in den Händen von Regisseurin Marielle Heller das komplexe Porträt einer Frau, die man so sonst nie als Kinoheldin sieht. Melissa McCarthy und an ihrer Seite Richard E. Grant als schwuler Freund laufen hier zu ganz großer Form auf: »Can You Ever Forgive Me?«
Ein junger Mann klaut einem Mafiaboss eine Tasche voll Geld und hat bald dessen Schergen auf den Fersen. In seinem knackig reduzierten Animationsfilm »Have a Nice Day« erzählt Jian Liu eine klassische Film-noir-Geschichte, angesiedelt unter armen Würstchen, die in einem unwirtlichen Niemandsland von Shangri-La träumen. Nüchterne Bestandsaufnahme eines sozialen Zustands der Kälte, die so etwas wie Trost allenfalls im Sarkasmus findet und klammheimlich unter die Haut geht
Enttäuschender Dokumentarfilm über die Obsession westlicher Gesellschaften mit den Insignien unermesslichen Reichtums. Vom kritischen Gesellschaftsporträt wird »Generation Wealth« zusehends zur Freakshow
Ein kinderloses Paar nimmt drei Pflegekinder auf und merkt, dass das keine leichte Aufgabe ist. Mit Rose Byrne und Mark Wahlberg in den Hauptrollen überzeugt »Plötzlich Familie« als liebevoll ironisches Porträt einer Pflegefamilie und besticht durch hintergründigen Humor. Leider wird der gute Ansatz immer wieder von unnötigem ­Klamauk und flachen Gags unterlaufen
Ein Jahr lang in Lappland mit dem Rentierjungen Ailo unterwegs, führt uns die grandiose Naturdokumentation in dieses einzigartige Ökosystem, lässt uns in fantastischen Bildern teilhaben am Leben der Rentiere und stellt uns die Tiere vor, die mit ihnen in dieser noch weitgehend unberührten Landschaft zu Hause sind
Die Schweizer Filmemacherin Anja Kofmel zeigt mit ihrem halb animierten Dokumentarfilm »Chris the Swiss«, wie man Geschichte eben auch erzählen kann. Individuell, bewegend und relevant. Dazu begibt sie sich auf Spurensuche und recherchiert wie ihr Cousin, der als Journalist in den Jugoslawienkrieg zog, ums Leben kam
Mit seiner herrlich entrückten Liebesgeschichte zweier Mädchen empfiehlt sich Anatol Schuster als talentierte Stimme des jungen deutschen Films. Sein Debüt »Luft« erzählt von Begehren und Verlust und davon, dass man loslassen muss
Biopic über Dick Cheney, den mächtigsten US-Vizepräsidenten aller Zeiten. Adam McKay (»The Big Short«) macht daraus eine prallvolle Geschichtsstunde mit rasantem Tempo, investigativem Gestus und einer unorthodoxen Mischung aus Drama und Comedy. Christian Bales spektakuläre Verwandlungskunst erinnert an die großen ­Zeiten Robert De Niros
Die deutsch-ägyptische Koproduktion »Dream Away« ist eine faszinierende semi-dokumentarische Expedition an einen Ort im Ungewissen, die soziale Situationsbeschreibung kunstvoll in metaphorischer Überhöhung aufgehen lässt
Ein persönlicher und politischer Filmessay, der aus eigenen Kindheitserinnerungen in vielfältigen ästhetischen Schichtungen und Brechungen das Bild einer kollektiven Verlusterfahrung entwirft: »Hotel Jugoslavija«
Neil Burgers Remake verwandelt die satirische Gesellschaftskomödie »Ziemlich beste Freunde« in ein schöngefärbtes Hollywoodmärchen. Das macht er zwar äußerst geschickt, aber angesichts der tiefen Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft kommt einem sein Buddymovie doch ziemlich ­verlogen vor
Aus Kenia, dem Land, in dem Homosexualität mit hohen Gefängnisstrafen belegt wird, kommt mit »Rafiki« ein Film, der die Liebe zwischen zwei Mädchen zum Thema macht und sich dennoch fröhlich gibt. »Afro-Bubblegum« – so nennt man diese junge Bewegung. Regisseurin Wanuri Kahiu will mit ihren Filmen die Klischees vom leidvollen Kontinent bekämpfen
Naomi Kawases naturmystische Vision einer Wiedergeburt ist visuell beeindruckend, es mangelt ihr aber an innerer Kohärenz: »Die Blüte des Einklangs«
Zwei Männer, ein italoamerikanischer Rausschmeißer und ein schwarzer Klassik- und Jazzpianist kommen sich in den zwei Monaten einer Konzertour durch den amerikanischen Süden näher. Mit dem Buddy-Roadmovie »Green Book« ist Peter Farrelly, hier ohne seinen Bruder Bobby auf dem Regiestuhl, den Flegeljahren entwachsen, vor allem auch dank grandioser Darsteller
Der im Tonfall einer Schelmengeschichte verfilmte autobiografische Roman von Romain Gary entwickelt dank des selbstironisch herausgearbeiteten »double bind«, mit dem die tyrannische Mutter ihren Sohn zum Wunderkind drillt, eine starke Intensität: »Frühes Versprechen«
Clint Eastwood vor und hinter der Kamera: Als 90-jähriger Gärtner in Finanznot, der das scheinbar leicht verdiente Geld als Drogenkurier zu genießen lernt, zeigt sich der 88-Jährige in Bestform, auch wenn »The Mule« drum herum trotz exzellenter Besetzung etwas enttäuscht
Die Satire des sizilianischen Komiker-Duos Ficarra und Picone zeichnet ein düsteres Bild der sprichwörtlichen »italienischen Verhältnisse«. Die Darstellung der Charaktere und gesellschaftlichen Hintergründe bleibt aber stereotyp und oberflächlich, oft dominiert der Klamauk: »Ab heute sind wir ehrlich«
Die jüdische Familie Glickstein trifft sich am Abend von Adolf Hitlers Machtergreifung zum letzte Ma(h)l. Die Botschaft von ­Florian Frerichs Langfilmdebüt ist wichtig. Dem Kammerspiel mangelt es aber an ­vielem, vor allem an erzählerischer Dichte und Dialograffinesse
Joel Edgertons zweite Regiearbeit »Der verlorene Sohn« erzählt von einem jungen, schwulen Mann im Süden der USA, der sich einer so genannten Reparativtherapie unterzieht. Ein aufwühlendes Thema, ambivalente Figuren und gute Schauspieler in einem leider viel zu glatt und gefühlig erzählten Film
Nicht nur, dass das eigentlich bewährte Komiker-Duo aus John C. Reilly und Will ­Ferrell diese schlampig geschriebene Ko­mödie nicht retten kann, sie sind beide selbst richtig schlecht in den Titelrollen: »Holmes & Watson«
Ein wohltuend zurückhaltender Familienfilm über das Sterben, mit einer 12-jährigen Heldin und ihren Ticks, ihrer todkranken Schwester und dem Vater, der sich als Sterbebegleiter engagiert. Feiner Humor, großartiges Ensemble: »Glück ist was für Weicheier«
Zwischen Horrorthriller, Superheldenepos und Charakterdrama spinnt M. Night Shyamalan in »Glass« das Schicksal der übernatürlich begabten Charaktere aus zwei Vorgängerfilmen weiter – so düster und reizvoll überspannt wie gewohnt
Jennifer Lopez hält allein mit ihrem Charisma zusammen, was sonst unzusammenhängend in ein Rührstück und eine Arbeitsplatzkomödie zerfallen würde. Seicht, aber sehenswert

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