Kritik zu Glück ist was für Weicheier

© Concorde Filmverleih

Anca Miruna Lăzărescu ­beobachtet in ihrem ­zweiten Film eine von Leid heimgesuchte ­Familie. »Glück ist was für Weicheier« lief letztes Jahr als Eröffnungsfilm in Hof

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Am Ende erhebt sich die Kamera über den Schauplatz: die Ausläufer einer Kleinstadt, die an einen Wald und Wiesen grenzt, mit Häusern, die in den Sechzigern gebaut sein mögen und von oben alle ziemlich gleich aussehen. Wenn der deutsche Film ein solches Viertel aufsucht, dann wird vielleicht ein Thriller draus, vielleicht geht es auch um Drogen oder Rassismus. Oder die Provinzler liegen mit ihren dicken Bäuchen in den Vorgärten.

Von Beginn an überzeugt der Film von Anca Miruna Lăzărescu, die durch »Die Reise mit Vater« (2016) bekannt wurde, durch den Respekt, den er den Menschen unter diesen Dächern entgegenbringt. Und durch den nie verletzenden, leisen und subtilen Humor, mit dem er sie beschreibt. Jessica, die Hauptfigur, ist ein 12-jähriges burschikoses Mädchen. Dass sie in ihrer Umgebung eine Außenseiterin ist, machen schon die ersten Szenen klar, als die Mädchen in der Umkleidekabine der Schule hin und her wuseln, sie aber dem Treiben von der Bank aus zuschaut.

Jessica glaubt an die Gefährlichkeit bestimmter Zahlen, (zum Beispiel 98), glaubt Krankheit mit Handbewegungen wegwischen zu können und zieht sich fast rhythmisch ihre Socken hoch und runter. »Neutrum« ist ihr Spitzname in der Schule. Und doch besitzt sie auch eine lebenspraktische Durchsetzungsfähigkeit. Ihre Schwester Sabrina liegt zu Hause, sie leidet an einer tödlichen Lungenkrankheit. Ihr Vater Stefan, ein Bademeister, engagiert sich als Sterbebegleiter, vielleicht arbeitet er damit auch den Tod seiner Frau vor elf Jahren ab. Und zur Entspannung hört er Walgesänge.

Denn das Sterben ist das zugrundeliegende Thema dieses Films. Der Film nimmt den Tod durchaus ernst, doch umgibt er ihn auch mit einer Prise nie überzogenen, absurden Humors. Sabrina etwa stellt schon mal die Musik zu ihrer Beerdigung an und schaut Zombiefilme, wo die Menschen wie die Fliegen sterben. Und Stefan erzählt seinen todkranken Klienten im Hospiz vom »Orgasmus des Todes« und bekommt einmal gar nicht mit, dass ein Mann hinter seinem Rücken schon gestorben ist. Aber das wirkt nie lächerlich, eher ungelenk.

Und ungelenk und unerfahren agiert auch Jessica, denn »Glück ist was für Weicheier« ist auch eine Coming-of-Age-Geschichte. Als sie in einem Buch liest, dass Sex ein probates Heilmittel sei, versucht sie einen Lover für ihre Schwester zu finden und verliebt sich dabei in einen Schulkameraden. Ungelenk wirkt auch der Psychotherapeut, zu dem Jessica von der Schule geschickt wird. Aber auch er ist weit von einer Karikatur entfernt, wird eher zu einem Freund. Der Tonfall dieses Films bleibt in einem positiven Sinne verhalten. Dazu tragen auch die grandiosen Darsteller bei, allen voran Ella Frey als Jessica und der in diesem Film sehr in sich gekehrten Martin Wuttke als Vater Stefan, dem so viel schief geht – selbst eine Probefahrt mit ­einem Auto.

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