Kritik zu Der verlorene Sohn

© Universal Pictures

Joel Edgertons zweiter Film als Regisseur nach dem Thriller »The Gift« ist ein engagiertes Drama über einen jungen Mann, dessen Homosexualität mittels einer »Therapie« ausgetrieben werden soll. Lucas Hedges, Russell Crowe und Nicole Kidman spielen nach der Vorlage einer autobiografischen Erzählung

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Sie wird Konversions- oder auch Re­orientierungstherapie genannt und beruht auf der Annahme, Homosexualität sei eine behandlungsbedürftige Störung und könne geheilt werden. Seriöse Berufsverbände lehnen diesen Ansatz zwar durchweg als unwissenschaftlich und gefährlich ab, gleichwohl hat er vor allem unter evangelikalen Christen immer noch zahlreiche Anhänger. Eine solche qualvolle »Therapie«, seine eigene, hat der Autor Garrard Conley im Bestseller »Boy Erased« beschrieben, der zur Vorlage für Joel Edgertons Drama mit Starbesetzung wurde.

Lucas Hedges (»Manchester by the Sea«) spielt den 19-Jährigen, der hier Jared heißt. Er wächst in einer Kleinstadt in Arkansas auf, in der Familie eines Baptistenpredigers (Russell Crowe). Als er den Eltern eines Tages gesteht, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, drängt ihn sein Vater zu einer Reparativtherapie bei einer christlichen Organisation. Seine Mutter (Nicole Kidman) begleitet ihn dorthin. Der Film verzahnt die Schilderung seiner Erlebnisse im strengen Umerziehungscamp mit zahlreichen Rückblenden, die die Vorgeschichte beleuchten: Jareds behütetes Aufwachsen im tiefreligiösen Umfeld, Irritationen im Umgang mit seiner Freundin, seine ersten, nicht minder irritierenden Erfahrungen mit Männern, sein Ringen mit der Erkenntnis, schwul zu sein, und die Reaktionen der Eltern auf sein kleinlautes, doch mutiges Coming-Out.

Joel Edgerton selbst spielt den bigotten selbst ernannten Therapeuten Victor Sykes, der ein strenges Regiment führt. Neben Xavier Dolan und dem YouTuber Troye Sivan als Leidensgenossen Jareds hat auch Flea, Bassist der Red Hot Chili Peppers, eine denkwürdige Rolle als Therapeut, dem die Aufgabe zukommt, mit hartem Training »richtige Männer« aus den Jungs zu machen.

In seinem Drehbuch wie in der Inszenierung vermeidet Edgerton vereinfachende Gut-Böse-Gegenüberstellungen. Die Vertreter reaktionärer Engstirnigkeit sind nicht als gefühlskalte Sadisten, sondern als Überzeugungstäter gezeichnet, die in ihrer Männlichkeit selbst verunsichert sind und dies mit deren ideologischer Überbetonung zu kompensieren versuchen. Auch Jareds Vater ist ambivalent dargestellt, liebevoll, jedoch gefangen in einem starren Weltbild. Die Mutter hingegen befreit sich letztlich aus ihrer hausmütterlichen Angepasstheit und wird zu einer geradezu heroischen Figur.

Doch trotz dieser Ambivalenzen gelingt es der Inszenierung nicht, die Geschichte eines schmerzvollen Kampfs um Identität in einen spannenden Film zu verwandeln. Sie bleibt in ihrem Verlauf zu erwartbar und eindimensional. Was umso bedauernswerter ist, da Edgerton in seinem Erstling »The Gift« einer scheinbar simplen Thrillerstory hoch spannende Vielschichtigkeit verliehen hat. Hier aber bleibt Lucas Hedges in der Hauptrolle nur das Anspielen gegen eine sehr dürre Charakterzeichnung und eine routiniert wirkende Dramaturgie der Gefühle. Denn über sein Ringen mit dem Schwulsein hinaus erfahren wir kaum etwas über Jared, und so wird auch seine Zerrissenheit zwischen seiner Familie, deren Glauben und seiner Identität nicht plastisch genug.

Zwar gibt »Der verlorene Sohn« Einblicke in das Denken evangelikaler Christen, auch die Darstellung der skurrilen bis abgründigen Gehirnwäschemaßnahmen im Zuge der Reorientierung ist angemessen beklemmend, doch eine permanente Sentimentalisierung, an der nicht zuletzt der Soundtrack großen Anteil hat, hält das aufwühlende Potenzial des Themas immer gut verdaulich.

Nur wenige Momente stechen durch ihre Schroffheit heraus, beispielsweise die Rückblende, die Jareds erste homosexuelle Erfahrung schildert: eine zugleich brutale und tieftraurige Szene, in der sich unterdrücktes Verlangen, Homophobie und Gewalt vermischen. Insgesamt aber ist »Der verlorene Sohn« in seinem Engagement zwar sehr ehrenwert, wirkt aber viel zu versöhnlich und ausgeglichen, um wirklich zu bewegen.

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