Kritik zu Hotel Jugoslavija

© déjà-vu film

2017
Original-Titel: 
Hotel Jugoslavija
Filmstart in Deutschland: 
21.02.2019
L: 
78 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der Schweizer Filmemacher Nicolas Wagnières recherchiert die Geschichte des ­Repräsentationsbaus in Belgrad, der, 1969 eröffnet, den Staat Jugoslawien und sein erfolgreiches Modell des Sozialismus konkret und symbolisch vertreten sollte

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Eine lange Kamerafahrt, die Einblicke in eine Serie identischer leerer Zimmer gewährt. Deren Fenster sind wandgroß, die Einrichtung im 60er-Jahre-Look ist funktional. Der Gang ist so lang wie das Gebäude, zu dem er gehört. Es ist das geschichtsumwehte Hotel Jugoslavija in Belgrad, das 1969 als Symbol für das erhoffte internationale Renommee des Staates eröffnet wurde. Es galt als elegantestes Grand Hotel des Balkans – bis zum Zerfall Jugoslawiens. Bei einem Bombenangriff im Mai 1999 wurde das Jugoslavija beschädigt; seitdem wird es in unterschiedlichen Nutzungen unter wechselnden privaten Eigentümern verschoben.

Das Hotel war auch ein Sehnsuchtsort für den Schweizer Filmemacher Nicolas Wagnières, »ein verlorenes Königreich« nennt er es in seinem persönlichen, aber auch immer vorsichtig selbstreflexiven Kommentar. Verbunden ist er mit dem Land und dem symbolisch dafür stehenden Hotel durch seine aus Jugoslawien stammende Mutter, mit der er Teile seiner Kindheit dort verbrachte. Doch auch später war er immer wieder im Haus und hat – in den letzten Jahren dann auch mit der Kamera – den Wandel registriert. Auch ein Versuch, die kindlichen Erinnerungen gegen das Vergessen zu bannen.

Mit Beobachtungen der unterschiedlichen Zerstörungszustände des Hauses wendet sich der Film als ein Stück persönlicher »Heimatkunde« den großen Umbrüchen der letzten Jahrzehnte zu: von den in historischem Bildmaterial gezeigten kollektivstiftenden Wiederaufbaueinsätzen der Nachkriegszeit über Titos Parole von »Brüderlichkeit und Einheit« des Landes bis zu den Abspaltungen und Kriegen seit 1991. Dabei lässt der Filmemacher neben der Architektur selbst einige Beteiligte erzählen, etwa ein ehemaliges Mitglied der Arbeiterselbstverwaltung des Hauses oder den letzten Manager des Hotels. Auch ­Wagnières Mutter kommt zu Wort, sie hatte als junge Frau zu der Generation gehört, die mit Begeisterung in die Einsätze zu Trümmer­beseitigung oder Kanalbau zog.

Neben diesen Reflexionen, die sich sowohl um das Gebäude selbst als auch um das Projekt des Sozialismus im Allgemeinen ­drehen, gibt es ausführliche Passagen mit historischem Filmmaterial um das Hotel, die den Wechsel der Zeiten illustrieren. Ein DDR-Werbefilm, der die mondäne Atmosphäre des sozialistischen Bruderbetriebs mit fröhlichen jungen Menschen beschwört, kon­trastiert mit dem vorausschauenden ­filmischen Bubenstück »Young and Healthy Like a Rose« des Filmemachers Jovan Jovanović aus dem Jahr 1971, der vor dem Hintergrund eines hippiebunten Aufstands den Aufstieg einer mit der Staatsmacht verbündeten organisierten Krimi­nalität voraussagte.

In der Hollywoodproduktion »3 Days to Kill« von 2014 ist das Hotel nur noch Kulisse für Schießereien und Explosionen. Die materielle, ökonomische und emotionale Zerstörung einer Gesellschaft konstatiert gegen Ende resümierend auch Wagnières Kommentar. Sein anfänglicher Verlustschmerz ist darüber nicht verschwunden, hat sich aber aus kindlicher Nostalgie in eine reflektierte Einsicht in zerstörerische historische Prozesse verwandelt.

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