Kritik zu Frühes Versprechen

© Camino Filmverleih

In einer neuen Verfilmung des autobiografischen Schlüsselwerks des großen ­französischen Romanciers Romain Gary, »La promesse de l'aube«, überrascht Charlotte Gainsbourg als unerbittliches Muttermonster

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»Fahr nach Berlin und erschieße Hitler!« befiehlt Nina Kacew 1938 ihrem Sohn, der folgsam eine Fahrkarte von Nizza nach Berlin – nur Hinfahrt – löst, bevor sie ihren Befehl dann doch zurücknimmt. Da aber Romain stets jeden mütterlichen Wunsch übererfüllte – er wurde französischer Kriegsheld, Diplomat, zweifacher Prix-Goncourt-Preisträger, Filmregisseur (und Ehemann von Jean Seberg) – darf man fragen, wie die Weltgeschichte verlaufen wäre, hätte seine Mutter das Attentat nicht abgeblasen. Zwar hat Gary sein 1960 veröffentlichtes autobiografisches Schlüsselwerk »La promesse de l'aube«, das in Frankreich Schullektüre ist, komödiantisch mit fiktiven Elementen zugespitzt. Viel hinzudichten musste er jedoch nicht, denn sein Leben verlief ohnehin wie ein Abenteuerroman. Anders als im Buch hat der Film eine in den 60er Jahren angesiedelte Rahmenhandlung, die auf den Erinnerungen von Garys erster Ehefrau basiert. In einer opulenten Bebilderung von Garys frühen Lebensstationen Vilnius, Nizza, Paris und seiner Zeit als Pilot in De Gaulles Résistance-Armee, entrollt sich in Rückblenden die pikareske Chronik eines Wunderkindes, das mit seinen Talenten und Leistungen wie ein Renaissancemensch anmutet.

Im Zentrum steht jedoch nicht Romain, sondern seine alleinerziehende Mutter ­Nina, aschkenasische Jüdin im von russischen, polnischen und litauischen Nationalinteressen umkämpften Vilnius, die ihrem Sohn die Bürde auferlegt, ein großer Künstler zu werden und sie stolz zu machen. Ninas tyrannische Liebe zu Romain geht Hand in Hand mit ihrer zweiten großen Liebe zu Frankreich, das sie als Paradies der Aufklärung und zivilisatorischen Verfeinerung idealisiert. Interessant gegen den Strich besetzt – in der ersten Verfilmung von 1970 spielte Melina Mercouri die vereinnahmende Mutter – erweist sich die sonst so labil auftretende Charlotte Gainsbourg als furchterregend starker Frauencharakter. In Übermutter Nina vereinen sich Größenwahn und ­Scharfsinn, sie macht Romain zu ihrem Abgott und zu ihrem Sklaven, über ihren Tod hinaus.

Angesichts dieser mütterlichen Naturgewalt hat besonders Pierre Niney als erwachsener Romain eine undankbare Rolle. Oft geradezu fassungslos registriert der Sohn die Tatkraft und Chuzpe, mit der sie sich in den Wirren der Vorkriegszeit als Emigrantin neu erfindet: zunächst als Exschauspielerin und arme Schneiderin in Vilnius, die trickreich die gute Gesellschaft bezirzt, dann im Sehnsuchtsland Frankreich als Hotelbetreiberin. Der geförderte und geforderte Sohn, der mit seiner Mutter mitleidet, der durch den offenen polnischen und den versteckten französischen Antisemitismus gedemütigt wird, lernt selbst zu bluffen, wenn er vor ihr so manche Niederlage beschönigt.

Aus dem Off kommentiert Ich-Autor Romain beider Schicksale mit viel Selbstironie, ohne Mama je der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch die Unentrinnbarkeit dieses »double bind«, das unheilbare seelische Sodbrennen eines Muttersöhnchens, verleiht dieser etwas brav inszenierten Schelmengeschichte eine anhaltende Intensität.

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