Kritik zu Can You Ever Forgive Me?

© 20th Century Fox

2018
Original-Titel: 
Can You Ever Forgive Me?
Filmstart in Deutschland: 
21.02.2019
L: 
106 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Nach einer wahren Geschichte: Melissa McCarthy spielt in völliger Abkehr von ihren draufgängerisch-komödiantischen Rollen die schwierige Person der Autorin und Biografin Lee Israel, die in den 90er Jahren als Fälscherin von Prominentenbriefen aufflog

Bewertung: 5
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Ja, ja, schon klar: Die besten Geschichten schreibt noch immer das wahre Leben. Sagt man so schön, und oft stimmt es ja auch tatsächlich, wie zum Beispiel »Can You Ever Forgive Me?« beweist, nur einer von vielen aktuellen Filmen, die auf wahren Begebenheiten und realen Ereignissen basieren. Allerdings zeigt das neue Werk der amerikanischen Regisseurin Marielle Heller auch noch etwas ganz anderes. Denn für die wirklich allerbesten Geschichten, so lernen wir hier, greift man der Realität am besten doch mit ein bisschen Fiktion unter die Arme.

Zu diesem Schluss jedenfalls kommt irgendwann die Schriftstellerin Lee Israel (Melissa McCarthy), die sich im New York der frühen 90er Jahre mehr schlecht als recht durchschlägt. Das letzte Buch, eine Biografie von Estée Lauder, hat es anders als der Vorgänger nicht mehr auf die Bestsellerliste der »New York Times« geschafft, für große Magazinreportagen wird sie nicht mehr engagiert, und selbst ihren Aushilfsjob kann sie nicht halten. Dass Lee eher Typ ­verschlossene Zynikerin als sonnige ­Frohnatur ist, wovon selbst ihre Lebensgefährtin irgendwann genug hatte, macht das Leben auch nicht leichter. Trost bieten ihre Katze und der Alkohol, doch davon kann man keine Miete bezahlen. Um nicht auf der Straße zu landen, verkauft die 51-Jährige einen persönlichen Brief, den sie einst von Katharine Hepburn bekam. Die Bezahlung ist erstaunlich gut. Für Schriftstücke solcher Art gibt es einen kleinen, aber offensichtlich finanzstarken Sammlermarkt. Allerdings ist der Inhalt solcher Briefe mindestens so wichtig wie ihr Absender, stellt Lee fest, als ihr ein weiterer, allerdings banaler Brief (dieses Mal von Fanny Brice) in die Hände fällt. Und so kommt sie auf die Idee, die Sache aktiv anzugehen, schließlich ist smartes, pointiertes Schreiben das, was sie am besten kann. Immer raffinierter und elaborierter fälscht und verkauft Lee Briefe von verstorbenen Prominenten, irgendwann auch unter Einbeziehung ihres neuen schwulen Trinkkumpans Jack (Richard E. Grant, dessen Talent in anderen Rollen oft etwas unter die Räder kommt). Doch je weiter sie sich auf diesen Betrug einlässt, desto mehr Verdacht erregen ihre Verkäufe. Bis schließlich sogar das FBI Ermittlungen aufnimmt.

Schon mit ihrem hierzulande viel zu wenig beachteten Debütfilm »The Diary of a Teenage Girl« bewies Heller, dass sie ein bemerkenswertes Gespür nicht nur für spezifische Zeiten und Orte, sondern vor allem für Figuren hat, deren Persönlichkeiten und Emotionen weitaus mehr Grauzonen und Abgründe umfassen, als es selbst im amerikanischen Independent-Kino an der Tagesordnung ist. Mit »Can You Ever Forgive Me?«, dessen Drehbuch dieses Mal nicht von ihr selbst, sondern von Nicole Holofcener und Jeff Whitty stammt, setzt sie noch eins drauf oder geht, besser gesagt, noch mehr in die Tiefe.

Denn so faszinierend die wahre Geschichte von Lee Israel ist, auf deren gleichnamiger Autobiografie »Can You Ever Forgive Me?« basiert, so sehr entwickelt Hellers Film seinen Reiz aus ihrer wenig reißerischen, ­dafür umso nuancierteren Inszenierung. Sie konzentriert sich ganz auf ihre wenig sympathische Protagonistin (die eine un­typisch besetzte Melissa McCarthy auf bemerkenswerte Weise zum Leben erweckt) und deren auf durchaus wackeligen Beinen stehende Freundschaft mit Jack, heraus­ragend schelmisch verkörpert von Richard E. Grant. So gelingt ihr ein gleichermaßen bitterhumoriges wie bewegendes Porträt zweier einsamer (und nicht zufällig queerer) Seelen und ihres ungleichen Überlebenskampfs, das nebenbei auch einen sehr atmosphärischen und präzisen Blick auf ein Manhattan wirft, das es in dieser Form schon lange nicht mehr gibt. Oder anders gesagt: Was Heller hier erzählt, ist nichts ­weniger als eine der unerwartet wunder­barsten Geschichten, die es im Kino zuletzt zu sehen gab.

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