Kritik zu Chris the Swiss

© Real Fiction Filmverleih

Die Schweizer Regisseurin Anja Kofmel recherchiert, wie ihr Cousin, der als Journalist in den Jugoslawien­krieg zog, ums Leben kam, und sprengt dabei willentlich die Mittel des Dokumentarfilms

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Grauschwarz ist die Landschaft, menschenleer und abweisend. Ein kleines Mädchen läuft durch einen dichten Wald. Obwohl es nicht sehen kann, wohin es geht, scheint es doch ein Ziel zu haben. Mit bedrohlich wirkenden animierten Bildern beginnt Anja Kofmel ihren Dokumentarfilm, der sie auf der Suche nach den Gründen für den Tod ihres Cousins Christian Würtenberg nach Jugo­slawien führen wird, oder besser in das, was davon heute noch übrig ist.

Über 20 Jahre nach Kriegsende will Kofmel herausfinden, warum Christian, der als Journalist und Kriegsberichterstatter nach Sarajevo ging, dort in einer merkwürdigen Uniform der internationalen Söldnerbrigade PIV erwürgt wurde. Sie trifft Freunde und Bekannte des Cousins, spricht mit Kriegskameraden und Journalistenkollegen: eine ebenso aufwendige wie persönliche Recherche, denn als kleines Mädchen hatte sie den 26-Jährigen, von dem ein Geruch nach Nikotin und großer, weiter Welt ausging, immer bewundert. Sein sinnloser Tod hat die Familie zerstört, hat sich eingegraben in die Kinderseele und viele offene Fragen zurückgelassen.

Während der Bruder als Lokaljournalist Gemeinderatssitzungen begleitete, zog Christian in die Welt des Abenteuers und ließ sich im südafrikanischen Apartheidregime zum Kämpfer ausbilden. Nach seiner Rückkehr hielt er es nicht lange in der beschaulichen Schweiz aus. Die Tatsache, dass man einfach mit dem Zug mitten hineinfahren konnte in den Jugoslawienkrieg, ist schon erstaunlich genug.

Anja Kofmel weiß nur wenig über Christians Zeit in Jugoslawien. Sie ist auf ein paar Hefte mit unsortierten Aufzeichnungen angewiesen, die ihr nur lückenhaft zugänglich sind. Immer wieder fehlen signifikant einige Seiten. Und da sie kaum Filmaufnahmen hat aus dieser Zeit, imaginiert sie sich in seine Situation und schafft einen beklemmenden Zeichentrickfilm, der die Person aufleben lässt. Die Vermutungen darüber, warum Christian die Seiten wechselte und vom Beobachter zum Kämpfer wurde, überführt sie so in Bilder: War es die Frustration darüber, bei den Ungerechtigkeiten und dem brutalen Morden auf beiden Seiten nur zuschauen zu können? War es der Nervenkitzel des bewaffneten Kampfes? Sie entwirft ein stimmiges Bild. Wahrscheinlich wurde er von seinen eigenen Kameraden ermordet. Auf Befehl eines zwielichtigen Kommandanten, der seine Taten verbergen wollte.

Immer wieder scheint auf, dass nichts ganz zufällig passiert. Hinter dem PIV, so heißt es im Film, stand die ultrakatholische Bewegung Opus Dei, die aus dem Jugoslawienkrieg eine religiöse Aus­einandersetzung machen wollte und das katholische Kroatien als letzte Bastion ansah, vor dem großen orthodoxen Nachbarn und natürlich vor dem Islam. Mit dem PIV begannen die ethnischen Säuberungen, die in Wahrheit religiöse waren, bis er von der kroatischen Armee aufgelöst wurde. ­Weltgeschichte ist persönliche Geschichte, das zeigt der Film auf völlig undogmatische, nachvollziehbare Weise, die dennoch sehr betroffen macht.

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