Kritik zu Ab heute sind wir ehrlich

© Kairos Filmverleih

Vetternwirtschaft oder Rechtsstaat? – Die Menschen einer kleinen sizilianischen Stadt haben dazu in der schwarzen Politkomödie des italienischen Komiker-Duos Salvatore Ficarra und Valentino Picone eine klare Meinung

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»Cambiamento – Wechsel« lautet der Wahlslogan von Pierpaolo Natoli (Vincenzo Amato). Der aufrechte, politisch aber unerfahrene Gymnasialprofessor ist Bürgermeisterkandidat in der (fiktiven) Kleinstadt Pietrammare auf Sizilien, in der die Korruption alle Lebensbereiche durchdrungen hat. Verantwortlich dafür ist der gegenwärtige Amtsträger Gaetano Patanè (Tony Sperandeo), eine geckenhafte Berlusconi-Karikatur, der mit der Parole antritt: »Wählt Patanè, fragt nicht, warum«.

Zur allgemeinen Überraschung gewinnt der blasse Intellektuelle Natoli die Wahl, ­unterstützt von Tochter Betty und Schwager Valentino. Schwager Salvo hatte sich auf die Gegenseite geschlagen, wechselt aber nach Natolis Erfolg sogleich die Fronten, weil er sich davon geschäftlichen Erfolg verspricht. Der neue Bürgermeister fängt umgehend an, mit seinem Wahlprogramm und der Einführung rechtstaatlicher Verhältnisse Ernst zu machen: Erhöhung der Abfallgebühren, Mülltrennung, Prüfung von Baugenehmigungen, Verteilen von Knöllchen für Falschparker und andere Verkehrssünder, Umweltschutz. Die Uhren werden vorgestellt, die Sommerzeit beginnt, und damit eine neue Zeitrechnung. Doch all die neuen »Regula« waren bislang unbekannt und bringen die Gemeinde alsbald gegen den Bürgermeister auf. Selbst der Pfarrer rebelliert, weil er für das einträgliche Pilger-B&B plötzlich Steuern zahlen soll. Unter dem Druck des Volkszorns entschließen sich Valentino und Salvo, ihren Schwager mit subversiven Mitteln zu Fall zu bringen.

Das sizilianische Komiker-Duo Salvatore (Salvo) Ficarra und Valentino Picone, Regisseure und Hauptdarsteller, will mit »Ab heute sind wir ehrlich« das »heutige Italien porträtieren und unsere Figuren mit ihrer Sehnsucht nach Einhaltung der Gesetze und Regeln auf die Probe stellen.« Die Methode, mit der die Filmemacher ihre verheerende Diagnose italienischer Verhältnisse erstellen, ist dabei eher die des Holzschnitts. Allzu oft geht die Satire in dem Klamauk unter, mit dem die Bürger von Pietrammare ihren politischen Unmut und ihre Anliegen vortragen. Die Figuren sind durchweg plakativ gestaltet, eine Entwicklung findet nicht statt, sie sind am Ende so egoistisch und opportunistisch wie am Anfang. Überraschend ist daher der unvermittelte Stimmungswechsel der Vox populi, der auch deswegen nicht plausibel wird, weil der Film keine Geschichte erzählt, sondern bloß Zustände und Charaktere abbildet. Hinzu kommt, dass die beiden Protagonisten – ebenfalls recht stereotyp in den Rollen des sanften Besonnenen (Valentino), und des hyperaktiven Wendehalses (Salvo) – sich auf Kosten der politischen ­Substanz allzu sehr in den Vordergrund spielen. Am Ende werden die Uhren zurückgestellt. Der einzige Bürger, der sich der aufgebrachten Menge zu widersetzen wagte, liegt gefesselt im Keller der Inquisition, die dem alten Bürgermeister aus Rom zu Hilfe geeilt ist. Ob die rabenschwarze Dystopie ex negativo ihre pädagogische Wirkung ent­faltet, bleibt zu hoffen – immerhin war der Film im Jahr 2017 einer der besucher­stärksten in Italien.

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