Gerhard Midding

Gerhard Midding ist freier Autor für Tageszeitungen (Berliner Zeitung, Die Welt), Zeitschriften (epd Film, filmbulletin) sowie Radio-(rbb Kulturradio) und Fernsehsender (3sat). 

Filmkritiken von Gerhard Midding

Der Titel von Daniela Abkes Dokumentarfilm ist Programm: Sie nimmt nicht nur die Anmut des alten Pariser Arbeiterviertels in den Blick, sondern spürt auch dessen Historie widerständiger Volkstümlichkeit nach. Voller Zuneigung porträtiert sie einige temperamentvolle Bewohner, die die Erinnerung an das Vergangene am Leben halten.
Eine geheime Polizeibrigade jagt die Attentäter, die im November 2015 die Anschläge auf das Bataclan und andere Orte zivilen Lebens in Paris verübten. Die Aufarbeitung des Traumas bleibt in Cédric Jimenez' Thriller konsequent auf die Perspektive der Ermittler begrenzt. Der Ensemblefilm ist prominent, aber unauffällig besetzt. Er ist spannend und greift kurz.
Eine junge, ehrgeizige Balletttänzerin zieht sich bei ihrem Soloauftritt einen Bänderriss zu, der ihre Karriere zu beenden droht. Aber Cédric Klapisch, der Meister der filmischen Zuversicht, hat noch viel mit ihr vor. In dieser vielstimmigen, emphatischen Hymne an die Kreativität absolviert Primaballerina Marion Barbeau einnehmend ihre erste Kinorolle.
Ryûsuke Hamaguchi füllt das altgediente Format des Episodenfilms mit frischem, komödiantischem Elan. Drei so intrigen- wie wortreich konstruierte Kurzfilme über Sehnsucht, Verletzbarkeit und die Segnungen des Zufalls summieren sich zu einer moralischen Erzählung in der Nachfolge Eric Rohmers. Der behände Lockdown-Film, mit kleinem Budget und Stab quasi parallel zu »Drive My Car« gedreht, fungiert als dessen Gegenstück und vergnügliche Ergänzung – und bekräftigt Hamaguchis Ruf, einer der aufregendsten Schauspieler-Regisseure der Gegenwart zu sein.
Joachim Lafosse, Spezialist für Verwerfungen bürgerlicher Liebesarrangements, erzählt hier von den Abgründen, an welche die bipolare Störung eines Vaters ihn und seine Angehörigen führt. Der Film hat autobiografische Wurzeln und Lafosse ein sicheres Gespür für den richtigen Erzählton.
Eine weitere Liebeserklärung an das Kino bzw. sein Trägermedium, das altgediente Zelluloid. In Zhang Yimous heiter-melancholischem Historienfilm wird erbittert um einen Filmstreifen gestritten, der, furchtbar lädiert, schließlich gerettet wird und seinen Zauber entfaltet.
Bruno Dumonts Film ist eine grimmige Satire auf die Obszönität von Medienwelt und Berühmtheitskult. Mit der Sendung »Ein Blick auf die Welt« ist die Fernsehjournalistin France de Meurs (Léa Seydoux) zum Star und heiß begehrten Selfie-Objekt geworden. Nach einem Verkehrsunfall wird der Blick, den sie auf ihr Leben richtet, unversehens fragender. Der Regisseur schickt sie auf einen Kreuzweg, an dessen Ende keine Läuterung versprochen ist.
Im Frankreich der frühen 1960er Jahre ist die Abtreibung noch illegal, aber die ehrgeizige Studentin Anne ist fest entschlossen, noch kein Kind zu bekommen. Audrey Diwans nüchtern erzählter, aber zugleich eminent physischer Film versenkt sich tief in die Mentalität der Epoche und begleitet seine Hauptfigur empfindsam durch ihren Parcours der Anfechtungen.
Nach zwei Ausflügen ins westeuropäische Kino kehrt Asghar Farhadi mit seinem neuen Film in seine Heimat zurück, um seine detektivischen Ermittlungen in der iranischen Gegenwart fortzusetzen. Was ein Brechtsches Lehrstück hätte werden können über das Unglück eines Landes, das Helden nötig hat, erweist sich als ein moralischer Thriller, der so umsichtig konstruiert ist, dass er das Urteil über seinen Protagonisten dem Publikum überlassen kann.
Jacques Audiards neuer Film ist ein forscher Kurswechsel: Zum ersten Mal dreht er in Schwarzweiß, zum ersten Mal adaptiert er einen Comic und verzichtet dabei (fast) ganz auf die Gewalt, die sonst das dramaturgische Kraftfeld seines Kinos bildet. Statt dessen zeichnet er ein lebhaftes Generationenporträt und inszeniert einen beschwingt melancholischen Liebesreigen im modernen Paris.

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