Gerhard Midding

Gerhard Midding ist freier Autor für Tageszeitungen (Berliner Zeitung, Die Welt), Zeitschriften (epd Film, filmbulletin) sowie Radio-(rbb Kulturradio) und Fernsehsender (3sat). 

Filmkritiken von Gerhard Midding

Michael Sarnoski (»A Quiet Place: Tag Eins«) rechnet unerbittlich mit der Legende von Englands beliebtestem Dieb ab. Hugh Jackman erkundet schwermütig die Abgründe des gealterten Recken. Jodie Comer spielt zwar mitnichten Maid Marian, trägt aber trotzdem helle Zuversicht in einen zutiefst düsteren Film.
Nachdem Jan Komasa im letzten Jahr mit „The Change“ versuchte, ein amerikanischer Regisseur zu werden, stellt er sich nun erheblich überzeugender als ein englischer vor. In seinem Kammerspiel entführt ein sittenstrenger Familienvater einen jungen, zügellosen Rowdy mit der Absicht, ihn umzuerziehen. Die Satire über bizarre Wahlverwandtschaften ist fesselnd besetzt, ziemlich nasty und steckt voller verstörender Wendungen.
Für sein Kinodebüt hat Opernregisseur Damiano Michieletto den Roman »Stabat Mater« von Tiziano Scarpa adaptiert, in dem eine begabte Violinistin in Antonio Vivaldi einen fordernden Lehrmeister findet. Angesiedelt in einem venezianischen Waisenhaus, entwirft der Film ein Sittenbild des Spätbarock, getragen von starken DarstellerInnen und dem Wohlklang der Musik.
Andrea Segres ist ein Seismograph politischer und gesellschaftlicher Stimmungen. Sein Biopic des italienischen Kommunistenführers feiert dessen einzigartiges Charisma, in dem sich Werte, Prinzipien und die Öffnung für konkurrierende politische Lager heroisch bündeln.
Victor Hugos gewaltiger Roman diesmal nicht als Epos, sondern als Kammerspiel. Éric Besnard schildert, wie der spätere Menschenfreund Jean Valjean seinen Kompass findet. Seine Inszenierung des Streitens um sittlichen und sozialen Fortschritt ist berückend düster und die Besetzung des Vierpersonenstückes glänzend: Als intime, konzentrierte Adaption sind diese »Elenden« beinahe so gewaltig wie die Vorlage.
Im sommerlichen Flirren der Cote d' Azur ringt ein gut behüteter Teenager mit seinen Träumen und muss entscheiden, welche Richtung er seinem Leben geben will. Einfühlsam begleiten Robin Campillo und der vor Drehbeginn verstorbene Laurent Cantet ihn durch den Taumel der Gefühle. Ein Gemeinschaftswerk, das nicht nur als postumer Freundschaftsdienst bewegend ist.
Toni Servillo ist Paolo Sorrentinos Muse. In ihrem siebten gemeinsamen Film verkörpert er einen Staatspräsidenten am Ende seiner Amtszeit, der heimgesucht wird von den trügerischen Erinnerungen an seine verstorbene Frau. Dringend anstehende Aufgaben schiebt er mit philosophischer Gelassenheit vor sich her, um dann verblüffende Entscheidungen zu treffen. Ein Hohelied auf die Melancholie, das ein, zwei Enden zu viel hat.
Ein sterbenskranker Gangsterboss, sein zukunftstrunkener Gegenspieler und eine Auftragskillerin, die ohne Schalldämpfer arbeitet: Christoph Hochhäusler inszeniert einen zeitgenössischen Film Noir, in dem das Alte und das Neue einen erbitterten Kampf um die Hoheit austragen. Eine Frischzellenkur für das Genre - nicht nur dank des ungeläufigen Drehorts Brüssel und einer Besetzung voller unverbrauchter Gesichter (Sophie Verbeek ist magistral), die um einen alten Löwen (der anmutig verwitterte Louis-Do de Lencquesaing) kreist.
Die nächtliche Bühne, die der dritte Langfilm des Regiegespanns Marcio Reolon und Filipe Matzembacher im Titel führt, ist mindestens doppeldeutig. Zwei ehrgeizige Schauspieler und ein aufstrebender Politiker spielen in dem queeren Erotikthriller eine Rolle, hinter der sich ihre wahre Identität verbergen muss.
Regiedebütant Lauro Cress und sein Co-Autor Florian Plumeyer haben Stefan Zweigs Vorlage frei und zugleich mit großer emotionaler Präzision adaptiert. Souverän erkunden sie die Schattierungen von Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Stolz und Liebe. Das einnehmende Ensemble trägt maßgeblich zur elektrisierenden Frische des Melos bei.

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Tipp
Das Andrzej-Wajda-Jahr wurde nicht in Krakau, Lodz oder Warschau eröffnet, sondern in Düsseldorf. Das dortige Filmmuseum feiert den 100. Geburtstag des polnischen Regisseurs mit einer tiefschürfenden Ausstellung.
Tipp
MUBI zeigt afrikanische Filme, die in Cannes ihren Durchbruch erlebten: kämpferisch, auch in den leisen Tönen.