Gerhard Midding

Gerhard Midding ist freier Autor für Tageszeitungen (Berliner Zeitung, Die Welt), Zeitschriften (epd Film, filmbulletin) sowie Radio-(rbb Kulturradio) und Fernsehsender (3sat). 

Filmkritiken von Gerhard Midding

Eigentlich sollte aus der Ausgangsidee ein Krimi werden, aber dann schwenkten Drehbuch und Regie zur Komödie hinüber, dem dominanten Exportgut des französischen Kinos. Michel Blanc als mürrischer Arzt im Bereitschaftsdienst und der Newcomer Hakim Jemili als Fahrradkurier wachsen in einer Weihnachtsnacht zu einem munteren Gespann zusammen, das diverse Notfälle (auch in eigener Sache) behandelt
In vier lose miteinander verbundenen Episoden dekliniert Mohhamad Rasulof (»Manuscripts Dont Burn, »A Man of Integrity«) das Tabuthema der Todesstrafe in seiner iranischen Heimat durch. Nicht Verurteilte, sondern Vollstrecker stehen im Mittelpunkt. Ihre ethischen Konflikte verhandelt der Drehbuchautor und Regisseur schillernd und nuancenreich
Ein amerikanischer Independentfilm ohne gesellschaftliche Brisanz oder aktuell gewichtiges Thema, und dennoch ein kleines, schüchternes Bravourstück. Andrew Ahn inszeniert die Begegnung einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Sohn mit einem Korea-Veteranen (Brian Dennehy in einer seiner letzten großen Charakterrollen) als eine Ballade über Freundschaft, Familie und Vermächtnis: intelligent, diskret und wohltemperiert
Robert Clift, der Neffe des Schauspielers, dekonstruiert die Legende seines selbstzerstörerischen Lebens. Der Film gibt dem Hollywoodstar das Leuchten zurück, das er auf der Leinwand haben konnte, verschließt sich aber nicht der Wehmut, die darin lag
Patience (Isabelle Huppert), die als Dolmetscherin für das Pariser Drogendezernat arbeitet, gerät unverhofft in den Besitz einer enormen Cannabis-Lieferung. Jean-Paul Salomé inszeniert ihre Verwandlung in eine geschäftstüchtige Dealerin temperamentvoll und einfühlsam: als Komödie um Verlockung, Lebensträume und Solidarität. Hupperts Unergründlichkeit darf diesmal munteren Elan gewinnen
1975, ein Jahr vor Beginn der Militärdiktatur erlebt die argentinische Gesellschaft bereits das Vorspiel kommender Massaker. Der ein Jahrzehnt danach geborene Regisseur Benjamin Naishtat erschließt sich diese Epoche schwelender Bedrohung und massiver Repression nach allen Regeln des Paranoiakinos. Er liefert keine Geschichtslektion, sondern eine schillernde Parabel auf Anpassung und Straflosigkeit
In ihrem letzten gemeinsamen Film knüpfen Paolo und Vittorio Taviani an ihr Meisterwerk »Die Nacht von San Lorenzo« an: eine poetische, bange Chronik des Krieges. Diesmal steht nicht der Zusammenhalt einer flüchtenden Gemeinschaft im Zentrum, sondern der Alltag versprengter Partisanen. Luca Marinelli ist berückend als Widerstandskämpfer, der in den Wirren seinen besten Freund sucht und sich an eine unerfüllte Liebe erinnert
Jan Komasa erzählt von einem entlassenen Sträfling, der sich als Priester ausgibt. Komödie und Drama durchdringen sich blitzgescheit. Bartosz Bielenia ragt heraus aus einem Ensemble, das sich zu einer beklemmenden Gesellschaftsstudie verdichtet: »Corpus Christi«
In seinem Langfilmdebüt, einer Kaskade bizarrer Erzählungen, treibt Aritz Moreno ein launiges Spiel mit Wahn und Wahrheit. Jeder Bericht könnte eine Fantasterei, jedes Geständnis eine Lüge sein. Indes, die smarte Lust am Fabulieren steht dem munteren Auflistungskino eines Jean-Pierre Jeunet näher als dem anarchischen Vagabundieren eines Luis Buñuel
Ein halbes Jahrhundert nach »Ein Mann und eine Frau« begegnen sich Jean Louis Trintignant und Anouk Aimée wieder. Damals war er ihrer Liebe nicht gewachsen, nun ist sie die einzige Erinnerung, die ihm geblieben ist. Unter der Regie von Claude Lelouch entdecken sich die wunderbaren Darsteller wieder neu: mit rüstiger Nostalgie und wachsamem Elan

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