Gerhard Midding

Gerhard Midding ist freier Autor für Tageszeitungen (Berliner Zeitung, Die Welt), Zeitschriften (epd Film, filmbulletin) sowie Radio-(rbb Kulturradio) und Fernsehsender (3sat). 

Filmkritiken von Gerhard Midding

Der Mexikaner Fernando Eimbcke erzählt in atmosphärischem Schwarz-Weiß von der Freundschaft, die sich unerwartet zwischen einer Witwe und einem Jungen entspinnt, dessen Mutter nach einer Chemotherapie im Koma liegt. In der konfliktreichen Wohngemeinschaft der zwei scheinbar unvereinbaren Charaktere brechen nie vernarbte Wunden auf, in ihr keimen aber auch Empathie und Zuversicht.
David Robert Mitchell dreht üblicherweise paranoide Filme, in denen die Charaktere einander ausspionieren und nachstellen. Nun verschlägt es ihn in Vorstadtszenerien die an Spielbergs Produktionen der 1980er erinnern. Als diese ins Erdmittelalter katapultiert und von gefräßigen Dinosauriern heimgesucht werden, bricht sich gut geöltes Sensationskino Bahn. Aber auch im Wurmloch der Nostalgie bleibt der Regisseur sich treu.
Die Filme von Jean-Paul Salomé beruhen entweder auf wahren Geschichten (»Die Gewerkschafterin«) oder modernisieren populären Mythen (»Arsène Lupin«, »Belphégor«). In seinem neuen Werk verknüpft er souverän beide Stränge. In seinem Biopic des Meisterfälschers und begnadet-erfolglosen Erfinders Jan Bojarski unternimmt er zugleich einen munteren Streifzug durch die Geschichte des französischen Kriminalfilm.
Léa Pool kehrt mit einem vielschichtigen Flüchtlingsdrama in unsere Kinos zurück. Saad und Reza wurden in ihrer Heimat (dem Iran bzw. Marokko) als Homosexuelle verfolgt und wollen sich als Paar eine Zukunft in Kanada aufbauen. Als Reza die Abschiebung droht, beginnt Saad ein Verhältnis mit einem Angestellten des Migrationsministeriums – ein Terrain der Zerrissenheit, durch das die Regisseurin engagiert und einfühlsam navigiert.
Michael Sarnoski (»A Quiet Place: Tag Eins«) rechnet unerbittlich mit der Legende von Englands beliebtestem Dieb ab. Hugh Jackman erkundet schwermütig die Abgründe des gealterten Recken. Jodie Comer spielt zwar mitnichten Maid Marian, trägt aber trotzdem helle Zuversicht in einen zutiefst düsteren Film.
Nachdem Jan Komasa im letzten Jahr mit „The Change“ versuchte, ein amerikanischer Regisseur zu werden, stellt er sich nun erheblich überzeugender als ein englischer vor. In seinem Kammerspiel entführt ein sittenstrenger Familienvater einen jungen, zügellosen Rowdy mit der Absicht, ihn umzuerziehen. Die Satire über bizarre Wahlverwandtschaften ist fesselnd besetzt, ziemlich nasty und steckt voller verstörender Wendungen.
Für sein Kinodebüt hat Opernregisseur Damiano Michieletto den Roman »Stabat Mater« von Tiziano Scarpa adaptiert, in dem eine begabte Violinistin in Antonio Vivaldi einen fordernden Lehrmeister findet. Angesiedelt in einem venezianischen Waisenhaus, entwirft der Film ein Sittenbild des Spätbarock, getragen von starken DarstellerInnen und dem Wohlklang der Musik.
Andrea Segres ist ein Seismograph politischer und gesellschaftlicher Stimmungen. Sein Biopic des italienischen Kommunistenführers feiert dessen einzigartiges Charisma, in dem sich Werte, Prinzipien und die Öffnung für konkurrierende politische Lager heroisch bündeln.
Victor Hugos gewaltiger Roman diesmal nicht als Epos, sondern als Kammerspiel. Éric Besnard schildert, wie der spätere Menschenfreund Jean Valjean seinen Kompass findet. Seine Inszenierung des Streitens um sittlichen und sozialen Fortschritt ist berückend düster und die Besetzung des Vierpersonenstückes glänzend: Als intime, konzentrierte Adaption sind diese »Elenden« beinahe so gewaltig wie die Vorlage.
Im sommerlichen Flirren der Cote d' Azur ringt ein gut behüteter Teenager mit seinen Träumen und muss entscheiden, welche Richtung er seinem Leben geben will. Einfühlsam begleiten Robin Campillo und der vor Drehbeginn verstorbene Laurent Cantet ihn durch den Taumel der Gefühle. Ein Gemeinschaftswerk, das nicht nur als postumer Freundschaftsdienst bewegend ist.

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Meldung
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