Gerhard Midding

Gerhard Midding ist freier Autor für Tageszeitungen (Berliner Zeitung, Die Welt), Zeitschriften (epd Film, filmbulletin) sowie Radio-(rbb Kulturradio) und Fernsehsender (3sat). 

Filmkritiken von Gerhard Midding

In drei Epochen tragen sich auf dem Campus der Philipps-Universität Marburg drei stille, heitere Abenteuer der Entdeckung zu. Sie alle kreisen um einen stattlichen Ginkgobaum, dem zuzuhören sich lohnt. Ildikó Enyedi inszeniert ihren Film als eine Sinfonie der Sinneswahrnehmungen – aufgeweckt, verblüffend und empfänglich für die leiseste Seelenregung. Nebenbei ist ihr ein Lockdown-Film gelungen, auf den man schon nicht mehr zu hoffen wagte.
Eine späte Heimkehr, die in Aussöhnung und ein künstlerisches Comeback münden soll: Joachim Trier erzählt von einem Regisseur, der seine entfremdeten Töchter zurückgewinnen und sein Karrieretief überwinden will. Renate Reinsve und Stellan Skarsgård sind die Aufmerksamkeitsmagneten jeder Szene, aber Triers Film birst bis in die Nebenrollen vor klug gelenkter Schauspiellust.
Paolo Genovese inszeniert in seiner italienischen Erfolgskomödie eine leidlich verrückte Gefühlsverwirrung, bei der ein angehendes Liebespaar sich der widersprüchlichen Stimmen aus seinem Unterbewusstsein erwehren muss. Im Kern eine Variante von Pixars »Alles steht Kopf«; diesmal mit recht animierten Realfiguren.
Jean Dujardin und Regisseur Jan Kounen erzählen Richard Mathesons Geschichte »The Incredible Shrinking Man« neu. Voller solider Spezialeffekte und halbgarer philosophischer Erkenntnisse.
Im tschechisch-polnischen Originaltitel fehlt das K. Die Hinzufügung dürfte jedoch im Sinne Agnieszka Hollands sein, die Kafka durchaus mit seinem literarischen Alter Ego Josef K. kurzschließt. Ihre Biografie ist ein Wechselspiel aus brav inszeniertem Pflichtprogramm und gelegentlichen Höhenflügen inszenatorischer Fantasie.
Ai Weiweis erste Operninszenierung scheint ein glorioser Erfolg gewesen zu sein. Leider erfährt man in Maxim Dereviankos hagiographischem Dokumentarfilm nichts über deren künstlerische Güte.
In Five Points, dem aus »Gangs of New York« berüchtigten Viertel im Süden Manhattans, soll eine Schar von Nonnen ein Waisenhaus errichten. Ihre Leiterin Francesca Fabrini trotzt allen Widerständen, überwindet Fremdenhass und Arroganz der Institutionen. Die reale Figur wurde vom Vatikan heilig gesprochen, aber Alejandro Gómez Monteverdes voreiliges Biopic verherrlicht sie schon zu ihren Lebzeiten.
Die Dokumentarfilmer Michael Dweck und Gregory Kershaw entdecken dem Publikum die majestätisch-schroffen Landschaften der argentinischen Provinz Salta, wo die letzten Gauchos versuchen, sich ihr Handwerk und ihre Kultur zu bewahren. Ein Stück lebendiger, gültiger Folklore.
Ein Fischerdorf wird aus seiner Trägheit aufgeschreckt, als ein homophober Angriff verübt wird. Emanuel Parvu seziert das gesellschaftliche Klima mit dem unerbittlichen Naturalismus, den das rumänische Kino wie kein anderes beherrscht.
Juliane Sauter hat ihren Dokumentarfilm der Sopranistin Renata Scotto gewidmet, die nach den Dreharbeiten im Alter von 89 Jahren starb. Die Verehrung für die rüstige Dame überschattet freilich nie die Ausstrahlung ihrer jüngeren Kolleginnen Angel Blue und Valerie Eickhoff, die ihren Beruf im je eigenen Spannungsfeld zwischen Hingabe und Zweifel ausüben. Ein überraschend leiser Opernfilm.

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Meldung
Nathalie Baye war eine der vielseitigsten französischen Schauspielerinnen ihrer Generation – graziös, klug und nie einzuordnen. Ein Nachruf auf eine Ausnahmekünstlerin.