Gerhard Midding
Gerhard Midding ist freier Autor für Tageszeitungen (Berliner Zeitung, Die Welt), Zeitschriften (epd Film, filmbulletin) sowie Radio-(rbb Kulturradio) und Fernsehsender (3sat).
Filmkritiken von Gerhard Midding
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Eine Kinderbuchillustratorin kehrt in die Heimat zurück, um einen Ausweg aus ihrer Depression zu finden. Im Kreis der Familie wird sie mit alten Konflikten und einem bisher beschwiegenen Geheimnis konfrontiert. Aus der Wiederbegegnung schlagen Blandine Lenoir, die den Film ihrem Vater gewidmet hat, und ihr bestens aufgelegtes Ensemble heiter-melancholische Funken.
Jeff Nichols' Bikerfilm ist eine Ode an den Gemeinschaftssinn freiheitsliebender Außenseiter, die kongenial besetzt ist und die Folklore des verblichenen Genres lebhaft gegen den Strich bürstet.
Die Geschichte einer Ehe, die früh scheitert, aus der es aber kein Entrinnen gibt. Daniele Luchetti (»Mein Bruder ist ein Einzelkind«) treibt in seinem detailverliebten, raffiniert verschachtelten Drama ein Spiel mit der Erinnerung des Publikums. Trotz einnehmender Hauptdarsteller (Luigi Lo Cascio, Alba Rohrwacher) ergreift er keine Partei im Ehekrieg, sondern spürt sensibel
nach, was für Konsequenzen dieser für die Kinder hat.
Nach seiner Trilogie über die Verschärfung der sozialen Verhältnisse (u. a. »Streik«) vollzieht Stéphane Brizé einen verblüffenden Registerwechsel. Er kehrt zum Genre des sensiblen Melodrams (»Mademoiselle Chambon«) zurück. Die Wiederbegegnung eines Liebespaars (Alba Rohrwacher, Guillaume Canet) inszeniert er als eine stimmungsvolle Archäologie verschütteter Sehnsüchte und Lebenszweifel.
Marco Carrera ergeht es wie Dr. Schiwago, dem Held seines Lieblingsromans in der Jugend: Über ihn bricht jedes Unglück der Welt hinein. Francesca Archibugi adaptiert den gleichnamigen Roman von Sandro Veronesi als eine Kaskade der Katastrophen, in welcher die illustren Darsteller sowie der große Kameramann Luca Bigazzi rätselhaft unterfordert bleiben.
Das Regiedebüt von Paola Cortellesi spielt im Rom des Jahres 1946, verliert aber nicht aus den Augen, dass häusliche Gewalt kein Ablaufdatum hat. Die beschwingte, gleichwohl unversöhnliche Komödie fiebert mit einer unterdrückten Hausfrau mit, die von einem besseren Leben zu träumen wagt: ein Meisterstück des gesellschaftspolitischen Suspense.
Den Bechdel-Test besteht Mélanie Auffrets Film mühelos: Hier diskutieren die Frauen nicht über Männer, sondern über fehlende Infrastruktur im Dorf. Willkommen in Kerguen, wo ein garstiger Rentner seinen alten Tornister schultert, um endlich Lesen zu lernen, und eine junge Bürgermeisterin pfiffig gegen die Landflucht kämpft. Die herzige Komödie fiebert mit ihren Figuren mit, ohne sie allzu großer Sentimentalität preiszugeben.
Auf den Spuren von »Rashomon« erzählt Hirokaz Kore-edas neuer Film drei Versionen der gleichen Geschichte, um der Wahrheit über die mögliche Misshandlung eines Schülers auf die Spur zu kommen. Die bewährte Sensibilität des Regisseurs hat in dieser Konstruktion keinen leichten Stand, findet aber doch zu wehmütiger Zuversicht.
Jonathan Glazer erzählt vordergründig vom beschaulichen Dasein der Familie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Kunstvoll erhebt er Einspruch gegen die Obszönität dieser Idylle. Ihm gelingt ein Meisterstück beklemmender filmischer Suggestion, denn untergründig ist das Grauen der Shoah in jeder Sekunde zu spüren.
Chistopher Zalla erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines exzentrischen Lehrers, dessen Glaube an das Potenzial seiner Schüler unerschütterlich ist. Wie er den Verhältnissen in einer heruntergekommenen mexikanischen Grenzstadt trotzt, schildert der Film im Sicherheitsnetz des Wohlfühlfilms.
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