Gerhard Midding

Gerhard Midding ist freier Autor für Tageszeitungen (Berliner Zeitung, Die Welt), Zeitschriften (epd Film, filmbulletin) sowie Radio-(rbb Kulturradio) und Fernsehsender (3sat). 

Filmkritiken von Gerhard Midding

Die Dokumentarfilmer Michael Dweck und Gregory Kershaw entdecken dem Publikum die majestätisch-schroffen Landschaften der argentinischen Provinz Salta, wo die letzten Gauchos versuchen, sich ihr Handwerk und ihre Kultur zu bewahren. Ein Stück lebendiger, gültiger Folklore.
Ein Fischerdorf wird aus seiner Trägheit aufgeschreckt, als ein homophober Angriff verübt wird. Emanuel Parvu seziert das gesellschaftliche Klima mit dem unerbittlichen Naturalismus, den das rumänische Kino wie kein anderes beherrscht.
Juliane Sauter hat ihren Dokumentarfilm der Sopranistin Renata Scotto gewidmet, die nach den Dreharbeiten im Alter von 89 Jahren starb. Die Verehrung für die rüstige Dame überschattet freilich nie die Ausstrahlung ihrer jüngeren Kolleginnen Angel Blue und Valerie Eickhoff, die ihren Beruf im je eigenen Spannungsfeld zwischen Hingabe und Zweifel ausüben. Ein überraschend leiser Opernfilm.
In Cédric Klapischs neuem Film wird ein Familienerbe durch Kunst und Abstammung weitergereicht. Schaulustig changiert er zwischen der Gegenwart und der Belle Époque, die sich beide ihrer Modernität rühmen. Er stellt konservative Fragen – und findet spielerisch dynamische Antworten.
Regisseur Niclas Bendrixen schickt ein dänisches Ehepaar auf eine sentimentale Reise nach Rom. Das Geschenk ihrer Tochter zum 40. Hochzeitstag erweist sich als zweideutige Gabe, denn die routinierte Zweisamkeit wird auf harte Proben gestellt. Ein Parcours hartnäckiger Klischees, den das Publikum dank der einnehmenden Hauptdarsteller glimpflich überstehen kann.
Robert Guédiguian versammelt seine vertraute Filmfamilie, um mit ihr seine bewährten Themen zu verhandeln: die armenischen Wurzeln, Solidarität, Engagement. Erstaunlich, dass dies noch immer ohne Schleifspuren der Routine gelingt!
Der Film konzentriert sich auf eine heroische Anekdote, in der der Schriftsteller als Postflieger einen in den Anden verschollenen Freund retten will. Die verbürgte Episode wird märchenhaft ausgemalt, die naiven digitalen Effekte jedoch korrumpieren die Glaubhaftigkeit der Erzählung nachhaltig.
Eindringlich, mit wachem Blick für Zeitkolorit und die soziale Atmosphäre der kalabrischen Provinz schildert das Regiegespann Daniela Porto/Cristiano Bortone den Kampf einer alleinerziehenden Mutter für Selbstbestimmung. In der empfindsamen Adaption von Portos Roman steht ganz Italien vor dem Aufbruch in eine freiere Zukunft, als bei der Wahl 1946 zum ersten Mal auch Frauen ihre Stimme abgeben können.
Die Regierung mag während der Hitzewelle davor warnen, ins Freie zu gehen. Aber der wahre Schrecken lauert hinter den Fassaden. Noémie Merlants zweite Regiearbeit ist ein halluzinierender Formwandler von einem Film, vermischt gewitzt die Genres, bricht rabiat mit Sehkonventionen und feiert, prächtig besetzt, die weibliche Selbstermächtigung. Nur: Wie bringt man einen Geist dazu, die Wahrheit zu gestehen?
Marta Savina erzählt eindringlich, wie sich im Sizilien der 1960er Jahre eine Bauerntochter gegen den archaischen Brauch der Brautentführung zur Wehr setzt. Claudia Gusmano verkörpert sie als empfindsame Streiterin, die mutig eigenen Zweifeln und den Vorurteilen einer patriarchalen Gesellschaft trotzt.

Weitere Inhalte zu Gerhard Midding

Tipp
Das Andrzej-Wajda-Jahr wurde nicht in Krakau, Lodz oder Warschau eröffnet, sondern in Düsseldorf. Das dortige Filmmuseum feiert den 100. Geburtstag des polnischen Regisseurs mit einer tiefschürfenden Ausstellung.
Tipp
MUBI zeigt afrikanische Filme, die in Cannes ihren Durchbruch erlebten: kämpferisch, auch in den leisen Tönen.
Meldung
Nathalie Baye war eine der vielseitigsten französischen Schauspielerinnen ihrer Generation – graziös, klug und nie einzuordnen. Ein Nachruf auf eine Ausnahmekünstlerin.