Harald Mühlbeyer

King Vidor ist ein Regisseur des Ensembles. Er vereint seine Protagonisten vor der Kamera und lässt ihnen und ihren kleinen, eigenen Geschichten den Raum, den sie benötigen. Daraus dann schält sich irgendwann die Haupthandlung des Films heraus – wie zufällig und unbeabsichtigt.

Jens Balkenborg

Wenn ein Film über die Leinwand flackert, in dem die Bilder als die urkinematografische Ausdrucksform schlechthin mehr zu sagen vermögen als es Worte jemals tun könnten: Dann wird die Analogie von Film und Sprache, konkret: die filmische Sprache sehr greifbar. Das ist die Kunst des Kinos: mit Bildern erzählen.

Silvia Hallensleben

Kleiner Nachtrag zum Thema Programmgestaltung: Es gibt die von mir vermissten Kinoübersichten, zum Beispiel hängt eine in der Akademie der Künste im Foyer. Auch die Kinos selbst haben welche im Kassenhäuschen, wie ich gesehen habe. Verstehe nicht, weshalb man die dann nicht auch online stellen kann – oder habe ich sie einfach nicht gefunden? Ich habe mir auf einer kleinen Rundreise jetzt die von Akademie und Delphi (mit Hilfe eines netten Mitarbeiters) abfotografiert, leider in technisch so schlechter Qualität, dass ich sie besser auch nicht veröffentliche.

Frank Arnold

Eines Tages steht er da, der Wagen mit den zwei Männern darin, die nichts tun als zu beobachten. Unsicherheit macht sich breit unter den Anwohnern der Straße in der iranischen Provinzstadt. Auch bei dem Lehrer Bakhtiyar, der erst vor kurzem mit seiner Familie hierher gezogen ist. Gegenseitige Verdächtigungen und Beschuldigungen machen die Runde, die Nerven liegen blank. Bakhtiyars Gerechtigkeitssinn wird immer wieder auf die Probe gestellt, so wenn er einen Schüler in einer Prüfung beim Schummeln erwischt. Erst bettelt der darum, das doch zu übersehen, dann spricht er eine Drohung aus.

Gerhard Midding

Eine der schönsten Anekdoten über Amerika und die Welt, über Kino und Politik hat mit King Vidor zu tun. Die Rolle, die einer seiner Filme darin spielt, hätte ihn ohne Zweifel überrascht. Aber sie ist ihm angemessen, weil sie von Widerspruch und Ambivalenz handelt.

Harald Mühlbeyer

Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster? »Comrade X« jedenfalls ist, wie ich ohne das Gesamtwerk zu kennen behaupte, der witzigste King Vidor-Film. Im Moskau des Jahres 1940 wird die Weltpresse mehr und mehr zensiert, doch einem geheimnisvollen Korrespondenten/Spion, Comrade X genannt, gelingt es immer wieder, für den Kreml höchst unliebsame Stories in die USA zu lancieren. Nun, wer mag wohl dieser geheimnisvolle Genosse sein?

Jens Balkenborg

Festival heißt: Jeden Tag hinein in den Tunnel, Filme weg bingen und wenig von der Außenwelt mitbekommen. Bei den vielen, vielen unterschiedlichen Filmen freut man sich vor allem über Szenen, die sich einbrennen. Denn diese bilden schließlich, zusammengehalten durch eine geistige Montage, den ganz persönlichen Festivalrückblick.

Ulrich Sonnenschein

Das wirklich feministische Kino fasziniert beide Geschlechter. In ihrem Film »Never rarely sometimes always« erzählt die Amerikanerin Eliza Hittman von zwei jungen Mädchen, die aus dem ländlichen Pennsylvania nach New York aufbrechen, um mit einer ungewollten Schwangerschaft zurechtzukommen, von der die konservative Familie nichts erfahren darf. Völlig unaufgeregt, ohne je moralisch Position zu beziehen, treibt Hittman die Handlung voran, in der der Zuschauer nie weiß, was folgen wird und doch nicht überrascht ist, wenn der Film auf sein Ende zugeht.

Gerhard Midding

Wenn man es recht bedenkt, erzählen Philippe Garrel und Matteo Garrone dieselbe Geschichte. In »Le sel des larmes« (Das Salz der Tränen) und »Pinocchio« schaut ein alter Schreiner zu, wie sein Sohn die Welt entdeckt. Zwei Romanzen, die von der Furcht handeln, einander abhanden zu kommen.

Jens Balkenborg

Da wird es auch im Kinosaal kalt! Meterhoher Schnee, der Wind pfeift, die Huskys jaulen. Und die unwirtliche Berglandschaft ist markant und zerfurcht wie das Gesicht von Willem Dafoe. Der ist so etwas wie Abel Ferraras Muse und Alter Ego, ihr letzter gemeinsamer Film, »Tommaso und der Tanz der Geister«, läuft gerade in den Kinos. Auch in Ferraras Wettbewerbsbeitrag spielt er den Mann, um den alles kreist, genauer: in den der Film eintaucht.

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