Kritik zu Ich war zuhause, aber...

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Alles im Fluss: Angela Schanelec philosophiert in ihrem preisgekrönten Essayfilm über die Falschheiten des Kinos, Mütterlichkeit und die Unmöglichkeit, das Leben zu kontrollieren

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Ein Hund jagt einen Hasen, der entkommt; schwer atmend sitzt er zwischen Steinen. Aber nein, das war ja nur Einbildung. Zu sehen waren zwei rennende Tiere, erst der Schnitt brachte sie zu einer vermeintlichen Jagd zusammen. Auch das Happy End war eine Illusion; in der nächsten Einstellung zerrt der Hund an den Resten des (oder vielmehr: eines) Hasen. Daneben steht ein Esel. Zu dessen Füßen schläft der Hund ein.

Diese rätselhafte Sequenz ist der Beginn eines rätselvollen Films, der die »Lügen« des Kinos thematisiert und jede Anmutung von Natürlichkeit vermeidet. Schon in ihren früheren Arbeiten »Plätze in Städten« (1998), »Mein langsames Leben« (2001) oder »Marseille« (2004) hatte Angela Schanelec Wahrhaftigkeit durch Stilisierung angestrebt. Der Esel am Anfang erinnert nun an Robert Bresson, seinen »Zum Beispiel Balthasar« (1966). Auch Bresson war ein Gegner falscher Natürlichkeit im Kino.

Im Mittelpunkt von »Ich war zuhause, aber...« steht Astrid (Maren Eggert), sie arbeitet im Kunstbetrieb. Ihr 13-jähriger Sohn Philipp (Jakob Lassalle) war eine Woche verschwunden, völlig verdreckt taucht er vor seiner Schule wieder auf. Er muss in der Natur gewesen sein – aber warum? Als eine Art Initiationsritus auf dem Weg zum Mann? Um den Tod seines Vaters, eines Theaterregisseurs, zu verarbeiten? Man erfährt es nicht.

Maren Eggert ist das Gravitationszentrum des Films, das darf man ziemlich wörtlich nehmen. Eggert und Schanelec betonen die Körperlichkeit dieser Figur, ihre Schwere, Erdhaftigkeit und Mütterlichkeit. Schwerkraft, das ist die gegenseitige Anziehung von Massen. »Ich hab ihn wieder«, sagt Astrid, als ihr verlorener Sohn wieder auftaucht und bricht vor ihm zusammen, umklammert seine Füße, als wär's eine biblische Szene in einem Altmeistergemälde. Dass sie ihn »wieder hat«, ist aber nicht mal die halbe Wahrheit. Die Familie muss sich neu sortieren, weil der Vater tot ist, der Sohn ein Mann wird. Der Lauf des Lebens.

Astrid kauft ein gebrauchtes Fahrrad, viel Zeit wenden sie und auch der Film dafür auf. Schanelec ist eine Meisterin des langsamen Erzählens. Das Fahrrad geht gleich wieder kaputt. Nichts hält ewig. Philipp bekommt eine Blutvergiftung und muss operiert werden. Einer seiner Lehrer ist mit einer jungen Frau liiert, das Paar diskutiert, ob es ein Kind bekommen soll. Ausführlich sind die Proben eines Schülertheaters zu sehen; Jugendliche spielen Shakespeares »Hamlet«.

Mit einer Offenheit, die im Gegenwartskino selten geworden ist, macht der Film dem Zuschauer Angebote, die er auch ablehnen kann: Dem Leben zuschauen, dabei sein. Nicht wie im Dokumentarfilm, sondern indem die Inszenierung Begegnungen arrangiert: zwischen den Menschen, die vor der Kamera agieren, zwischen ihnen und den Zuschauern und zwischen den Tönen und Bildern, die der Schnitt zusammenbringt. Das klingt verkopft und ist es wohl auch, wirkt auf der Leinwand aber sehr sinnlich und poetisch. Bei der Berlinale bekam Angela Schanelec für die Regie von »Ich war zuhause, aber...« einen Silbernen Bären. Wer aus der Vorführung nicht schon nach zehn Minuten rausgeht, will den Film am Ende gleich nochmal sehen.

Eine Schlüsselszene ist ein langer, heftiger Monolog von Astrid, in dem sie einem jungen Regisseur erklärt, was an seinem Film falsch sei. Der Regisseur hatte Tänzer und Todkranke vor seiner Kamera zusammengebracht. »Wenn ein Schauspieler spielt, ist das immer Lüge«, argumentiert Astrid. Tänzer versuchten Körperlichkeit durch Beherrschung zum Ausdruck zu bringen, während der Mensch als Kranker oder Sterbender nur Körper sei. Die Wahrheit erscheine erst, »wenn man nichts mehr beherrscht«. Man darf vermuten, dass Angela Schanelec damit auch ihr eigenes filmisches Prinzip formuliert. Wer mag, kann außerdem autobiografische Bezüge erkennen. Vor zehn Jahren ist ihr Ehemann, der Theaterregisseur Jürgen Gosch, an Krebs gestorben. Sie hat zwei Kinder mit ihm.

Wenn die Wahrheit erst im Kontrollverlust erscheint, ist sie im Film nur über Umwege zu erreichen. Deshalb gehen die Schauspieler in »Ich war zuhause, aber…« nicht in ihren Rollen auf, bleiben die Menschen immer erkennbar. Ihr Spiel dient auch nicht dazu, etwas zu transportieren, es »dient« überhaupt nicht, sondern ist Wirklichkeit für sich. Vor allem die jugendlichen Hamlet-Darsteller sprechen ihre Texte fast ausdruckslos, was sie wie Statthalter ewiger Wahrheiten wirken lässt. »Hamlet« als Urstoff.

Alles ist im Fluss. Auftauchen und Verschwinden. Melancholie und Empathie. Das war das Thema bei Bresson, seinem Esel-Film »Balthasar«, und das ist auch Thema beim Japaner Yasujiro Ozu, dessen Film »Ich wurde geboren, aber...« (1932) Schanelec mit ihrem Titel zitiert. In einer wunderbaren Szene klettert Astrid nachts über eine Friedhofsmauer und wirft sich auf das Grab ihres Mannes. Dazu ist eine zarte Coverversion von David Bowies »Let's Dance« zu ­hören. Ein Rebhuhn setzt sich zu Astrid, ein Moment reiner Kinopoesie. Im Rückblick sind Astrid und ihre Kinder zu sehen, wie sie in einem Krankenhaus, wohl vor dem Ehemann und Vater, eine Choreographie aufführen. Let's dance!

Meinung zum Thema

Kommentare

Ist ja vermutlich alles richtig, was Martina Knoben schreibt und ich kann es gut aushalten, dass sie - und viele andere - den Film toll findet. Dennoch hätte sie m.E. auch Folgendes in ihrer Kritik erwähnen sollen:
- die Farben sind entsättigt / trübe,
- der ganze Film ist leicht unscharf (nein, das lag nicht am Kino!),
- die SchauspielerInnen stehen die meiste Zeit eingefroren rum, reden langsam und spärlich,
- es passiert (fast) nichts,
- das könnten ZuschauerInnen stinkelangweilig finden.

Hätte so etwas in der Kritik gestanden, so wäre ich gewarnt gewesen. Ich ging erst nach 35 Minuten, nicht schon nach zehn, obwohl ich weiß, dass 15 eigentlich reichen, denn dann wird's nicht mehr anders.
Auch bei Jarmusch passiert nix und auch bei Kaurismäki geht’s langsam und hölzern zu, aber die Filme sind trotzdem wunderschön.
Gibt’s eine hinreißendere Melancholie/Depression als in Lars von Triers „Melancholia"?

Ob sich wirklich keineR der lobpreisenden KritikerInnen ähnlich mopste wie ich? Oder ist die Furcht vor der Blamage, sich als kunstbanausisch (immerhin Regiebär!) zu outen, stärker?

Es ist ein Mysterium: Wie kann ein derartig dilettantisch gemachter Nicht-Film so gehypt werden, und dann auch noch bei der Berlinale abstauben? Haben da ein paar Qualitätskriterien versagt? Glauben alle, es muss Kunst sein, nur weil es sperrig ist und keine Geschichte hat? Ist man dumm, wenn man diese quälend langen, nichts sagenden, mit Pseudobedeutung aufgeladenen Bilder ohne jegliche Schauspielleistung nicht genießen kann? Das ist negative Image-Arbeit fürs Arthouse.Kino, und die Kritiker überschlagen sich auch noch vor Begeisterung. Ich gehe zwei mal in der Woche ins Arthouse-Kino, bin sehr wohlwollend und offen, und ehrlich... so etwas Schlechtes habe ich noch nie gesehen. Dass ich damit alleine stehe, glaube ich nicht... am Ende des Films waren jedenfalls die Hälfte der (Arthouse-)
Zuschauer gegangen.

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