Kritik zu I Am Mother

© Concorde Filmverleih

2018
Original-Titel: 
I Am Mother
Filmstart in Deutschland: 
22.08.2019
L: 
113 Min
FSK: 
12
S (OV): 

Wissen Roboter, was ein Baby ist? Im Spielfilmdebüt des australischen Regisseurs Grant Sputore geht es um die Grenzen der künstlichen Intelligenz

Bewertung: 4
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Bereits zu Beginn des Films ist die Weltbevölkerung fast vollkommen ausgelöscht. Die Kamera fährt durch einen menschenleeren Bunker. Wie in Ridley Scotts »Alien« führen Apparate ein gespenstisches Eigenleben. Maschinen setzen eine andere Maschine zusammen, einen humanoiden Roboter. Die Maschine wählt aus einer unendlich anmutenden Batterie eingefrorener Embryonen einen aus, taut ihn auf und lässt ihn in einer künstlichen Gebärmutter heranreifen, im Schnelldurchgang.

Können Roboter ein Baby nähren und aufziehen? In Grant Sputores Regiedebüt funktioniert das. Der Terminator ist zum Babysitter geworden. Glaubwürdig ist diese Mischung aus Kaspar-Hauser-Drama und autonomer Kindeserziehung nicht wirklich. Der visuell überzeugend ausgestattete Sci-fi-Thriller ist dennoch packend. Er spielt eine diabolische Technikfantasie durch, ähnlich wie in der Netflix-Serie »Black Mirror«.

So erweist Robo-Mama sich als gestrenge Lehrerin. In ihrem Schauspieldebüt verkörpert Clara Rugaard ein Mädchen, das mehr büffeln muss als die heutige Generation ­PISA. Besonders die ethischen Fragestellungen wie das Trolley-Problem haben es in sich: In einer unabwendbaren Katastrophe wird die Rettung eines Lebens gegen die Rettung mehrerer Menschen ausgespielt: Wie soll man sich entscheiden? Diese Erziehung erscheint in einem anderen Licht, als eines Tages eine angeschossene Frau (Hilary Swank) vor der Luftschleuse erscheint: Die Außenwelt ist also nicht, wie Mutter immer behauptete, kontaminiert. Können Roboter lügen? Aus diesem Problem erwächst ein weiteres, das noch beunruhigender ist: Haben Roboter, wie man bedenkenlos annahm, Gefühle?

Diese Frage spitzt der Film originell zu. Auf eine abgründige Weise wird deutlich, dass »Mutter« eine künstliche Intelligenz ist, eine digitale Version des kategorischen Imperativs, die ihre »Tochter« in einer Labor­situation zum perfekten Menschen drillt. Das Experiment ist jedoch von Anfang an außer Kontrolle, weil die Tochter in der defizitären Familiensituation einer Mutter-Kind-Dyade feststeckt. Nicht zufällig gibt es in diesem Film keinen Mann – sogar eine Maus, die sich in den Bunker verirrt, wird umgehend pulverisiert. Ohne väterliches Korrektiv, so wird deutlich, bleibt die Tochter auf ewig ein Anhängsel dieser Mutter.

Warum nur hat »Tochter« keinen Namen? Als sie bemerkt, dass sie kein Individuum ist, sondern Exemplar einer Gattung, das als Objekt in einer Versuchsreihe fungiert, zeichnet sich die Kehrseite des Erziehungsexperiments ab. »I am Mother« spiegelt das Motiv künstlicher Intelligenz überraschend mit ethischen und psychologischen Aspekten ineinander. Das ist sehenswert, weil der Film komplexe Fragen aufwirft, ohne verkopft zu sein. Getrübt wird das Vergnügen nur durch die unscharf gezeichnete Figur Hillary Swanks. Zudem fragt man sich, wem in dieser postapokalyptischen Welt eine vollautomatisierte Landwirtschaft dient? In dieser kammerspielartigen Dystopie stimmt nicht alles. Sie wirkt aber dank ihrer eleganten Machart lange nach.

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