Kritik zu Die Einzelteile der Liebe

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Miriam Bliese erzählt vom Aufkommen und Verschwinden der Liebe in einem Berliner Hochhaus – ein episodischer Film über ein unordentliches Gefühl

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»Ich hasse Dich, Du Arschloch!« brüllt Sophie (Birte Schnöink) ihrem Lebenspartner Georg (Ole Lagerpusch) hinterher, als dieser mit ihrem Sohn Jakob (Justus Fischer) im Auto davonfährt. Als er um die Ecke biegt, ist nicht nur die Szene sondern auch eine Liebe zuende, die fortan in ihren Einzelteilen betrachtet wird. Sechs Jahre hat ihre Beziehung gedauert, dann war es vorbei. Niemandem ist so richtig klar, warum, aber beide spüren, dass aus der Liebe eher eine Last geworden ist.

Dass Miriam Bliese ihren Film ausgerechnet mit dieser Szene einer – harmlosen – Kindesentführung beginnt, ist kein Zufall. Hier wird eine Beziehung von ihrem Ende her seziert. Dabei ist dieser Film kein psychologisches Erzählkino, sondern, der Titel weist darauf hin, eher eine Bestandsaufnahme. So wie die Liebe nie umfassend ist, keine glänzende Einheit, die alle Unterschiedlichkeiten und Widersprüche vereinigt, wird auch der Film in signifikante Einzelteile zerlegt. Er springt auf der Zeitskala der letzten sechs Jahre hin und her, landet bei glücklichen, schwierigen und lösbaren Szenen. Mal im Sommer, mal im Winter und doch ist die vorherrschende Farbe Weiß. Wie in einem Labor.

Als Sophie und Georg sich ineinander verlieben, ist sie hochschwanger. Der Kindsvater ist irgendwo in Schottland, Georg begleitet Sophie zur Entbindung, ist für sie da, erst nur als Freund und bald auch als Liebhaber. Irgendwann adoptiert er ihren Sohn Jakob und damit scheint die Familie zumindest nach außen hin stabil. Im Inneren stehen Leidenschaft, Begehren, Karrierewünsche und Broterwerb einander feindlich gegenüber. Wer darf, wer muss arbeiten, wer kümmert sich um das Kind und wo steht die wichtige Zweisamkeit? Eine weitere Schwangerschaft bildet die Drohkulisse. Bis Georg als Architekt in Rotterdam arbeiten soll und Sophie mit einem Kollegen schläft. Zum Zeitpunkt der Trennung ist Jakob sechs Jahre alt, und wird zum Zentrum des Streits seiner Eltern. »Er ist ja nicht mal von Dir!« schleudert Sophie Georg entgegen, aber er kämpft weiter darum, seinen Sohn sehen zu dürfen. Bis Sophies neuer Partner Fred (An­dreas Döhler) beginnt, zwischen den Fronten zu vermitteln. In der Hoffnung auf ein kinderfreies Wochenende.

Der Ort der Handlung ist fast immer derselbe. Vor der Tür eines Berliner Hochhauses in Tiergarten feiern, streiten und lieben sie sich. Wie die Patchworkfamilie setzt sich auch der Film aus Einzelszenen zusammen, die streng durch ein Weißbild getrennt werden. Gerade dadurch aber, dass er Raum lässt für eine offene Ursachenfindung, bleibt er so nachvollziehbar. Liebe ist keinesfalls nur schön, das will der Film zeigen, aber man sucht sie doch immer wieder. Ohne jede Erfolgsgarantie.

Innerhalb seiner strengen Inszenierungsstruktur ist »Die Einzelteile der Liebe« ein lebendiger, sehr am Alltag der Figuren orientierter Film. Die Einzelteile haben Kraft und Bedeutung für das Ganze, man weiß nur nicht so genau welche. Damit ist dieser Film weitaus näher an dem unordentlichen Gefühl der Liebe als jede Romanze.

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