Kritik zu Endzeit

© Farbfilm Verleih

Ein deutscher Zombiefilm – das kann nicht gut gehen. Meint man. Doch Caroline Hellsgård beweist das Gegenteil mit der Odyssee zweier Frauen durchs apokalyptische Thüringen

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Einmal laufen Giraffen über eine Wiese am Waldrand. Wahrscheinlich aus dem Erfurter Zoo. Die Natur hat sich in diesem Film ihr Terrain wiedererobert – zwei Jahre danach. Menschen wie du und ich gibt es in »Endzeit« nur noch wenige. »Eine Seuche hat die Erde heimgesucht«, heißt es im Eröffnungstitel. Und sie hat alle menschlichen Wesen in Zombies verwandelt. Nur in zwei Städten, Weimar und Jena, gibt es Überlebende. Wenige Einstellungen genügen der in Berlin lebenden schwedischen Regisseurin Caroline Hellsgård, um die Zombieapokalypse heraufzubeschwören. Ein stacheldrahtbewehrter Zaun, eine Scharfschützin, die zwei Zombies davor abknallt, das Denkmal von Goethe und Schiller mit einem Sonnenkollektor ausgestattet. Damit das Monument nachts beleuchtet werden kann.+

Aber Klassik und Humanismus ist nicht mehr – in »Endzeit« geht es ums nackte Überleben. Man freut sich, wenn eine Regisseurin in einem Genre arbeitet, das sich in Deutschland undergroundmäßig in Splatter und grobem Humor austobt. Daran ist »Endzeit« überhaupt nicht interessiert – so wenig wie an der beliebten Frage: Retten wir die Mutter oder das Kind? Nein, »Endzeit« kommt philosophischer und psychologischer daher. Zwei junge Frauen, Vivi (Gro Swantje Kohlhof) und Eva (Maja Lehrer), fliehen aus Weimar, das man nicht verlassen darf, mittels eines unbemannten, solarbetriebenen Schienenbusses, der eigentlich der Versorgung zwischen den Städten dient. Vivi ist traumatisiert, weil sie sich die Schuld am Tod ihrer Schwester gibt beim Ausbruch der Apokalypse. Eva ist taffer und, wir ahnen es, weil sie sich so oft an einer Stelle kratzt, infiziert. Als der Zug im Niemandsland stehen bleibt, beginnt ihre Odyssee durch paradiesische Landschaften, wie sie ausgesehen haben mögen, bevor der Mensch sie eroberte. Und doch ist es vor dem Hintergrund, dass hinter jedem Baum der Tod lauern kann, eine Reise ins Ungewisse, eine Wanderung in einer »Zone«, wie in Tarkovskijs »Stalker«. Natürlich gibt es auch in »Endzeit« Zombieangriffe, aber Hellsgård arbeitet sie schnell ab.

Schmetterlinge leben nun in der Toilette des Schienenbusses, Pflanzen überwuchern die Häuser. »Ich glaube, die Erde ist eine kluge alte Frau«, sagt Eva einmal. »Und die Menschen haben keine Miete bezahlt. Das da draußen ist die Räumungsklage.« Mehr und mehr entwickelt sich »Endzeit« zu einem ökologisch angetriebenen Märchen. Vivi trifft auf die »Gärtnerin« (stoisch: Trine Dyrholm), eine fast feenhafte Erscheinung, die sich eine Insel des Friedens in der Landschaft des Todes aufgebaut hat und die Epidemie als »Anfang« sieht. Pflanzen wachsen aus ihrem Körper. Mitunter trägt der Film, auch in den Dialogen, etwas zu dick auf.

Aber die Beziehung zwischen den ungleichen Frauen, aus der so etwas wie Freundschaft wird, vernachlässigt er nie. Man merkt die Nähe zu einem anderen jüngeren deutschen Apokalypse-Film, Tim Fehlbaums »Hell«, der näher am Genre ist. Das macht aber nichts. Einen Wurf wie »Endzeit« hat man lange nicht gesehen im deutschen Kino.    

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