Kritik zu The Danish Girl

© Universal Pictures

Tom Hooper (»The King's Speech«) erzählt die reale Lebensgeschichte des skandinavischen Malers und Transgender-Pioniers Einar Wegener nach, der von Eddie Redmayne mit viel Einfühlungsbereitschaft verkörpert wird

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Zunächst sind es nur Kleinigkeiten, hier der Anflug eines Lächelns, dort ein demütiger Augenaufschlag, eine flüchtige Handbewegung, kleine Momente, in denen ganz sanft etwas Feminines mitschwingt. Irgendwann drapiert sich der dänische Landschaftsmaler Einar Wegener (Eddie Redmayne) dann einen seidigen Kleiderstoff über die schlanken Beine, um seiner Frau Gerda (Alicia Vikander) ein gerade nicht zur Verfügung stehendes weibliches Modell zu ersetzen, was so etwas wie ein Erweckungsmoment ist. Was als Täuschung für den Blick des Malers beginnt, wandelt sich langsam zum Spiel mit Identität und Geschlecht.

Tom Hooper, der sich spätestens mit »The King's Speech« auf sehr britische Weise als Meister der unterdrückten Gefühle offenbart hat, inszeniert das so, als würde sich Einar in einen verborgenen Teil seiner selbst verlieben, in eine in ihm schlummernde Schwester, die er bald unter dem Namen Lili Elbe in die Pariser Art-Nouveau-Gesellschaft der 20er Jahre einführt. Statt Landschaftsbilder zu malen, beginnt er, als ultimatives autobiografisches Kunstwerk sich selbst wie eine Skulptur zu formen. Eddie Redmayne spielt das Oszillieren zwischen den Geschlechtern mit derselben Finesse wie zuvor die Gefangenschaft im gelähmten Körper des Atomphysikers Stephen Hawking in »Die Entdeckung der Unendlichkeit« und wurde für diese Leistung gerade bei den Golden Globes nominiert, zusammen mit Alicia Vikander. So wie Jane Hawking liebt auch ihre Gerda ihren Mann bedingungslos gegen alle Widerstände.

Wie »Boys don't Cry« von Kimberly Pierce und »Eine neue Freundin« von François Ozon ist auch »The Danish Girl« eine Transgender-Geschichte, die allerdings in einer Zeit spielt, in der es diesen Begriff noch gar nicht gab, in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Film handelt von der Sehnsucht eines Mannes nach einem anderen Körper, erzählt darüber hinaus aber vor allem von der Liebe einer Frau, die so groß ist, dass sie dafür sogar sein Verschwinden bedingungslos unterstützt. Aller Trauer zum Trotz wird dieses neue Geschöpf für sie aber auch zu einer künstlerischen Inspiration, die ihren eher konventionellen Porträts eine neue Tiefe und Abgründigkeit gibt und sie letztlich zur Künstlerin macht.

Die Eltern von Tom Hooper sind Historiker, was ihn wohl empfänglich gemacht hat für die blinden Punkte, die in den Geschichtsbüchern geflissentlich übergangen werden. Denn so wie über den Sprachcoach des Königs gibt es auch über den Pionier der Geschlechtsumwandlung wenig zu erfahren. War »The King's Speech« noch vergleichsweise spröde und fernsehhaft inszeniert, so schwelgt Tom Hooper jetzt zusammen mit seinem Stammkameramann Danny Cohen in den Schauwerten grandioser skandinavischer Landschaften und üppig ausgestatteter Pariser Innenräume, in Licht, Farben und Texturen. Es ist, als würde er mit den Augen der Maler sehen, von denen er erzählt. Inspiriert wurde er dabei, wie zuvor schon Wim Wenders bei »Every Thing Will Be ­Fine«, unter anderem von dem Maler ­Vilhelm Hammershøi.

...Interview mit Regisseur Tom Hooper

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