Kritik zu Every Thing Will Be Fine

© Warner Bros.

2015
Original-Titel: 
Every Thing Will Be Fine
Filmstart in Deutschland: 
02.04.2015
L: 
118 Min
FSK: 
6

Wim Wenders hat nach siebenjähriger Spielfilmpause mit James Franco ein stilles Drama um einen Schriftsteller gedreht, der nach einem von ihm verschuldeten Unfall wieder zurück in die Welt finden muss

Bewertung: 4
Leserbewertung
4.333335
4.3 (Stimmen: 3)

Das Kino liebt das Schicksalhafte, die vermeintlich zufälligen Begegnungen, den fatalen Lauf der Dinge, die Bestimmung und Konsequenzen, die sich aus einem Zusammentreffen ergeben. Ein Mann überfährt ein Kind – in Christian Petzolds Wolfsburg war das der Ausgangspunkt für eine verquere Liebe. Der Tod und die Trauer schweißen den Täter und die Mutter zusammen, bestimmen sie irgendwie füreinander.

Nun, dieser Kolportage-Falle entgeht Wim Wenders in seinem neuesten Film. Es ist sein erster Spielfilm seit sieben Jahren, seit dem unbefriedigenden Palermo Shooting (2008). Wim Wenders hat seitdem großartige Dokumentarfilme inszeniert, Pina, Das Salz der Erde.

Die dramatische Zuspitzung, das Melodram, war noch nie eines der bevorzugten Stilmittel im Kosmos von Wim Wenders. Das handelt Wenders zu Beginn seines Filmes ab. Der Schriftsteller Tomas (James Franco) arbeitet in einer Hütte, die die Männer in der kanadischen Provinz Québec im Winter zum Fischen aufs Eis stellen, an einem Text. Ein Setting wie aus Grumpy Old Men mit Jack Lemmon und Walter Matthau. Aber Humor ist nicht der Grundton dieses Films. Tomas hadert am Telefon mit seiner Lebensgefährtin. Bauarbeiten zwingen ihn, eine andere Straße durch die verschneite Landschaft zu nehmen. Und da passiert es: Von einem Feldweg aus rauscht ein Schlitten in sein Auto. Erleichtert stellt Tomas fest, dass dem Kind nichts passiert ist und bringt es zur Mutter, die in einem einsam stehenden großen Haus lebt. Mit ihren beiden Kindern. Das zweite liegt tot unter dem Auto von Tomas.

Obwohl Tomas rein juristisch keine Schuld trifft, wird er mit dem Unglück nicht fertig. Das ist das Thema dieses Filmes, der seinen Protagonisten in Etappen elf Jahre lang verfolgt. Und das, obwohl dieser Tomas ein verschlossener Mensch ist, der immer wieder nur antwortet, dass er über den Unfall nicht sprechen möchte. Worte und Dialoge zählten ja bei Wenders noch nie viel.

Die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Sara (Rachel McAdams) zerbricht, Tomas begeht einen Selbstmordversuch. Es zieht ihn an den Ort des Unglücks zurück; man kann nur ahnen, was in ihm vorgeht. Er trifft dort auf Kate (Charlotte Gainsbourg), die Mutter des überfahrenen Jungen, eine Illustratorin. Beide hadern mit ihrer Schuld, sie sagt, dass sie zu sehr in die Lektüre eines Faulkner-Buches vertieft gewesen wäre, um auf die Kinder aufzupasssen. Es ist eine seltsame Beziehung zwischen beiden, die sich meist nur über das Telefon ergibt. Und die Momente des Schweigens sagen da oftmals viel mehr als Worte.

Obwohl Every Thing Will Be Fine eigentlich ein kleiner, alltäglicher, ja fast kammerspielhafter Film mit eher mäßigen Schauwerten ist, hat Wim Wenders ihn in 3D gedreht – und bewiesen, dass damit intimes Erzählen möglich ist. 3D gibt den Bildern eine emotionale Eindringlichkeit, einen existenziellen Unterton des Ausgeliefertseins. Und es verstärkt die ausgefeilten Bildkompositionen. Einmal schauen Tomas und Sara aus getrennten Fenstern aus ihrem Haus, ein Vorgriff auf das Ende ihrer Beziehung; später, lange nach ihrer Trennung, wird er sie zufällig wiedertreffen, und man spürt die Distanz genauso wie die Verbindung.

Tomas rettet sich ins Schreiben, lernt Ann (Marie-Josée Croze) und ihre Tochter kennen, hat plötzlich so etwas wie eine Familie. Entwicklungen zeigt dieser Film weniger denn Zustände. Christopher, das Kind, das den Unfall überlebt hat, sucht die Nähe zu Tomas, die der Erwachsene eigentlich nicht will. Einmal steht der Junge im Garten des Hauses, das Tomas sich von seinem Erfolg als Schriftsteller zugelegt hat. Es ist eine unheimliche Szene, wie aus einem Film noir, wenn die Schatten der Vergangenheit in die Gegenwart reichen. Sie bedeutet auch für Tomas die Überwindung seines Traumas. War es der Lauf der Zeit? Hat er sich selbst vergeben? So genau werden wir es nie wissen.

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