Kritik zu The King's Speech

© Senator

2010
Original-Titel: 
The King's Speech
Filmstart in Deutschland: 
17.02.2011
L: 
118 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Dr. Seltsam oder Wie einer aufhörte, sich Sorgen zu machen und das Mikrofon lieben lernte: Tom Hooper erzählt die Geschichte von George VI. und dem Therapeuten, der sein Stottern linderte

Bewertung: 4
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Es könnte einfach großer Kitsch sein: Die Geschichte eines Mannes, der gegen seinen Willen König wird und dann sein Stottern überwinden muss, um zu seinem Volk zu sprechen. Zumal es sich um die »wahre« Geschichte von Albert handelt, dem Vater der heute so beliebten Queen Elizabeth II. Als sein älterer Bruder Edward abdankte, um eine zweifach geschiedene Amerikanerin zu ehelichen, bestieg er als George VI. nur unwillig den Thron und hielt fortan als bekannter Stotterer seine Untertanen bei Ansprachen stets in Hochspannung, ob er seine angefangenen Sätze auch zu Ende bringen würde. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorstellen, dass dieser Stoff mit seiner Kombination aus Vorhersehbarkeit (Historie!) und Gefühls intensität (persönliches und patriotisches Pathos) einen gefälligen Film abgibt. Aber dann ergreift einen »The King's Speech« doch auf ganz andere und überraschende Weise. Und man versteht, warum dieser Film selbst bei strikten Antimonarchisten warme Gefühle auslöst.

An der Regieleistung von Tom Hooper kann es kaum liegen: Der britische Regisseur, der bislang vor allem fürs Fernsehen gearbeitet hat, inszeniert die Geschichte glatt und konventionell als Kostümdrama entlang der wohlbekannten Linien. Der Film setzt ein mit der ersten, von Albert völlig verpatzten Ansprache im Wembleystadion anlässlich der Empire Exhibition von 1925, zeigt anschließend diverse vergebliche Therapieversuche und führt dann die Figur des exzentrischen australischen Sprechlehrers Lionel Logue (Geoffrey Rush) ein, der mit allerlei unorthodoxen Methoden – der König darf mal richtig fluchen, sogar das F-Wort! – die Zunge des Monarchen lockern kann; und das gerade zum richtigen Zeitpunkt, als dieser widerstrebend den Thron besteigen muss. Den Schluss- und Höhepunkt des Ganzen bildet des Königs erste Ansprache nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Da bleibt kein Auge trocken.

Fast aufdringlich markiert Hooper das historische Ambiente: Unter den zwei kleinen Töchtern des Königs erkennt man am verständigen Blick sofort die zukünftige Elizabeth II. Königin Mary trägt bereits jene wallenden Gewändern und den geknickten Hut, mit denen sie später als Queen Mum zum Markenzeichen wird. Und Timothy Spall gibt eine grobe Churchill-Karikatur.

Dass der Film sein Publikum trotzdem auf eine Weise fesselt, wie man sie nur noch selten im Kino erlebt, liegt auch nicht am Drehbuch von David Seidler, das versiert das Melodramatische aus einer Situation herausholt, die in Wirklichkeit sehr viel nüchterner abgelaufen sein dürfte. Eher routiniert als inspiriert verdichtet Seidler die verbürgten Ereignisse, um sie ins Korsett der üblichen dreiaktigen Plotpointdramaturgie von Annäherung, Krise und Erlösung einzuspannen. Doch zwischendurch passiert etwas Eigenartiges in diesem Film: Aus konventioneller Inszenierung und routiniertem Drehbuch entsteht ein ganz wunderbarer Entfaltungsraum für die Schauspieler. Da ist zum einen Helena Bonham Carter als Gattin Mary, die aus wenigen Momenten so viel herausholt, dass man am Ende glaubt, sie sei ständig im Bild gewesen. Ihre Figur spielt eine Art Eheideal ganz nach angelsächsischem Modell: pragmatisch, zugewandt, partnerschaftlich. Zum andern ist da Geoffrey Rush, der seinem Lionel Logue etwas von der Spritzigkeit und Konventionenverachtung eines Punks verleiht und als Therapeut die besten Pointen setzen darf. Und da ist vor allem und in erster Linie Colin Firth, der, wie man so sagt, die Rolle seines Lebens spielt.

Anders etwa als Helen Mirren in der Rolle von Elizabeth II. in Stephen Frears' »The Queen« fühlt Firth sich weniger in die historische Figur ein, sondern mehr in die persönliche Situation. Was stottern bedeutet, für die Persönlichkeit des »Sprachbehinderten« genauso wie für die ganzen »Sprechsituationen«, in denen er sich bewegen muss, bringt Firth mit solch feiner Nuancierung zum Ausdruck, dass man das historische Drama über diesen faszinierenden Einblick in die Psyche eines Menschen ganz vergisst. Was Gesprächspartner Lionel als Therapeut erst langsam und durch gezielte Provokationen aus ihm herausbekommt, erschließt sich dem Zuschauer geradezu mit emotionaler Wucht: die Angst dieses Mannes vor dem Versagen, seine Zynismen und Unsicherheiten, sein Hochmut und sein Standesbewusstsein, aber auch seine Klarheit über sich und die Verantwortung, der er sich stellen muss.

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