Mubi: »Within Our Gates« (1920)

»Within Our Gates« (1920). © MUBI

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Der älteste erhaltene Film eines afroamerikanischen Regisseurs war jahrzehntelang verschollen. Nun zeigt Mubi diesen Meilenstein der Filmgeschichte

Zu den immer weniger werdenden Wundern des Internets gehört, dass lange verschollen geglaubte Filme heute mit wenigen Klicks in bestmöglicher Qualität verfügbar sind. So etwa Oscar Micheauxs Stummfilm »Within Our Gates« (1920), der nun auf Mubi zugänglich ist. »Within Our Gates«, das lässt sich ohne jede Übertreibung sagen, ist ein Meilenstein der Filmgeschichte. Als ältester erhaltener Spielfilm eines afroamerikanischen Regisseurs wurde er erst in den 1990er Jahren als Kopie der Filmoteca Española mit spanischen Zwischentiteln wiederentdeckt und von der Library of Congress restauriert.

Warum aber war »Within Our Gates« überhaupt verschwunden? Der zweite Film des großen Oscar Micheaux, dessen Erfolge in Literatur und Kino zu Zeiten der rassistischen »Jim Crow«-Gesetze schlichtweg unglaublich sind, muss zunächst einmal als Replik auf den vielleicht bekanntesten und berüchtigtsten amerikanischen Stummfilm verstanden werden: D.W. Griffiths »Die Geburt einer Nation«. Griffiths Film über den Bürgerkrieg wurde zwar für seine filmtechnischen Innovationen gefeiert, sorgte aber schon direkt nach seinem Erscheinen im Jahr 1915 für Proteste gegen seine rassistischen Darstellungen und die Verherrlichung der White Supremacy der Südstaaten. »Within Our Gates« hingegen nutzt klug die Mittel des Melodramas, um ganz beiläufig eine »Geschichte von unten« zu inszenieren, die sich der Täterperspektive verweigert.

Vordergründig folgt der Film einer Handlung, wie sie auch von Douglas Sirk stammen könnte: Sylvia Landry, eine junge Afroamerikanerin, reist in den Norden, um dort Spenden von reichen, liberalen Weißen für eine Schule für schwarze Kinder im segregierten Süden zu sammeln. Im Verlaufe ihrer Reise ereignen sich die für Melodramen typischen Zufälle, die ein dunkles Geheimnis aus Sylvias Vergangenheit zum Vorschein bringen. Allerdings dreht sich dieses Geheimnis um die Ermordung ihrer Eltern durch einen rassistischen Lynchmob. Micheaux zeigt die Tat in all ihrem Grauen: Männer, Frauen und Jugendliche sind Teil des enthemmten Mobs, der sich wie ein vielgliedriges Monster durch die düstere Landschaft fräst. Griffiths Vorwurf des »Primitivismus« wird so auf die weiße Kultur des Südens zurückgeworfen.

Die für ihre Zeit drastische Darstellung des Lynchmords wurde dem Film zum Verhängnis. Bei den ersten Aufführungen in amerikanischen Großstädten reagierten sowohl schwarze als auch weiße Zuschauer empört; man fürchtete Aufstände und Repressalien. Während »Die Geburt einer Nation« zum gefeierten Meisterwerk avancierte, wurde Micheauxs afroamerikanische Geschichtsstunde verdrängt und geriet schließlich in Vergessenheit. Wenn man den Film nun ein Jahrhundert nach seinem Entstehen streamt, lässt sich erahnen, wie anders die amerikanische Filmgeschichte hätte verlaufen können. »Within Our Gates« ist ein Muss für alle filmhistorisch Interessierten, die sich mit Kino als antirassistischer Praxis auseinandersetzen. Schade nur, dass Mubi nicht den für Kino Lorber komponierten neuen Soundtrack des Produzenten DJ Spooky lizenzieren konnte.

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