47. Filmfestival Max Ophüls Preis

Traut Euch was!
»Gropiusstadt Supernova« (2026). © Konrad Waldmann

»Gropiusstadt Supernova« (2026). © Konrad Waldmann

In Saarbrücken traf sich der deutschsprachige Filmnachwuchs

Schon der Eröffnungsfilm der 47. Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis Saarbrücken setzte ein Zeichen: »Sie glauben an Engel, Herr Drowak?« des Schweizer Regisseurs Nicolas Steiner, außer Konkurrenz gezeigt, war mit seiner Schwarzweißästhetik, seinen verschrobenen Figuren und seinem Willen zur Stilisierung und Poesie ein Plädoyer für ein kinematografisches Wagnis. Eine Anregung und ein Signal für den Nachwuchs: Traut Euch was! Und Mut wird man den meisten Filmen dieses Jahrgangs nicht absprechen können – auch wenn man selbst den einen oder anderen misslungen findet. Vielleicht ist es ja ein Klischee, aber: die heute meist an Filmhochschulen entstandenen Werke zeugen von einer Freiheit, die die Regisseurinnen und Regisseure später wahrscheinlich nicht mehr haben werden.

Ganz zu schweigen von den Low- oder Lowest-Budget-Filmen, die ohne jeden institutionellen Halt entstehen. »Wir sind da« von (und mit) Julius Feldmeier etwa, der die Übungen, Rituale, Gruppendynamiken, Eifersüchteleien und Emotionen in einer Schauspielklasse erforscht, gedreht mit den echten Schülerinnen und Schülern. Was Sie schon immer zu wissen glaubten, wie es da zugeht: »Wir sind da« wird die Vorstellungen übertreffen. Eine Satire versucht auch »Hätten wir doch die Aida genommen« von Musa Kohlschmidt und Felix Schwaiger, eine Parodie auf eine Reality-Show (die hier »Aufgeklärt – on Tour« heißt) und deren Team nach einem verschwundenen Großvater in Griechenland sucht. Trotz Overacting will sich bei diesem Film allerdings nicht mal ein Schmunzeln einstellen – vielleicht weil solche Shows schon lächerlich genug sind.

Auch »Gropiusstadt Supernova« ist ein Lowest-Budget-Film, nur 13.000 Euro soll er gekostet haben, wie Regisseur Ben Voit nach der Vorführung erzählte. Aber es ist ein Film geworden, der einen in seinen Bann ziehen kann, der einen fast hypnotischen Sog entwickelt. Und Voit hat seiner Hauptfigur Luan (Mo Issa) eine Atemlosigkeit auf den Leib geschrieben. Denn der will seiner Freundin am Silvesterabend einen Heiratsantrag machen und glaubt, dass sein Bruder Tarik wegen seiner bevorstehenden Abschiebung eine Verzweiflungstat unternommen hat. Wie eine Supernova, die noch einmal hell aufleuchtet, bevor sie eine Leere hinterlässt. Voit hat für seinen auch sehr spannenden Film den Hauptpreis des Festivals, den Max Ophüls Preis, bekommen, mit 36.000 Euro dotiert.

Voit hat seinen Film konzentriert erzählt, in den wenigen Stunden der Silvesternacht und aus der Perspektive seiner Hauptfigur. Der Schweizer Film »Solo Show« von Julius Weigel dagegen erzählt drei Episoden hintereinander: wie der Kunststudent Roy seine erste Ausstellung vergeigt, wie ein Immobilienmakler mit Angststörung eine Wohnung an die Frau zu bringen versucht und wie ein Paar mit Dildospielen im Netz Geld verdienen will. Der Motor dieses Films sind die peinlichen Momente, die Weigel ganz trocken und lakonisch zu inszenieren versteht. Noch weiter im episodischen Erzählen geht »Wovon sollen wir träumen« von Milena Aboyan und Constantin Hatz, der die Lebenswege dreier Frauen (und ihrer Beziehungen) so meisterhaft verbindet, dass einem unweigerlich »Short Cuts« von Altman dazu einfällt. Sicherlich einer der besten Filme des in diesem Jahr leider nur elf Filme umfassenden Nachwuchs-Wettbewerbs; der Film hat den Preis der Ökumenischen Jury und den Publikumspreis gewonnen. Auch »Noah« von Ali Tamin besteht aus drei Episoden, die sich allerdings nicht kreuzen. Ein Polizeieinsatz läuft wegen der rassistischen Überheblichkeit des Einsatzleiters aus dem Ruder, eine Mutter mit arabischem Hintergrund will ihren von der Polizei erschossenen Sohn Noah noch einmal sehen und ein Geschwisterpaar streift durch die Straßen Berlins. Die Figuren und ihre Dialoge in diesem polemischen Film sind eher plakativ denn vertieft angelegt. Seltsamerweise hat er den Drehbuchpreis des Festivals gewonnen.

Leer ging dagegen der österreichische Beitrag »Der tote Winkel der Wahrnehmung« von Michael Gülzow aus, in dem sich im Jahr 1996 zwei Studentinnen mit einer Reportage bei der Filmakademie bewerben wollen. Und die dreht sich um die Frage: Sind die Echsenmenschen nicht schon längst unter uns? Die beiden führen Interviews, gedreht mit Mini DV, mit einem Verschwörungstheoretiker und einem Mann, dessen Pferd Stimmen aus dem All hören kann. Die Recherche ist kombiniert mit Found-Footage-Material aus dieser Zeit, und der pixelige Charme dieses Films und seine verrückten Fragestellungen (Was passiert, wenn man alle 102 Folgen von »Alf« auf einmal sieht) prägen sich ein. Auch wenn der Film nach einem witzigen Anfang mal durchhängt – ein Wagnis ist er allemal. Gut so.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt