Ulrich Köhler: »Festivals schaffen Sichtbarkeit«

Ulrich Köhler. © Annette Hauschild

Ulrich Köhler. © Annette Hauschild

LICHTER Filmfest

Ulrich Köhlers neuer Film »Gavagai«, der im April auf dem Lichter Filmfest läuft, kreist um aktuelle Fragen: Wie verfährt die Kunst mit Rassismus und kolonialen Blicken? Wie woke ist das Kino? Thomas Abeltshauser hat den Regisseur getroffen

Ulrich Köhler zählt zu den prägenden Stimmen der sogenannten Berliner Schule. Mit Filmen wie »Bungalow«, »Montag kommen die Fenster« und dem Silberner-Bär-Gewinner »Schlafkrankheit« hat er ein Kino geprägt, das präzise beobachtet und unbequeme Fragen stellt. Sein neuer Film »Gavagai« knüpft daran an: eine selbstreflexive Geschichte über koloniale Kontinuitäten, Rassismus und die Fallstricke gut gemeinter Gewissheiten. Im Gespräch erzählt Köhler von persönlichen Erfahrungen, von Selbstbefragung – und davon, warum Festivals wie das LICHTER Filmfest in Frankfurt für solche Filme unverzichtbar sind.

Herr Köhler, »Gavagai« wird beim LICHTER Filmfest in Frankfurt gezeigt, am 30. April startet er regulär im Kino. Ist ein Festival wie LICHTER für Sie noch einmal etwas anderes als New York, wo Ihr Film im September Weltpremiere feierte?

Ich freue mich, dass der Film da läuft. LICHTER ist ein schönes Festival, gut kuratiert, und natürlich ist es etwas anderes als New York. Ich bin in einer deutschen Kleinstadt in der hessischen Provinz aufgewachsen; aber ein Festival wie LICHTER spielte damals in meinem Leben noch keine Rolle. Heute sind Festivals für Filme wie meine sehr wichtig, weil sie sich für den Film als Kunstform und nicht als Ware interessieren. Dort können Filme unter den Bedingungen gesehen werden, für die sie gedacht sind.

Was heißt das konkret?

Festivals generieren einfach Aufmerksamkeit für Filme, die es sonst nicht schaffen, über eine gewisse Wahrnehmungsschwelle hinauszukommen. Unsere Filme sind von Sendern mitfinanziert, und wenn wir ehrlich sind, entdecken die meisten Leute unsere Filme eher im Fernsehen als im Kino – auch wenn sie spät nachts gesendet werden. Festivals motivieren Kinogängerinnen und Kinogänger oft überhaupt erst, solche Filme zu entdecken.

Haben Sie Unterschiede in der Wahrnehmung festgestellt?

Ich fand die Publikumsreaktionen in New York sehr gut. Interessant war für mich, dass mich dort Leute noch später auf den Film angesprochen haben, im Central Park zum Beispiel kamen Menschen auf mich zu, bei denen ich nicht das Gefühl hatte, dass sie aus der Filmbranche oder aus einer Kulturelite kommen. Wenn man einen Film macht, der selbstreflexiv ist, hat man natürlich die Sorge, dass man damit außerhalb eines bestimmten Milieus niemanden erreicht. Aber das schien mir dort nicht so zu sein.

In »Gavagai« geht es um Rassismus, koloniale Kontinuitäten und die Frage, wer eigentlich wen betrachtet. Warum wollten Sie diesen Film machen?

Die Idee ist aus der Erfahrung mit »Schlafkrankheit« entstanden – aus der Arbeit in Kamerun vor 15 Jahren, aber auch aus einem Vorfall bei der Berlinale-Premiere damals. Jean-Christophe Folly, der zweite Hauptdarsteller von »Schlafkrankheit«, war dabei, und es gab einen Racial-Profiling-Vorfall im Hotel. Wenn man so will, spiegelt das Verhalten von Maren Eggerts Figur in »Gavagai« ziemlich genau mein eigenes Verhalten damals: dieser überengagierte White Saviour, der sich gar nicht fragt, ob der Freund, dem er zu helfen meint, das überhaupt will.

Ging es also auch um eine Art Selbstbefragung?

Am Anfang stand eher die Frage, warum rassistische Vorurteile so hartnäckig sind, dass selbst privilegierte Menschen nicht davor gefeit sind, über ihre Hautfarbe definiert zu werden, wenn sie nicht weiß sind. Isabel Wilkersons »Caste« war da eine sehr aufschlussreiche Lektüre. Sie redet über die gesellschaftliche Funktion des Rassismus und vergleicht das mit dem Kastensystem in Indien, das sich trotz vieler Reformversuche hartnäckig hält.

Sie haben einen Teil Ihrer Kindheit in Afrika verbracht.

Ja, im damaligen Zaire, vom fünften bis zum neunten Lebensjahr. Meine Eltern arbeiteten dort, wir lebten in einem kleinen Dorf, und wir waren die einzigen weißen Kinder. Das war sicherlich ein Ausgangspunkt dafür, dass ich mich später wieder dorthin orientiert habe. Es hat mir sehr früh ein Bewusstsein für die privilegierten Lebensumstände gegeben, in denen wir hier leben. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das zu einem besseren Menschen gemacht hat, aber es hat zusammen mit der eher protestantisch geprägten Entwicklungshilfe-Sozialisation meiner Eltern ein Grundgefühl der Relativierung erzeugt.

Hat diese frühe Fremdheitserfahrung auch Ihren Blick auf Deutschland geprägt?

Ja, sicher. Meine Identität als Deutscher war vielleicht fragiler als die anderer. Ich bin nach der Rückkehr in einer westdeutschen Kleinstadt aufgewachsen und habe mich dort nicht so selbstverständlich zugehörig gefühlt wie andere. Ich sprach kein Hessisch, war nicht in der Feuerwehr – mein Bruder hatte es da leichter, er war wenigstens ein guter Fußballer. Ein stärkeres Bewusstsein für meine Herkunft und meine Identität bekam ich eigentlich erst durch spätere Auslandserfahrungen, als Austauschschüler in den USA und dann im Kunststudium in Frankreich. Da habe ich erst gemerkt, wie sehr ich von diesem Land geprägt bin.

Was ist umgekehrt das größte Missverständnis, mit dem afrikanisches Kino aus privilegierter europäischer Perspektive wahrgenommen wird?

Schwer zu sagen. Zunächst einmal ist Kino eine Kunstform, die leider sehr große finanzielle Mittel braucht. Deshalb gab es in vielen afrikanischen Ländern gar nicht die Bedingungen für eine kontinuierliche Filmproduktion, wie wir sie aus Europa kennen. Lange war das künstlerische Kino aus Afrika stark von Förderungen etwa aus Frankreich abhängig, also aus den ehemaligen Kolonialländern. Keine einfache Ausgangslage. Zugleich habe ich das Gefühl, dass da noch sehr viel zu entdecken ist. In den letzten Jahren fand ich zum Beispiel spannend, was in Ruanda passiert. Und die afrikanische Diaspora spielt natürlich auch eine große Rolle. Ich glaube, da wird noch viel kommen.

Für viele Zuschauerinnen und Zuschauer in Europa ist das aber tatsächlich noch immer eine ziemlich leere Landkarte des Weltkinos.

Ja, absolut. Und das betrifft ja nicht nur das Kino. Wir ignorieren in Europa große Teile afrikanischer Kultur bis heute. Beim Film ist das besonders sichtbar. Da gibt es einen enormen Nachholbedarf.

Wann begann denn Ihr eigenes Interesse am afrikanischen Kino?

Ziemlich früh. Den Film von Djibril Diop Mambéty, den ich in »Gavagai« zitiere, habe ich schon mit Anfang, Mitte zwanzig entdeckt, »Touki Bouki«. Insgesamt habe ich das Kino allerdings relativ spät für mich entdeckt. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, meine Eltern hatten aus pädagogischen Gründen nicht einmal einen Fernseher, und ein Kino gab es dort auch nicht. Ich war höchstens zehn-, fünfzehnmal im Kino, bevor ich achtzehn wurde. Aber Mambéty und Ousmane Sembène waren für mich wichtig. Trotzdem würde ich sagen, dass andere Kinematographien mich in der Zeit, in der ich selbst anfing, über das Filmemachen nachzudenken, stärker geprägt haben – New Hollywood, die Nouvelle Vague und das iranische Kino der neunziger Jahre, vor allem Kiarostami.

Nach »Schlafkrankheit« wollten Sie eigentlich nicht mehr in Afrika drehen. Warum dann doch?

»Schlafkrankheit« war für mich ein sehr schwieriger Film, auch wegen der Produktionsgeschichte. Ich hatte gehofft, einen Film auf Augenhöhe mit lokalen Technikern und Laiendarstellern machen zu können, und bin daran ziemlich grandios gescheitert. Bei »Gavagai« im Senegal war die Erfahrung eine ganz andere, sehr positive. Das hat natürlich auch mit den unterschiedlichen Ländern zu tun. Senegal hat einen viel stärkeren Bezug zum Kino, eine kleine Filmindustrie, Leute, die sehr gut verstanden haben, was wir machen wollten. Man konnte wirklich auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

»Gavagai« ist in sich schon sehr diskursiv. Merken Sie in Publikumsgesprächen, dass heute anders über Filme gesprochen wird?

Ja, auf jeden Fall. Auf Festivals werden andere Fragen gestellt als im regulären Kino, aber ich habe das Gefühl, dass bei meinen Filmen inzwischen fast nur noch inhaltliche Fragen kommen. Früher wurde ich viel mehr nach Form gefragt: Warum kein Score, warum lange Einstellungen, warum diese Kameraperspektive? Das passiert heute kaum noch. Bei diesem Film ist die Auseinandersetzung noch stärker auf die Themen gerichtet.

Sie waren im Februar auch auf der Berlinale und haben die Debatten dort erlebt. Wie haben Sie die wahrgenommen?

Ich fand die Debatte in beide Richtungen soونکیlich, dass ich mich nicht damit beschäftigen wollte; der Kunstbegriff, mit dem da hantiert wurde, schien mir ehrlich gesagt zu simpel. Aber den Versuch von Kulturstaatsminister Weimer, in die Meinungsfreiheit einzugreifen, fand ich skandalös. Ein internationales Filmfestival muss ein Ort sein, an dem kontrovers gestritten werden darf, das muss eine demokratische Regierung aushalten. Natürlich dürfen wir die deutsche Geschichte nie vergessen. Aber harte Kritik an der Politik der israelischen Regierung muss möglich sein, und auch der Hinweis auf deutsche Mitverantwortung. Das relativiert den grausamen Terroranschlag vom 7. Oktober in keiner Weise.

Was wünschen Sie sich für den Kinostart von »Gavagai«?

Natürlich viele Zuschauer. Aber vor allem wünsche ich mir interessante Gespräche, ich werde meinen Film auf einer Kinotour begleiten. Ich hoffe, dass er ein Bewusstsein dafür schafft, dass wir es uns vielleicht etwas einfach machen, wenn wir immer nur mit dem Finger auf andere zeigen. Vielleicht regt er dazu an, über die eigenen unbewussten Vorannahmen nachzudenken – über das, was man heute Bias nennen würde. Man kann als Mensch gar nicht funktionieren, ohne sich durch Voreingenommenheiten in der Welt zu orientieren. Entscheidend ist, dass man sich dessen bewusst wird und sich immer wieder neu infrage stellt.

Das 19. LICHTER Filmfest findet vom 28. April bis 3. Mai 2026 in Frankfurt am Main statt. Das Publikumsfestival verbindet internationales Arthouse-Kino, regionale Filmkultur und gesellschaftliche Debatten, in diesem Jahr unter dem Schwerpunkt »Kunst«. Mehr als 100 Filme aus aller Welt werden gezeigt. Zu den Programmhöhepunkten zählen neben »Gavagai« auch »Rose« von Markus Schleinzer mit Sandra Hüller, »Staatsschutz« von Faraz Shariat sowie »Die Blutgräfin« von Ulrike Ottinger mit Isabelle Huppert und Lars Eidinger. Auch internationale Erfolge wie der oscarnominierte Dokumentarfilm »Cutting Through Rocks« und der Goya-Gewinnerfilm »Los Domingos« stehen auf dem Programm.

Parallel findet der filmpolitische Kongress »Zukunft Deutscher Film« statt, der das Verhältnis von Film zu anderen künstlerischen Disziplinen diskutiert. Als Gäste werden neben zahlreichen Filmemacher*innen Gesine Schwan, Harald Welzer, Catrin Misselhorn und Claus Kleber erwartet.

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