Ohne Umlaut
Der Titel dieses bei uns bisher unsichtbaren Films hat mich schon immer fasziniert, in der Sache wie in der Orthographie: „Il faut tuer Birgitt Haas“. Das Doppel-t schien mir Ausdruck jener Nonchalance zu sein, die Franzosen gern im Umgang mit fremdsprachlichen Begriffen oder Namen walten lassen – wenn nicht mit Absicht, so doch vielleicht aus einer gewissen Gleichgültigkeit heraus.
Aber bevor ich die Kultur des Nachbarlands weiterhin des Hochmuts zeihe, sollte ich erst einmal einlenken. Eine flinke Netzrecherche brachte heraus, dass Birgitt auch hier zu Lande eine durchaus zulässige Schreibweise ist. Andererseits lag ich nicht völlig falsch, denn in der Besetzungsliste taucht eine Gisella auf, was allenfalls noch auf der iberischen Halbinsel oder in Italien gebräuchlich ist. Und was ist davon zu halten, dass „Hotel Königshof“ außen korrekt buchstabiert ist, während über der Rezeption ein fremdelndes „Koenigshof“ steht? Der Szenenbildner sah keinen Grund, von seinen orthographischen Gepflogenheiten abzuweichen. Es lohnt sich ohnehin, auf der Hut zu sein. Bei einem Spionagefilm, dessen Hauptfigur Athanase heißt, muss man auf ein gerüttelt Maß an Bizarrie gefasst sein. Hier protestiert mein Korrekturprogramm wegen der französischen Herkunft. Gleichviel, semantische Spitzfindigkeiten sind unbedingt angebracht bei einem Thriller, in dem die Geheimdienste der Nachbarländer eine mulmige Allianz eingehen.
Montagabend konnte ich „Il faut tuer Birgitt Haas“ nun endlich sehen, da er unter dem durchaus nützlichen Titel „Der inszenierte Mord“ auf arte lief (in der Mediathek noch bis Ende Mai abrufbar). Dabei handelte es sich tatsächlich um die deutsche Erstaufführung des Films, der immerhin schon 45 Jahre alt ist und in dem wohl auch deutsches Geld steckte. Ich war aus mehreren Gründen neugierig auf ihn. Zum einen, weil Regisseur Laurent Heynemann als Assistent bei Bertrand Tavernier begonnen hat. Der Vorspann liest sich wie ein Tavernier-Film: Für den Schnitt war Armand Psenny verantwortlich für den Ton Pierre Gamet, und die Partitur (nur Streicher!) stammt von Philippe Sarde. Philippe Noiret und Jean Rochefort kehren hier gewissermaßen ihr Machtverhältnis aus „Der Uhrmacher von St. Paul“ um. Abgesehen von „La Question“, der in einer Zeit herauskam, als es noch Mut brauchte, einen kritischen Film über die Algerienfrage zu drehen, blieb Heynemann als Regisseur eher unauffällig. Einer wie er wird leicht unterschätzt. Jedenfalls beeindruckten mich in „Der inszenierte Mord“ seine Schauspielerführung und die Rauminszenierung sehr.
Die Büros, von denen aus die Abteilung von Athanase (Noiret) operiert, sind ein ganz erstaunliches Dekor, weiträumig, hierarchisch, mit der Transparenz liebäugelnd. Wie Heynemann die Figuren und Aktionen in der Bildtiefe staffelt, ist meisterlich. Noiret und seine Leute sollen im Auftrag eines deutschen Geheimdienstes die gesuchte Linksterroristin Birgitt Haas (Lisa Kreuzer ist wunderbar, wird nur leider teilnahmslos synchronisiert) in München töten. Diese Konstruktion ist schon hanebüchen genug, aber der Mordplan noch umwegiger. Der arglose Troff Bauman (Rochefort), gerade von seiner Frau verlassen und arbeitslos, soll als Lockvogel dienen, eine Affäre mit der Zielperson beginnen, die schließlich in einen Mord aus Leidenschaft münden soll. Alles in allem eine Strategie voller Unwägbarkeiten, dafür mit einem romantischen Kniff à la francaise. Es dauert einen Moment, bis man merkt, dass man in einer wüsten Kolportage gelandet ist. Aber der nüchterne Regisseur und seine Darsteller schaffen Plausibilität, wo keine ist. Rochefort ist immer gut, wenn er unbeträchtlichen Charakteren Format verleihen darf. Noiret stattet den Führungsagenten nicht nur mit großbürgerlicher Eleganz aus – Hut, Maßanzug, Lederhandschuhe sowie imposanter Zigarre -, sondern auch lässlichen Skrupeln aus. Das gesamte Ensemble ist großartig zuverlässig. Tatsächlich scheint der mit zeitgenössischer Misogynie eingefädelte Plan aufzugehen. Bauman reist als wundersam frischgebackener Vertreter französischer Enzyklopädien nach München, und verliebt sich auch auf Anhieb in Haas, die vom deutschen Nachrichtendienst als „sexuell überaktiv“ eingeschätzt wird. Die französischen Kollegen übersetzen das mit „mannstoll“. Haas gibt seinem sympathisch ungeschickten Werben zögernd nach („Ich habe um eine Liebesnacht gewettet, nicht um eine Liebesgeschichte.“), aber es kommt doch anders, als es sich die Schlapphüte ausgemalt haben.
Hier sind wir beim zweiten Grund meiner Neugier angelangt: der eigenen Note, die französische Spionagethriller haben. Das Genre mag in Frankreich zwar über eine schmalere Tradition verfügen als in Großbritannien, aber über die Gefühlslage der Nation gibt es ebenso triftig Aufschluss. Im Verkennen der eigenen geopolitischen Bedeutung, der post-imperialen Selbstüberschätzung ähneln sie sich. In „Der inszenierte Tod“ geht es um eine schäbige Amtshilfe. Das ist ungewöhnlich, denn in der Regel ist Frankreich gern der widerspenstige Bündnispartner. Das Kino folgt de Gaulles Diktum, Staaten hätten keine Freunde, sondern nur Interessen. Das verleiht der gallischen Spielart einen anderen Erzählgestus (Sardes Musik interpretiert den Thriller eher als Melodram) und eine andere Fallhöhe. Wie im Gangsterfilm ist das Handeln der Spione zuerst eine Frage persönlicher Moral. Ihr Idealismus wird weniger oft als naiv desavouiert als in angloamerikanischen Filmen – was gewiss daran liegt, dass die französischen Geheimdienste ihre modernen Wurzeln in der Résistance sehen. Die Agenten sind deshalb nicht weniger rücksichtslos, Die Regisseure betrachten sie mit einer paranoider Hellsicht und suchen die brisante Zeitaktualität. Bereits ein Jahr vor Coppolas „Der Dialog“ führt „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ grimmig vor Augen, welch zersetzenden Terror ein kalter Überwachungsapparat ausübt. Das ist mal eine Pierre-Richard-Komödie, in der einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Da steht Rochefort übrigens auf der anderen, manipulierenden Seite. Als unschuldiges Opfer, das in die Mühlen gerät, hat er nun einen Schlussdialog, der John Le Carré gefallen hätte. „Wenn Sie wüssten, wie widerlich Sie sind!“, sagt er zu Noiret, der ihm erwidert: „Ich weiß es.“ Fürwahr, die späte Premiere von „Der inszenierte Mord“ füllt eine Lücke.




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