Gerhard Midding

Gerhard Midding ist freier Autor für Tageszeitungen (Berliner Zeitung, Die Welt), Zeitschriften (epd Film, filmbulletin) sowie Radio-(rbb Kulturradio) und Fernsehsender (3sat). 

Filmkritiken von Gerhard Midding

Mit »Zodiac« schien David Fincher bereits in der epischen Phase seiner Karriere angekommen zu sein, mit seiner neuesten Regiearbeit vollzieht der Meister (und manchmal auch nur Geselle) des Neo-Noir einen noch unerhörteren Registerwechsel: Im sentimentalen Zentrum des Films steht die unerfüllte Liebe eines Mannes, dessen Leben rückwärts zwischen Greisenalter und Kindheit verläuft
Die Zeit der deutschen Besatzung und des Holocaust sind im französischen Kino noch immer ein brisantes, mit zahlreichen Tabus belegtes Thema. Claude Miller inszeniert das Drama um verleugnete jüdische Existenz und eine verdrängte Familientragödie als ein Meisterstück des subjektivierten Erzählens
In der von Dany Boon ohne störenden Stilwillen inszenierten Komödie »Willkommen bei den Sch'tis« wird ein Postbeamter aus der Provence in den gefürchteten Norden des Hexagons strafversetzt. Aber statt Eiseskälte und Sozialtristesse begegnet er dort warmherziger Gastfreundschaft
Johnnie Tos neuer Film ist eine Reflexion über die Wohltaten der Lächerlichkeit: Mit prunkender, schwereloser Könnerschaft erzählt er von einem Quartett liebenswürdiger Taschendiebe, das in einer unbekannten Schönen seine Meisterin findet
Abdellatif Kechiche ist der unverdrossene Utopist des französischen Gegenwartskinos. Wie in seinen früheren Filmen erzählt er hier von Figuren, die sich Zutritt verschaffen zu einer Welt, die ihnen eigentlich verschlossen ist. Der aus Tunis stammende Regisseur filmt ein Familiendrama mit einer solchen Vertrautheit, dass man beinahe das Gefühl hat, selbst dazuzugehören
Bei Sam Fuller gibt es nackte, bei Emmanuel Mouret bekleidete Küsse. Dem hierzulande wenig bekannten französischen Autorenfilmer im Genre der romantischen Komödie ist ein hintergründiges, vorzüglich besetztes und berückend schamhaftes Divertissement über die Frage gelungen, ob sich Freundschaft und Erotik wirklich widersprechen müssen
Giuseppe Tornatore, der sich vor 20 Jahren mit »Cinema Paradiso« vorstellte, wendet sich dem Thrillergenre zu. Mit kolportagehaftem Elan erzählt er in »Die Unbekannte« die Geschichte einer ehemaligen Prostituierten aus der Ukraine, die in einer norditalienischen Stadt ihr gestohlenes Leben zurückgewinnen will
Die Unschuldigen im Ausland sind ein Sujet, das in der US-Literatur- und Filmgeschichte eine lange Tradition hat. In der Nachfolge von F. Scott Fitzgerald erschließt Tom Kalin dem Erzählterrain von Entwurzelung und Dekadenz jedoch eine ungekannt brisante Dimension. Seine Chronik einer inzestuösen Liebesbeziehung ist ein kleines Meisterwerk der suggestiven, atmosphärischen Inszenierung
Dem französischen Musiker und Regisseur Denis Dercourt ist ein so origineller wie raffinierter Rachethriller im Milieu der Konzertpianisten gelungen, mit Anklängen an »Alles über Eva« und »Die Hand an der Wiege«
Zehn Jahre nach »Casino« kehrt Martin Scorsese zum Genre des Gangsterfilms zurück. Er hat die Hongkonger Vorlage ins Milieu der irisch-katholischen Gangster in Boston verlegt, hochkarätig besetzt und mit Zitaten von John Fords »Der Verräter« bis »Der Dritte Mann« gespickt. Bei aller vertrauten Virtuosität erweist sich der Film jedoch nicht als eine Herzensangelegenheit des Regisseurs

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