Die DNS des Films
Wenn in der kommenden Nacht die Oscars vergeben werden, dürfte Jack Fisk aller Wahrscheinlichkeit nach leer ausgehen. Branchenkenner gehen davon aus, dass entweder „Frankenstein“ oder „Sinners“ für das Beste Szenenbild ausgezeichnet werden. Dem Production Design von „Marty Supreme“ räumt man allenfalls Außenseiterchancen ein. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe.
Vorzugsweise werden in dieser Kategorie Historienfilme ausgewählt, weil da die Dekors besonders ins Auge fallen. Nach dieser Logik wäre „One Battle after Another“ der Außenseiter, der ja doch in einer Art von brisanter Gegenwart spielt. Auch Fisk' Dekors rekonstruieren eine vergangene Epoche, die 1950er Jahre. („Hamnet“ geht als fünfter Kandidat ins Rennen.) Als lebende Legende könnte Fisk vielleicht mit einem gewissen Bonus der Verehrung bzw. des „Längst überfällig“ rechnen. Dies ist erst seine vierte Nominierung, und die ersten drei erhielt er erstaunlich spät in seiner inzwischen mehr als sechs Jahrzehnte andauernden Karriere: für „There will be Blood“, „The Revenant“ sowie „Killers of the Flower Moon“. (Mehr über diese Ausnahmegestalt erfahren Sie in „Lyrische Authentizität“ und „Vermessung des Niemandslands“ vom 22. bzw. 27. 10. 2023). Für seine Arbeit an „Marty Supreme“ hat der Veteran allerdings enorme Aufmerksamkeit erhalten, er wurde vom „Hollywood Reporter“, von „IndieWire“, „Le Monde“, „Variety“ und anderen Publikationen interviewt. Und wie man in früheren, bescheideneren Zeiten sagte: Die Nominierung ist die eigentliche Ehre, denn sie beruht auf dem Votum der Kolleginnen und Kollegen aus der Zunft.
Bevor ich den Film gestern Abend sah, hatte ich im Vorfeld einige der Artikel gelesen, die ich im Übrigen als fabelhafte Quellen empfehle, um herauszufinden, wie gründlich dieser Szenenbildner ans Werk geht. Etliche habe ich nach dem Kinobesuch noch einmal studiert, denn ich war verblüfft, wie wenig man auf den ersten Blick von dieser Gründlichkeit sieht. Beinahe kam es mir vor, „Marty Supreme“ wolle sie gar verbergen. Natürlich fallen manche Dekors sofort ins Auge, weil sie so monumental sind: das Londoer Wembley Stadium etwa, wo Marty Mauser schließlich gegen den japanischen Tischtennis-Champion verliert, oder die bizarre Showbühne in Japan, wo er ihn am Ende doch schlägt. Auch der in transparente Dunkelheit getauchte „Lawrence`Broadway Table Tennis Club“ ist eindrucksvoll, ebenso wie die kurios farbkoordinierte Bowlingbahn, in die es Marty im ländlichen New Jersey verschlägt.
Die größte Arbeit hat Fisk in die Rekonstruktion der Orchard Street in der Lower East Side von New York gesteckt, wo Marty lebt. Die hat sich seit den 1950ern enorm verändert, sein Team musste die heutigen Fassaden mit mehreren großen Modulen „maskieren“, musste Firmen- und Geschäftsschilder im damaligen Stil gestalten; den Schuhladen, in dem Marty arbeitet, bauten sie in einem Kleidungsgeschäft nach, wo die Zeit in den letzten Jahrzehnten still stand. „Marty Supreme“ ist erst der zweite New-York-Film, den Fisk ausgestattet hat, aber er kannte die Stadt gut, weil er dort in den frühen 60ern eine Zeitlang lebte. Gleichwohl hat er ausgiebig recherchiert, unter anderem im „Tenement Museum“ in der Lower East Side, wo er die Inneneinrichtung von zwei Wohnungen aus dem 19. Jahrhundert studierte, die noch im originalen Zustand erhalten sind. Im Gegensatz zu den Regisseuren des New Hollywood, mit denen er anfing, und deren Schülern, mit denen er heute arbeitet, schaut er sich zur Inspiration keine Spielfilme an, sondern Dokumentarfilme. Als wichtigste Anhaltspunkte für den Look der Orchard Street, in der ursprünglich jüdische Einwanderer lebten und dann vor allem asiatische hinzukamen, nennt er gegenüber „Le Monde“ die Fotografien von Jacob Riis (ich denke, vorrangig dessen Zyklus „How the Other Half lives“), Lewis Hine und Ken Jacobs Kurzfilm „Orchard Street“ von 1955. Wenn man hier eine Zeitlinie verfolgt, dann reicht sie von den 1890ern (Riis) über die 1910er (Hine) bis in die 1960er Jahre, die Fisk aus eigener Anschauung kannte. In diesen Jahrzehnten hat sich die beliebte Einkaufsstraße anscheinend kaum verändert!
Auf „Orchard Street“ wies ihn Regisseur Josh Safdie an, der Jacobs' Film später auch dem Team vorführte. Er ist großartig, nicht nur als Zeitdokument. (Keine Ahnung, ob er im Netz greifbar ist, aber die Blu-ray der Ken-Jacobs-Collection ist empfehlenswert.) Der Regisseur hat ihn im Lauf eines Jahres mit einer kleinen Bell&Howell-Kamera stumm gedreht (in „luxurious silence“, wie er später sagte). Das geschäftige Treiben in dieser kommerziellen Arterie fängt er unfassbar lebhaft ein. Er entstand vor allem an Sonntagen, wo der Trubel nach der Schließung zum Sabbat besonders groß war. Was es da nicht alles zu kaufen gab an Nützlichem und an Nippes! Die Straße, die gesamte Nachbarschaft vibriert. In einigen wenigen Totalen gewinnt man einen topographischen Überblick, aber meist konzentriert sich der Blick auf die temperamentvollen Händler und ihre Kundschaft. Jacobs nimmt die Perspektive des Fußgängers ein, nicht die des Flaneurs. Über dem Straßenmarkt hängt an den Feuerleitern die Wäsche zum Trocknen aus. Vor Feinstaub fürchtete man sich damals noch nicht. Selbstverständlich sieht man ein paar zeitgenössische, stolz gewienerte Limousinen. Aber oft werden die Waren noch auf Karren transportiert, von Hand oder von Pferden gezogen. Fürwahr, die Zeitalter überkreuzen sich hier. Bei einem historischen Stoff, sagt Fisk in einem Interview, filmt man nicht ein einziges Jahr, sondern eine Epoche.
All dies hat er also akribisch für den Film rekonstruiert. Aber in „Marty Supreme“ sieht man kaum etwas von diesem Detailreichtum! Marty rennt nur einmal, eine seiner vielen Fluchtbewegungen, über die Straße, ein paar Sekunden lang. Safdie hat die Szenerie mit langen Brennweiten und in frenetischem Tempo gefilmt, sodass der Raum verschwindet. Aber man spürt ihn. Fisk erklärt, er wollte dem Regisseur einen Reichtum anbieten, aus dem er dann auswählen konnte. Es gehöre eben zu seiner Arbeit, dass viel davon unsichtbar bleibt. Aber diese Details, meint er, sind in die DNS des Films eingeflossen. Man nimmt sie unterschwellig wahr. Seit gestern Abend strömen immer mehr Bilder und Eindrücke auf mich ein: Ich habe das Gefühl, diese erloschene Welt wirklich erlebt zu haben. Die enge Wohnung von Martys Mutter sieht tatsächlich so aus, als wohnte die Familie dort seit Jahrzehnten. Das Design des Treppenhauses allein ist schon einen Oscar wert. „Marty Supreme“ macht sein Publikum zu Augenzeugen, die sehen, was über die Kadrierung der Einstellungen hinaus reicht.
Einen unmittelbaren Einfluss haben Fisk' Recherchen übrigens gleichwohl gehabt. Er las mehrere Bücher über Hygiene in der damaligen Zeit. Warmwasser war ein kostbares Gut, also duschten die Leute nur einmal in der Woche, vorzugsweise am Samstag, wenn die Boiler auf Hochtouren liefen. Als Marty eines Morgens von einer seiner Fluchten heimkehrt, rät ihm seine Mutter, jetzt unter die Dusche zu springen, denn alle Hausbewohner sind zur Arbeit. Nichts ist vergeblich in Fisk' Arbeit. Also kann ich ihm getrost Glück wünschen für heute Nacht.




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