Sundance Festival 2026: Zwischen Wehmut und Aufbruch
»Josephine« (2025). Foto: Greta Zozula. © Sundance Institute
Sundance 2026 setzt trotz Krise des Independent-Kinos eindrucksvolle Akzente: starke Coming-of-Age- und Queer-Filme, leichtere Genrearbeiten und formal kühne Dokus zeigen die Vielfalt einer suchenden Branche
Zwischen nostalgischer Wehmut und hoffnungsvoller Aufbruchsstimmung schwankte das Sundance Film Festival in seiner letzten Ausgabe im winterlichen Ski-Ort Park City in Utah, bevor nun der Umzug nach Boulder, Colorado ansteht. Dass das Independent-Kino, zumal das US-amerikanische, angesichts von schrumpfendem Platz sowohl in den Kinos als auch bei den Streamingdiensten in einer ordentlichen Krise steckt, war trotzdem überdeutlich zu spüren: so wenig hochkarätige Deals wurden lange nicht abgeschlossen, so wenig Buzz im Wettbewerb war selten. Was nicht heißt, dass sich nicht auch im Rahmen der Online-Akkreditierung im Programm einige Highlights entdecken ließen.
Josephine
Beth de Araújo erzählt in ihrem Zweitling von der achtjährigen Titelheldin, die zufällig im Park Zeugin einer Vergewaltigung wird und mit einer Aussage vor Gericht zur Verurteilung des Täters beitragen könnte. Doch vor allem geht es der Regisseurin darum, was dieses Ereignis mit dem Mädchen macht, das eigentlich noch gar nicht verstanden hat, was es da gesehen hat, und dessen bemühte Eltern kaum wissen, wie sie vermitteln, was Sex oder gar Einvernehmlichkeit sind, wo die Grenzen zwischen Selbstverteidigung und Aggression verlaufen oder dass eben nicht jeder Mann automatisch ein Täter ist.
Ein erschütternder und beeindruckender Film, enorm nuanciert und klug erzählt, mit starken Leistungen von Channing Tatum und Gemma Chan und vor allem der kleinen Mason Reeves als bemerkenswerter Neuentdeckung. Dafür gab es am Ende, was eher selten der Fall ist, sowohl den Jury- als auch den Publikumspreis.
Bedford Park
Zu den überzeugenderen Werken im Wettbewerb für die US-Spielfilme gehörte auch Stephanie Ahns Debütfilm »Bedford Park«. Sehr langsam erwächst aus einer Zufallsbegegnung eine Annäherung zwischen Mit-Dreißigerin Audrey (Moon Choi) und dem etwa gleichalten Eli (Son Suk-ku), die beide auf ihre Weise feststecken in ihrer Unzufriedenheit und doch – auch mit Blick auf ihre koreanischen Wurzeln – nicht unterschiedlicher sein könnten. Das Ergebnis ist eine komplexe, angenehm auf Überdramatisierung verzichtende Auseinandersetzung mit Zugehörigkeit, Herkunft und Einsamkeit, kompetent und mit viel Gespür für Details inszeniert.
Ha-Chan, Shake Your Booty!
Als unerwartet leichtfüßig im Tonfall entpuppte sich die musikalische Tragikomödie »Ha-Chan, Shake Your Booty!« von Josef Kubota Wladyka, in dem die Japanerin Haru (exzellent: Rinko Kikuchi) der Trauer um ihren plötzlich verstorbenen Mann mit ihrer Leidenschaft für Gesellschaftstanz und einem attraktiven neuen Tanzlehrer (Alberto Guerra) zu begegnen beginnt. Der bislang eher auf Thriller spezialisierte Wladyka konnte den Regie-Preis für sich verbuchen, was angesichts des Charmes und zahlreicher origineller Einfälle sowohl im Skript als auch der Inszenierung durchaus verdient war.
Barbara Forever
Selbst Cineast*innen können häufig viel zu wenig mit ihrem Namen anfangen, und selbst in Queer-Cinema-Diskursen ist ihr Werk nicht annähernd so präsent, wie es sein sollte. Dabei gehörte Barbara Hammer ohne Frage zu den absoluten Pionierinnen des lesbischen Kinos – und das schon ab den Siebziger Jahren. Brydie O'Connor setzt der 2019 verstorbenen Kollegin nun ein Denkmal und setzt dabei nicht auf klassische Doku-Bio-Konventionen, sondern einen Avantgarde-Ansatz und ausschließlich Ausschnitte aus Hammers eigenen Filmen sowie Interview-Aufnahmen und Selbstaussagen. Ein künstlerisch ambitioniertes Werk, das nicht zuletzt als Plädoyer für die (Wieder-)Entdeckung einer großen Filmemacherin dient.
Zi
Nach der künstlerisch wie kommerziell gescheiterten Großproduktion »A Big Bold Beautiful Journey« legt Kogonada bereits den nächsten Film vor und scheint mit dieser kleinen Fingerübung vor allem den Kopf frei bekommen zu wollen. Nicht alles ist gelungen an dieser mit Mini-Budget und ebensolchem Team entstandenen Geschichte über die titelgebende junge Frau (Michelle Mao), die bei ihrer Rückkehr in ihre Heimatstadt immer wieder auf ihr künftiges Ich zu stoßen scheint. Doch wo die Selbstfindungs-Handlung schwächelt, überzeugt »Zi« mit wunderbaren, grobkörnigen Bildern von Hongkong und viel atmosphärischer Stille.
The Incomer
Eigentlich sollten nur Vögel leben auf der abgelegenen schottischen Insel, die die Geschwister Isla (Gayle Rankin) und Sandy (Grant O'Rourke) ihr Zuhause nennen. Seit Jahrzehnten fristen sie dort ihr bescheidenes Dasein, ohne eine Ahnung zu haben, was die Zivilisation da draußen sonst zu bieten hat. Doch dann wird der nerdige Daniel (Domhnall Gleeson) vom Festland geschickt, um die beiden umzusiedeln. Regisseur Louis Paxton macht daraus einen Film, der deftige Komödie und rührendes Märchen gleichermaßen ist und vom Darsteller*innen-Trio genauso lebt wie vom natur-lastigen Setting.
TheyDream & Jaripeo
Gleich zwei autobiografisch inspirierte Dokumentarfilme begeisterten in der Programmreihe NEXT für innovatives Low-Budget-Kino. Efraín Mojica lotet mit Ko-Regisseurin Rebecca Zweig in »Jaripeo«, ausgehend von den Männlichkeits-Bildern der mexikanischen Rodeo-Szene, nicht nur die eigene Queerness aus, visuell zum Teil betörend umgesetzt. Und William David Caballero erzählt in »TheyDream« seine Lebens- und (Einwanderer-)Familiengeschichte nach, wozu er nicht nur alte Ton- und Videoaufnahmen, sondern auch Animation sowie Miniaturen verwendet und vor allem nebenbei die Arbeit am Film selbst in den Blick nimmt.



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