Fantasy Film Fest Nights 2026

Der Schrecken in der eigenen Familie
»Nightborn« (2026). © Alamode Film

»Nightborn« (2026). © Alamode Film

Bei den Fantasy Film Fest Nights haben die klassischen Monster weitgehend ausgedient

Nein, der klassische Slasherfilm ist nicht ausgestorben, die Kunst der »kreativen« Todesarten hat sogar wieder Platz im Kino, wie die kürzliche Wiederbelebung des »Final Destination«-Franchises zeigte. In dieselbe Richtung zielt auch Corin Hardys neuer Film »Whistle« (Kinostart: 7.5.), in dem das Spiel auf einer aztekischen Todespfeife, von einer Highschoolclique in einen verlassenen Spind entdeckt, das Grauen heraufbeschwört – mit entsprechend hohem Bodycount.

Glücklicherweise hat das Fantasy Film Fest mehrheitlich Filme im Programm, die intelligenten Horror bieten, in der aktuellen Ausgabe mit »Nightborn« und »Rosebush Pruning« unter anderem zwei, die es in den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb schafften. In beiden steht der Schrecken im Vordergrund, der eine Familie heimsucht, genau das zieht sich als Thema durch viele der diesmal gezeigten Filme. Während Karim Aïnouz' »Rosebush Pruning« (gerade in den Kinos angelaufen) eine reiche amerikanische Großfamilie bei ihrem dekadenten Tun in einer spanischen Villa genüsslich vorführt und dabei keinen Exzess auslässt, ist es in »Nightborn«, dem Film der finnischen Regisseurin Helena Bergström, eine traditionelle Kleinfamilie, in der der Schrecken heraufbeschworen wird. Das Idyll in der Einsamkeit der finnischen Wälder, in die das Paar aus der Großstadt geflüchtet ist, erweist sich als trügerisch, mit der Geburt des Babys und dem zunehmend erratischen Verhalten der Mutter kippt es dann vollends, die Verbindung von klassischem Suspense und Body Horror setzt die Regisseurin wie schon in ihrem vorangegangenen Film »Nesting« überzeugend ins Bild.

Um ein Baby geht es auch in Caleb Phillips' »Imposters«. Bei der Housewarming-Party der neu in die Kleinstadt hinzugezogenen Familie ist es plötzlich verschwunden. Die Suche nach ihm wird zum existenziellen Drama der Eltern, der angebotene Ausweg, der etwas mit alten Mythen zu tun zu haben scheint, führt sie in ein ausgeklügeltes Labyrinth, was seltsame Gedächtnislücken hervorruft, bevor sie dann ihren eigenen Doppelgängern begegnen.

Es gibt aber auch Filme, in denen sich die Protagonisten plötzlich in familiären Zusammenhängen wiederfinden, die sie überhaupt nicht gewollt haben. Im ungarischen »Feels Like Home« wird eine junge Verkäuferin auf offener Straße entführt, fortan redet man ihr ein, sie sei schon immer Teil einer anderen (Groß-)Familie gewesen und nur von dieser weggelaufen. Spielen deren Mitglieder aus mehreren Generationen dem Patriarchen nur etwas vor, um nicht dessen Zorn auf sich zu ziehen, oder steckt noch mehr dahinter? Regisseur Gabor Holtai entwickelt daraus eine Geschichte, die sich durchaus als Parabel auf das Ungarn unter Viktor Orbán lesen lässt.

Ebenso von der Straße entführt wird auch der Protagonist in Jan Komasas »Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes« – ein rücksichtsloser und egozentrischer junger Mann, der seine Exzesse und Untaten über Social Media verbreitet und damit die gewünschten zahlreichen Likes erzielt. Angekettet im Keller eines Landhauses sieht er sich mit einem Mann konfrontiert, dessen Vorstellungen den seinen vollkommen entgegengesetzt sind. Ein spannendes Duell beginnt, bei dem die Sympathien des Zuschauers wiederholt infrage gestellt werden (Kinostart im Juni).

Wie weit die Macht von Social Media inzwischen gediehen ist, wie einfach Fake News zu bewerkstelligen sind und was für fatale Konsequenzen das haben kann, davon legt Chris Marrs Pilieros »Appofeniacs« (bis jetzt ohne deutsche Auswertung) ein eindringliches Beispiel ab, wenn ein junger Mann in kürzester Zeit gefälschte Profile von Menschen erstellt, über die er sich geärgert hat. Eine junge Frau lässt er als Rassistin erscheinen, einem Mann gaukelt er vor, seine Freundin habe ihn mit einem anderen betrogen – die bösen, nicht umkehrbaren Konsequenzen, die das hat, nimmt er billigend in Kauf. Die drastischen Gewaltszenen sind da nur konsequent und alles andere als selbstzweckhaft.

In der argentinisch-uruguayischen Koproduktion »The Whisper« von Gustavo Hernández schließlich gehen klassischer und moderner Schrecken eine spannende Verbindung ein. Lucia, im Teenageralter, wird fortlaufend mit den Mordopfern ihres Vaters konfrontiert. Wie die mit der Krankheit ihres kleinen Bruders Adrián zusammenhängen, wird der Zuschauer erst im Lauf der Geschichte erfahren, wenn Lucia mit ihren neuen Nachbarn aneinandergerät. Die haben es ebenfalls auf junge Frauen abgesehen – um sie dann vor laufender Kamera zu ermorden. Das lässt den Familienfluch, in dem sich eines der klassischen Monster manifestiert, wie ein Relikt vergangener Zeiten erscheinen. Schön, dass dieser originelle Film einen deutschen Anbieter gefunden hat.

Fantasy Film Fest Nights, noch bis Sonntag, den 26.4., in Frankfurt, München und Stuttgart.

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