Kritik zu Was werden die Leute sagen

© Pandora Film Verleih

2017
Original-Titel: 
Hva vil folk si
Filmstart in Deutschland: 
10.05.2018
R: 
B: 
L: 
108 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Ein Mädchen zwischen moderner Gesellschaft und patriarchaler Familientradition: Die norwegisch-pakistanische Regisseurin Iram Haq greift in ihrem Spielfilm auf eigene Erfahrungen zurück und ringt dem plakativen Thema eine sehr differenzierte Darstellung ab

Bewertung: 5
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Nisha rennt. Die Kamera beobachtet das 15-jährige Mädchen, wie es von einem Treffen mit Freunden nach Hause eilt. Dort wartet der Vater auf sie, eine nachdenkliche Gestalt mit skeptischem Blick. In Iram Haqs Film »Was werden die Leute sagen?« ist Nisha selten ein Moment der Ruhe vergönnt: Laufen ist eines der zentralen Motive der norwegisch-deutsch-schwedischen Produktion. 

Nisha (Maria Mozhdah) lebt bestens integriert in einer norwegischen Stadt, aber gleichzeitig in der pakistanischen Kultur ihrer Familie: ein Mädchen zwischen zwei Welten. Den Lauf zu sich selbst hat sie bereits hinter sich. Nisha fühlt sich wie ein ganz normaler norwegischer Teenager, fette Kartoffelchips und gelegentliches Kiffen inklusive. Sexuelle Erfahrungen will sie nicht erst nach der Heirat sammeln.

Der Konflikt ist programmiert. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Haq offenbart ihn in starken Kontrasten, aber nie plakativ. Die Geburtstagsidylle mit arabischer Musik und folkloristischem Tanz findet eine Entsprechung in einer typischen Teenager-Party. Zu Hause muss sich Nisha, die gern bauchfrei trägt, textilen Zwängen unterwerfen. Für sie fungiert das Smartphone als Brücke zwischen den beiden Kulturen, in denen sie sich spielerisch, sorglos und scheinbar souverän bewegt. Doch das Gefühl der Sicherheit trügt; nach einer Konfrontation mit dem Vater (Adil Hussain) dämmert ihr, dass dessen Ankündigung »Ich bring dich um« keine leere Drohung darstellt. Er hatte die Tochter mit Freund in ihrem Zimmer erwischt.

Was werden die Leute sagen? erzählt die Geschichte einer Eskalation. Nisha, die nach den Vorstellungen ihrer Familie ein pakistanisches Kind sein soll, das sich von den »westlichen Idioten« unterscheidet, verliert ihre Freiheit und Selbstbestimmung. Bruder und Vater bringen sie gegen ihren Willen nach Pakistan, wo sie bei Verwandten auf den rechten Weg geführt werden soll.

Iram Haq, die in Norwegen und Indien auf Norwegisch und Urdu gedreht hat, schöpft aus eigenen Erfahrungen: »Wie Nisha im Film hatte ich in meiner Jugend mehr norwegische Freunde. Ich fand es extrem unfair, als junges Mädchen nicht das tun zu dürfen, was allen anderen erlaubt war. Ich selbst wurde, als ich 14 Jahre alt war, von meinen Eltern entführt und musste mit meinen Verwandten in Pakistan leben.« Das hat die Filmemacherin nicht zu einer einseitigen Sicht der Dinge bewogen, im Gegenteil. Sie wird beiden Welten und ihren Protagonisten gerecht – und deren Argumenten. Dabei profitiert sie von der Kunst fabelhafter Darsteller und Darstellerinnen: die eine, Maria Mozhdah, mit so gut wie keiner Schauspielerfahrung; der andere, Adil Hussain, ein Profi, der unter anderem in Ang Lees »Life of Pi« mitgewirkt hat. 

Hussain besitzt als Vater Mirza tyrannische Züge, aber er handelt im Glauben, das Richtige zu tun. »Ich will doch nur das Beste für dich«, sagt er seiner Tochter. Aber Ehre und das Bild der Familie nach außen wiegen für ihn schwerer als die Liebe zum Kind. Doch Mirza verändert sich. Am Ende nimmt ihn Nadim Carlsens Kamera wie durch ein Prisma betrachtet auf: ein Mann ohne fest umrissene Identität. Er ist nicht mehr derselbe. Hussain beglaubigt die Zerrissenheit des Mannes, die eruptive Gewalt und die nicht zu unterdrückende Empathie.

Maria Mozhdah trägt den Film über 106 Minuten. Ihre Nisha wird aus der Wohlfühlzone ihrer Existenz gerissen, das Trauma der Entführung generiert zuerst Wut, später erscheint sie wie gelähmt. Die Zähmung der Widerspenstigen, die sich zwar in Pakis­tan allmählich auf die fremde Umgebung einlässt, aber die vollkommene Integration verweigert, scheitert am Freiheitsgeist des Mädchens. Sie zahlt dafür einen hohen Preis. Kleine Fluchten aus dem Alltag, zum Beispiel die körperliche Nähe zu Amir (Rohit Saraf), wechseln mit depressiven Schüben. Sie ist hin und her gerissen zwischen Rebellion und Resignation; der Konflikt, der sie von ihrer Familie entfremdet, droht sie zu zerreißen. Mozhdah bewältigt die darstellerische Tour de Force scheinbar mühelos, als hätte sie nie etwas anderes getan als zu schauspielern.

Meinung zum Thema

Kommentare

Unserer Meinung nach, stellt der Film:“Was werden die Leute sagen?“ die pakistanische Kultur zu einseitig dar und gibt dem Zuschauer keine einzige Möglichkeit sich zumindest ein objektives Bild, nicht nur von der pakistanisch-muslimischen Kultur sondern auch vom normalen Alltag und Leben einer solchen Familie zu schaffen. Als Unbeteiligter an dieser Kultur den Film zu gucken, könnte vermutlich den Eindruck erwecken, dass der Film den versuchten Mord an einem Kind und angewandte Gewalt in der Familie mit der pakistanisch-muslimischen Kultur und Traditionen der Familie entschuldigen möchte.
Um das durch den Film verursachte Bild, alle Pakistani würden ihre Kinder vernachlässigen, ihnen nicht zuhören und die Familienehre über das Wohlergehen ihrer Kinder stellen, zu verhindern, könnte ein Statement oder eine Erklärung am Ende die pakistanische Kultur kurz erklären oder deutlich machen, dass eine Situation wie im Film beschrieben hoffentlich kein alltägliches Familienleben darstellt sondern eine überspitzte Situation oder Einzelfall. Falls hier die Autorin ein Einzelschicksal darstellt (ihr eigenes?),sollte dies dem Zuschauer irgendwann mitgeteilt werden.
Der Film stellt Pakistan extrem einseitig dar.
Er selbst wirft ein sehr verzerrtes Bild auf Pakistan, da es aus ihm nicht erkennbar ist, ob der Fall von Nisha ein Einzelfall oder die Norm ist. Dadurch, dass nur Nishas Fall vorgestellt oder erwähnt wird, wird suggeriert, dass Eltern aus Pakistan das Wohlergehen ihrer Kinder weniger wichtig ist, als ihre Ehre vor den anderen.
Wir wünschen uns Filme, die Vorurteile abbauen und nicht produzieren.

Es ist traurig, wenn eine vage Angst vor „Vorurteilen“ mehr Gewicht bekommt als das Recht von Frauen und Mädchen auf Freiheit. Die Menschenrechte gelten für alle und stehen grundsätzlich über elterlichen Wünschen und Vorschriften. Außerdem handeln Spielfilme immer von Einzelschicksalen. Für die Darstellung verschiedener Fälle ist der Dokumentarfilm zuständig.

Dieser Film ist einer der besten Filme, die ich seit langem gesehen habe. Klar ist dieser Film in manchen Teilen überzeichnet, aber sonst wäre es kein Film, welchen man im Kino zeigen würde. (der Alltag ist nicht filmreif) Trotzdem fühlte ich mich verdammt gut in die Situationen hinein versetzt. In die Situationen einer traditionell moralisch lebenden Familie, welche irgendwo Halt sucht und leider mit Normen ein Mädchen bestraft, welches Ihren eigenen Träumen zu folgen versucht. Ich fand es gut, das es nicht nur ein Schwarz-weiß Denken in diesem Film gab. Dadurch konnte man nachvollziehen, in welchem Konflikt sich die Hauptdarstellerin befand. Zum einen die Zuneigung und Liebe zu den Eltern, Geschwistern und zu der kulturellen Tradition, zum Anderen auf der anderen Seite die eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Genauso auch der Vater, der nicht wie ein Extremist auftrat, sondern ein Vater, der liebend, unsicher, orientierungslos und zum Schluß erschöpft von Normen war, die er nicht mehr aufrecht erhalten konnte. Dieser Film ist meiner Meinung alles andere als ein Film der die Gesellschaft - schwarz-weiß zeichnet. Diese Filme kann man sich genug im Blockbuster-Kino anschauen, ´Was werden die Leute sagen´gehört definitiv nicht dazu - Eine sehr gute Regie-Leistung von Iram Haq!!!

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