Kritik zu Silent Friend
Das dürfte der erste Film sein, in dessen Abspann Pflanzen als gleichrangige Hauptdarsteller genannt werden. Mit sinnlicher Gelehrsamkeit erkundet Ildikó Enyedi das Innenleben von Mensch und Botanik
In diesem zuvorkommenden Film wird Ihnen ein anderes Zeitmaß begegnen: Er lädt Sie zu gründlicher Entschleunigung ein. Zauber und Wissenschaft geben sein Tempo vor. Man könnte ihn als Wachtraum des majestätischen Ginkgo biloba deuten, der im Botanischen Garten der Universität Marburg die Zeiten an sich vorüberziehen lässt. Er ist beständiger Zeuge unzähliger Menschenleben (still, aber wohlgemerkt nicht stumm), von denen Ildikó Enyedi drei auswählt, die sich in unterschiedlichen Epochen zutragen.
Der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai in seinem ersten europäischen Film) untersucht in Hongkong die Gehirnströme von Säuglingen und wird als Gastprofessor an die Philipps-Universität eingeladen. Sein Unterricht wird jäh von der Pandemie unterbrochen; im Lockdown vertreibt er sich die Langeweile und Einsamkeit, indem er seine Forschungen an eben jenem Baum fortsetzt. Gut ein Jahrhundert zuvor wird Grete (Luna Wedler, in Venedig preisgekrönt als beste Nachwuchsdarstellerin) am selben Ort als erste Frau zum Biologiestudium zugelassen und trotzt gescheit dem frauen- und sexualfeindlichen Klima der Wilhelminischen Ära. Um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, geht die brillante Studentin bei einem Fotografen in die Lehre, der sie die Wirklichkeit mit anderen Augen betrachten lässt. Anfang der 1970er Jahre verliebt sich der anfangs noch etwas ziellose Studienanfänger Hannes, auch er ein Außenseiter (Enzo Brumm, eine fabelhafte Neuentdeckung), in seine Mitbewohnerin und setzt in den Semesterferien aufopferungsvoll deren Experimente mit einer empfindsamen Geranie fort. Jede der Episoden mündet in unerwartete Erkenntnisse.
Die große Stilistin Enyedi ist gar nicht erpicht darauf, jede Erzählebene stringent auszuerzählen (was erheblich zum eigentümlichen Zeitmaß beiträgt), sondern wechselt flink assoziativ zwischen ihnen. Ihr überaus taktil agierender Kameramann Gergely Pálos scheidet sie durch unterschiedliche Aufnahmeverfahren voneinander: HD in der Gegenwart, monochromer 35-mm-Film zu Beginn des 20. Jahrhunderts und körniger 16-mm-Farbfilm in den 70ern, der gar fingierte Laufstreifen aufweist. Dank ihrer atmosphärischen Präzision fügen sie sich zu einem berückenden Ganzen. Dieses sorgsam schwebende Erzählen nimmt die Pflanzenwelt wie selbstverständlich mit ein: Die Botanik hat hier gleiches Bildrecht, sie ist belebt (nicht nur wenn der Wind durch Äste und Zweige des Ginkgo weht), reagiert auf Störungen und kommuniziert. Missverständnisse gibt es nur zwischen den Menschen.
Wenn Sie in all dem ein filmisches Pendant zu den forstlichen Seelenerkundungen eines Peter Wohlleben vermuten, liegen Sie falsch: »Silent Friend« ist deren heilsames Gegenmittel. Enyedi inszeniert ihren Film gewissermaßen als traumbegabte Gelehrte. Sie ruft die wissenschaftliche Forschung als Instrument auf, Metaphern zu finden für die Phänomene der Welt. Die Regisseurin ist fasziniert von den Gesetzen und Möglichkeiten der Wahrnehmung. Grete erweitert deren Radius entschlossen, indem sie sich ihrer Begeisterung für die Fotografie immer zielstrebiger hingibt. Bald wird sie der Fragilität der Welt gewahr. Stetig rückt sie ihr näher, studiert Gesichtszüge, Haarsträhnen und Blätter, um deren feinste Strukturen zu ergründen. Die Totale verlieren weder sie noch ihre Regisseurin aus dem Blick. Hannes wiederum lernen wir kennen, als er Rilke liest, den Dichter der beflügelten Betrachtung. Auch er wird in eine Schule des Sehens und Hörens (das Sound-Design des Films ist exzellent) gehen. Und der introvertierte Tony entdeckt schließlich dank ausgiebigen Videokonferenzen mit einer Biologin (aus Paris zugeschaltet: Léa Seydoux), dass sein stiller Freund auf dem verlassenen Campus auch ein reiches Sexualleben entfalten kann. Fast zweieinhalb Stunden sind bis dahin vergangen, aber so heiter, leise und ermutigend, dass es einem nie in den Sinn kam, auf die Uhr zu schauen.





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