72. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Jeder Ort hat sein Geheimnis
»Ein Meter Neunzig« (2026)

»Ein Meter Neunzig« (2026)

Anspruchsvoll: der Deutsche Wettbewerb bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen (28.4.–3.5.2026)

Im zweiten Jahr nach dem Weggang des langjährigen Leiters Lars Henrik Gass war die Spannung auf die erste Festivalausgabe, die Madeleine Bernstorff als künstlerische Leiterin allein verantwortete, natürlich groß. Gass ging kurz vor der letzten Festivalausgabe 2025, nachdem er ein Jahr zuvor zu einer proisraelischen Demonstration aufgerufen hatte und das Festival daraufhin Ziel einer ominösen Boykottkampagne wurde. Dass sich das Festival aber aus der politischen Diskussion heraushielt, war zumindest den zwei Programmen des anspruchsvollen und vielgestaltigen Deutschen Wettbewerbs nicht anzusehen.

In »Catacombs« (der den 3sat-Nachwuchspreis erhielt) verbindet der aus Syrien stammende Filmemacher Shebab Fatoum seine eigene Fluchtgeschichte mit Homers »Odyssee«, mitunter etwas allzu ambitioniert. »Ein Meter Neunzig«, das ist der Abstand zwischen dem Turm der Garnisonkirche in Potsdam und dem Rechenzentrum aus DDR-Zeiten, in dem sich jetzt Ateliers befinden. Die Diskussion darüber dokumentiert Gregor Bartsch: Für manche verschönert der wieder aufgebaute Turm das Stadtbild, für manche ist er Ausdruck des preußischen Militarismus, der sich mit dem »Tag von Potsdam« mit den Nazis verbündete. Und in dem schwarz-weißen »How Do You Spell This World?« lesen Schülerinnen und Schüler den Erfahrungsbericht ihrer russischen Lehrerin vor, die wegen ihrer ablehnenden Haltung dem Ukrainekrieg gegenüber denunziert wurde und schließlich in den Westen floh.

Teilweise auch in Schwarz-Weiß haben Petra Graf und James Edmonds ihren »Forming en Route« gedreht, Aufnahmen aus der französischen Küstenstadt Saint-Nazaire, die mitunter Bilder des Alltags wie Abstraktionen einfangen, aber auch einen Boxkampf zeigen. Wo andere Dokumentarfilme das Geschehen quasi naturecht abzubilden versuchen, stilisieren Graf und Edmonds mit schnellen Schnitten, Zeitraffer, Überblendungen und verwischten Bildern. »Forming en Route« ist auf analogem Material gedreht, mit Flecken im Bild und bewusst eingesetzten Laufstreifen – was das Poemhafte dieses Films noch mal steigert. Man hätte diesem mit seinen 35 Minuten ohnehin schon langen Kurzfilm auch noch länger zuschauen können.

Auch Dagie Brundert dreht seit Jahrzehnten in Super 8. Und sie spürt, wie Graf und Edmonds, in »Audry Lornacle or 14 Days in DJ's House« dem Mysterium eines Ortes hinterher, auch wenn sie das, wie in allen ihren Filmen, eher beiläufig erzählt. »DJ's House« ist das Cottage des früh an Aids verstorbenen Filmemachers Derek Jarman, in dem sie zwei Wochen wohnte, an der Südwestküste Englands. Eine windumtoste, baumlose Gegend, in der in der Ferne ein nicht mehr in Betrieb befindliches Atomkraftwerk steht. Im Haus darf sie nicht filmen, also zeichnet sie die Gegenstände, und sie beobachtet ihre Nachbarin Audry – oder besser gesagt: ihre Wäscheleine (das »laundry miracle«). Vor dem Haus steht noch das Boot aus Jarmans Film »Garden«, und das Blau mancher Sequenzen und Audreys Wäsche könnte man als Referenz an »Blue«, Jarmans letzten Film, deuten. Eine wundervolle Collage und eine Hommage an den spiritus loci, die zu Recht den Preis im Deutschen Wettbewerb gewonnen hat.

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