Nahaufnahme von Leo Woodall

Mehr als ein Charmeur
»The Piano Tuner« (2025). © Black Bear

»The Piano Tuner« (2025). © Black Bear

Mit Serienhits wie »The White Lotus« und »Zwei an einem Tag« wurde Leo Woodall zum Publikumsliebling. In »The Piano Tuner« zeigt der britische Schauspieler nun ungeahnte Facetten – und empfiehlt sich endgültig für die erste Reihe Hollywoods

In sich gekehrt und verschlossen, still und geradezu schüchtern – in »The Piano Tuner« sieht man Leo Woodall von einer Seite, die man von ihm bislang nicht wirklich kennt. Im ersten Spielfilm von Oscargewinner Daniel Roher (»Navalny«) verkörpert er den zurückhaltenden Niki White, der als Assistent des langsam der Rente entgegenblickenden Klavierstimmers Horowitz (Dustin Hoffman) in New York unterwegs ist. Ein kontaktscheuer junger Mann, selbst hochbegabt an den Tasten und mit dem perfekten Gehör gesegnet, aber auch traumatisiert nach einem Unfall und der damit einhergehenden Hyperakusis, einer krankhaften Überempfindlichkeit gegenüber lauten Geräuschen. Für den britischen Durchstarter eine Rolle, wie er sie noch nicht gespielt hat.

Dass Woodall es in nicht einmal fünf Jahren vom Unbekannten zu einem der derzeit gefragtesten U-30-Schauspieler geschafft hat, hat viel damit zu tun, dass er sonst einen ganz anderen Typ Mann verkörpert. Der 1996 geborene Londoner, dem seine rundliche Gesichtsform und die ausdrucksstarken Augen eine manchmal beinahe comicartige Liebenswürdigkeit verleihen können, wurde bislang nicht selten dann besetzt, wenn es darum ging, jungenhaftes Charisma und verführerisches Selbstbewusstsein zu transportieren. Sozial unbeholfen wie in »The Piano Tuner« durfte er bislang noch nicht sein.

Mit welcher Leichtigkeit Woodall gemeinhin nicht nur sein Gegenüber, sondern auch das Publikum um den Finger wickelt, war in den zurückliegenden Jahren des Öfteren zu sehen. Der große Durchbruch gelang ihm nach ein paar Jahren in kleineren Rollen wie in »Cherry« von Anthony und Joe Russo mit seinen Auftritten in der zweiten Staffel der Erfolgsserie »The White Lotus«: Seinem Jack, einem auf den ersten Blick typisch britischen, leicht prolligen »lad«, konnten weder der reiche schwule Expat Quentin noch die überforderte junge Amerikanerin Portia widerstehen.

Anschließend war Woodall in der Netflix-Serie »Zwei an einem Tag« als Sohn aus reichem Hause zu sehen, der sich in eine aus einfachen Verhältnissen kommende Kommilitonin (Ambika Mod) verliebt. Die sich mit vielen Höhen und Tiefen über Klassengrenzen und mehr als ein Jahrzehnt hinweg entwickelnde Beziehung dieses ungleichen Paars (eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von David Nicholls) wurde zum Überraschungshit und unter anderem für den Gotham Award nominiert. Eine weitere Liebelei mit Hindernissen stand später in »Bridget Jones – Verrückt nach ihm« auf dem Programm, wo er als deutlich jüngere Tinder-Bekanntschaft Renée Zellweger zumindest vorübergehend den Kopf verdrehen durfte.

Auf den ersten Blick entspricht er nicht dem Klischee eines nerdigen Intellektuellen, doch das hielt Woodall nicht davon ab, im Zuge seines rasanten Aufstiegs selbst in akademischen Kontexten seinen Charme zu verbreiten. Während in der Thrillerserie »Prime Finder« (zu sehen bei Apple TV+), in der er einen queeren Mathematik-Doktoranden spielt, der in eine große NSA-Verschwörung verwickelt wird, das Amouröse eine eher untergeordnete Rolle spielt, wurde er zuletzt in »Vladimir« (Netflix) gerade im Zusammenspiel von körperlicher Attraktion und geistiger Stimulanz als Literaturprofessor zum Objekt der unverhältnismäßigen Begierde seiner von Rachel Weisz gespielten Kollegin.

Dass er nun nicht nur als Verführer und Lover eine überzeugende Figur abgibt, ist vielleicht auch deswegen nicht überraschend, weil die Schauspielerei fester Bestandteil der Woodall’schen Familiengeschichte ist. Leos Eltern lernten sich an der Schauspielschule kennen, Vater Andrew spielte kleine Rollen in so unterschiedlichen Werken wie »Agent Null Null Nix« oder »Solo: A Star Wars Story«. Und während Mutter Jane Mary schließlich andere Wege einschlug, kannte man Leos Stiefvater Andrew Morton aus »Walhalla Rising« oder aus »Luther«. Blickt man noch weiter zurück im Stammbaum, lässt sich auch eine verwandtschaftliche Verbindung herstellen zur schon im 19. Jahrhundert aktiven legendären Broadway-Schauspielerin Maxine Elliott.

Gerade erst war Woodall, dessen eigenes Interesse an seiner Profession weniger vererbt als durch seine Begeisterung für »Peaky Blinders« entflammt wurde, als in Deutschland geborener US-Soldat in »Nürnberg« von James Vanderbilt auf hiesigen Leinwänden zu sehen. Doch es ist nun die Rolle in »The Piano Tuner«, in der er erstmals sein gesamtes Können voll ausspielen kann. Denn Daniel Roher, der seinen Protagonisten auch die aufstrebende Komponistin Ruthie (Havana Rose Liu) kennenlernen und auf kriminelle Abwege geraten lässt, wagt sich an einen ungewöhnlichen Genre-Mix. Was als Porträt einer generationsübergreifenden Freundschaft beginnt, wird schließlich zu einer romantischen Komödie und einem Gangsterthriller gleichermaßen und gibt nebenbei auch einen Einblick in die Tragik gescheiterter Lebens- und Künstlerträume. Woodall verkörpert die gesamte Bandbreite der dafür nötigen Emotionen überzeugend – und empfiehlt sich nebenbei mit physischer Präsenz als Actionheld mit Ohrenstöpseln und Kopfhörern.

»Als ich anfing, über die Besetzung meines Films nachzudenken, war gerade »Zwei an einem Tag« herausgekommen, und »The White Lotus« hatte ich auch schon gesehen. Außerdem kannte ich Leo ein kleines bisschen, denn meine Frau Caroline und seine Freundin Meghann (die Schauspielerin Meghann Fahy, Anm. d. Red.) sind befreundet«, gab der Regisseur kürzlich im Interview gegenüber epd Film mit Blick auf die Suche nach dem idealen Hauptdarsteller für »The Piano Tuner« zu Protokoll. »Das Drehbuch schien ihn sehr anzusprechen, aber als wir dann mit der Arbeit begannen, merkte ich, dass wir doch sehr unterschiedlich sind und uns anfangs etwas skeptisch beäugten. Lange hielt das allerdings nicht an, denn dann begriff ich, was für ein genialer Schauspieler Leo tatsächlich ist. Er hatte jede Facette seiner Figur nicht nur im Blick, sondern auch wirklich im Griff.« Und weiter: »Ich hatte wirklich Bammel vor meiner ersten Arbeit mit Schauspielern, aber Leo erteilte mir indirekt eine wichtige Lektion: Vertraue deinem Casting. Denn wenn man die richtigen Leute besetzt hat, kann gar nicht so viel schiefgehen.«

Daran, dass ähnlich wie Roher auch andere Regisseur*innen auf Woodalls Talent vertrauen, dürfte sich in absehbarer Zeit ebenso wenig ändern wie an der Tatsache, dass der Brite mit Nachdruck daran arbeitet, sein Rollenprofil um immer neue Seiten zu erweitern. Eine Rolle im Biopic »Tony« über den legendären Koch und Autor Anthony Bourdain hat er bereits abgedreht, ebenso die Edith-Wharton-Adaption »The Custom of the Country« mit Sydney Sweeney. Und dann darf er sich auch erstmals als waschechter Blockbuster-Darsteller unter Beweis stellen: Ab diesem Sommer steht er neben Ian McKellen, Kate Winslet und Jamie Dornan für »Der Herr der Ringe: The Hunt for Gollum« in Neuseeland vor der Kamera von Andy Serkis.

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