Anke Sterneborg
Filmkritiken von Anke Sterneborg
Seiten
Gut 18 Jahre nach »Vier Minuten« klinken sich Chris Kraus und Hannah Herzsprung noch einmal ins Leben der psychisch versehrten Klaviervirtuosin Jenny von Loeben ein. Nach all den Jahren Knast für einen Mord, den sie nicht begangen hat, ist sie noch immer eine tickende Zeitbombe, in einem vielschichtig starken Film, der zugleich Liebesgeschichte und Rachedrama, Musical und TV-Show-Satire und eine Geschichte über Migration und Integration sein will.
In seiner Verfilmung der realen Geschichte einer vom Schicksal Wrestling-Familie unterwandet Sean Durkin die Regeln des Sportdramas: Statt von hart erkämpften Triumphen erzählt er auf berührende Weise von Verlust, Trauer und Schmerz.
Krisen und Traumata im Feelgood-Modus, Lebenstherapie im Taxi von München nach Hamburg: In Tobi Baumanns Extrem- Kammerspiel-Komödien-Roadmovie müssen sich fünf in Alter, Herkunft, Lebensform sehr unterschiedliche Menschen und Schauspieler ein wenig vorhersehbar zusammenraufen.
Hier das kreativ verspielte Biotop der Tech Nerds, dort die harten Regeln des Big Business: Basierend auf dem Sachbuch »Losing the Signal« rekapituliert Matt Johnson als Regisseur und Hauptdarsteller die Start-up Geschichte des ersten Smartphones auf einem schmalen Grat zwischen Dokumentation und Fiktion.
In seinem Remake der französischen Erfolgskomödie des Duos Nakache/Toledano überträgt Fernsehregisseur Richard Huber den Stoff und die Konstellationen nahezu eins zu eins von Paris nach Köln, von Max auf Dieter und importiert auch die meistens Gags weitgehend unverändert. Das ist zwar nicht sonderlich originell, aber dank eines gut aufgelegten Schauspielerensembles durchaus amüsant.
Barbara Albert hat den gleichnamigen Bestseller-Roman von Julia Franck verfilmt. Die Chronik der deutschen Historie vor, während und nach dem 2.Weltkrieg als Geschichte weiblicher Selbstermächtigung, ganz unmittelbar, gegenwärtig und sinnlich erzählt, mit einer beeindruckend nuancierten Darstellung von Mala Emde.
Es ist die vor allem aus England bekannte Geschichte einer Gruppe von Underdogs, die sich mit unorthodoxen Mitteln, erdigem Pragmatismus und schwarzem Humor Geld verschaffen. Unter der Regie von Laurent Tirard wird die französische Version mit vier Benediktiner Nonnen zum albernen Mix aus bösartigen Tricks, unwürdigen Slapstick-Einlagen und faden Witzen, die vor allem irritiertes Kopfschütteln auslösen.
Timm Kröger mischt für sein Multiversum die Karten der Filmgeschichte gründlich durch, um daraus etwas rätselhaft Neues entstehen zu lassen und lässt Realität und Fiktion, das Faktische und das Mögliche souverän und geheimnisvoll oszillieren.
Ein junger Mann öffnet seinem Tod die Tür und schindet dann noch ein paar abenteuerliche Tage mit Mutter, Ex-Freundin und Sohn: In seinem Spielfilmdebüt gelingt es Charly Hübner, das lockere Geplänkel der Vorlage von Thees Uhlmann in eine Balance zwischen charmanter Komödie, zauberhaftem Märchen und rasantem Roadmovie zu bringen.
Ein betagtes Ehepaar wagt im trauten Heim eine kleine Zeitreise, zurück zu den belebenden ersten Momenten ihrer Liebe. Das Wunder des neuen Films von Reiner Kaufmann besteht darin, wie Senta Berger und Günter Maria Halmer dieses Plauderkammerspiel zum Strahlen bringen.
Seiten
Weitere Inhalte zu Anke Sterneborg
Seiten
Tipp
Komplizen wider Willen: Die erste Staffel der BBC-Serie »The Outlaws« über eine Gruppe kleinkrimineller Sozialdienstleistender.
Tipp
Düstere Aussichten: Der titelgebende »Visitor from the Future« warnt die Menschheit vor einer Katastrophe, aber hört jemand auf ihn?
Tipp
Den Blick auch mal umkehren: Der Regisseur Thomas Arslan im Werkstattgespräch.
Tipp
Zwischen Male Gaze und Feminismus: Capelight veröffentlicht »Bilitis«, einen Erotikfilm des umstrittenen Fotografen David Hamilton, als Mediabook. Eine kluge Entscheidung.
Tipp
Die Wege dreier Freunde: Der Anime: »Goodbye, Don Glees!«.
Tipp
Spirituelle Inspiration: Die Dokumentation »Die Beatles und Indien«.
Tipp
Im Liebesrausch: Moderne Beziehungen und leidenschaftliche Affären in »99 Moons«.
Tipp
Mit »Luther: The Fallen Sun« setzt Netflix nun das Schicksal des von Idris Elba in fünf Staffeln von 2010 bis 2019 gespielten Ermittlers mit einem besonders düsteren Fall als Spielfilm fort.
Thema
In der Romanadaption »Irgendwann werden wir uns alles erzählen« begibt sich Emily Atef auf vermintes Gelände: junge Frau – toxischer Mann. Wie man das erzählen kann, beschreibt die Regisseurin im Interview.
Tipp
Der letzte Ehrenmann: »Yellowstone« geht in die vierte Staffel.



