Nachruf: Nathalie Baye
Nathalie Baye in »Laurence Anyways« (2012). © NFP
6.7.1948 – 17.4.2026
Auf der Leinwand besaß sie jene Schwerelosigkeit, die hart erarbeitet ist. Ihre Ausbildung als Tänzerin, die sie vor dem Schauspielunterricht absolviert hatte, färbte Nathalie Bayes Rollen als eine sichtbare Grundierung ein. Ihr Körperspiel war von unaufdringlicher Grazie und Gewandtheit; man schaue sich nur mal an, wie beschwingt sie in »Eine pornografische Beziehung« (1999) durch die Straßen von Paris schlendert.
Ihre Charaktere machten gern den ersten Schritt, angefangen mit dem unternehmungslustigen Scriptgirl Joëlle in »Die amerikanische Nacht«, wo sie 1973 bei François Truffaut ihren Durchbruch erlebte. Sie taugte nicht zur Tragödin der Liebe, aber deren Tragikomik erkundete sie in rund einhundert Filmen. Brüche im Erzählton lagen ihr; Bayes Stimme war betörend klar, voller Wärme, Ironie und Verbindlichkeit. Meist glänzte sie als empfindsame Alltagsheldin, die Klugheit und Willensstärke paarte. Ihre sanfte, nie liebliche Erscheinung wirkte nicht einschüchternd, konnte aber eine Herausforderung sein. Es war jedes Mal ein wohltuender Schock, wenn sie gegen diese Aura anspielte – etwa als abgeklärte Prostituierte in »La Balance – Der Verrat« (1982) oder als melancholische Fremde, die zu Beginn von »Geschichte eines Lächelns« (1984) Alain Delon im Zugabteil vernascht.
»Du hast ungeheures Glück, du bist in jedem Beruf glaubwürdig«, sagte Bertrand Tavernier zu ihr, der sie 1980 als Lehrerin in »Ferien für eine Woche« besetzte. Ihre Neugierde, sich unterschiedliche Charaktere und filmische Universen zu erobern, bewies schon der Hattrick, bei dem sie die ersten ihrer insgesamt vier Césars gewann: als Fernsehschaffende, die 1980 in »Rette sich, wer kann (Das Leben)« mit ihrem bisherigen Leben bricht; im Jahr darauf als Freundin, die in »Eine merkwürdige Karriere« das moralische Zentrum in einem undurchsichtigen Spiel um Verführung und Macht bildet; schließlich in »La Balance«. (Den vierten erhielt sie 2006 für den Part der ausgebrannten Polizistin in »Eine fatale Entscheidung«.) Sie passte in jedes Genre: eine agile Grenzgängerin zwischen Autorenfilm und Mainstream. Lange Zeit war sie die einzige Frau auf der Liste der bestbezahlten Filmstars Frankreichs.
Sie betonte stolz, eine Schauspielerin zu sein, die keine Probleme macht. Jedoch war sie anspruchsvoll in der Wahl ihrer Rollen und bewies Wagemut, wenn sie sich auf die Arbeit mit »schwierigen« Regisseuren wie Godard, Maurice Pialat oder Xavier Beauvois einließ. Manchmal machte sie Catherine Deneuve Konkurrenz als schnellste Dialogsprecherin im französischen Kino. Mit ihr verband sie eine rätselhafte Alterslosigkeit und eine Entschiedenheit, die Baye zum selbstverständlichen Angelpunkt jeder Einstellung machte; selbst in einem so hervorragend besetzten Ensemblefilm wie »Schöne Venus« (1999) oder ihrem glorreichen Abstecher ins Hollywoodkino, »Catch Me If You Can« (2002), Steven Spielbergs schönstem Film über Vatersuche. In Mutterrollen konnte sie bewundernswert ruppig sein. Ihr Meisterstück in diesem Register lieferte sie 2012 in Xavier Dolans »Laurence Anyways«, wo ihr Sohn eine Geschlechtsangleichung vornehmen will. Sie lässt ihn gewähren, fragt allerdings verdrossen: »Wirst du nun eine Frau oder ein Idiot?« Selbst ihre Kaltschnäuzigkeit war bezaubernd.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns