Architekturdokus: Der Raum ist der Star
»Make Materials Matter« (2025). © Louisiana Channel, Louisiana Museum Of Modern Art
Die Frage, wie wir wohnen und arbeiten wollen, beschäftigt Filmemacher und Festivals rund um die Welt: Architekturdokus haben sich als eigene Szene mit vitaler Infrastruktur etabliert. Und sie erzählen von einem Epochenwandel im Bauen
Ein 360°-Rundumschwenk über betonraue Wände. Und noch einer. Es sind unzählige, verbunden durch Überblendungen, jeder etwa eine Minute lang. Die Kamera arbeitet sich in Kreisbewegungen nach oben, Treppenstufe um Treppenstufe – und erschließt den Zuschauern in einem spiralförmigen Bewegungsfluss das ikonische Tower House in Tokio. Gebaut 1966 auf einem nur 20 Quadratmeter großen Grundstück. »Tower House« heißt denn auch der 62-minütige Architekturfilm, den der Österreicher Karl-Heinz Klopf 2013 realisierte. Er filmt den brutalistischen Turm mit formaler Zwangsläufigkeit. So folgt er den sechs übereinander gestapelten Wohn- und Lebensplattformen nach oben, die der Architekt Takamitsu Azuma für seine Familie in japanischer Einfachheit entworfen hat.
Im März wurde dieser Film, längst ein Klassiker, im Rahmen der Architekturfilmtage im Filmmuseum München endlich wieder einmal gezeigt. »Tower House« entführt uns in ein minimalistisches, aufregendes, verrücktes Domizil inmitten einer Großstadt, in ein Gebäude, das heute noch fortschrittlicher erscheint als zu seiner Entstehungszeit vor genau sechzig Jahren. Bewohnt wird es von Rie Azuma, der Tochter des Architekten. Sie erzählt von der Kunst, mit wenig Raum auszukommen. Das ist das Gebot der Stunde, auch in Deutschland. Die Wohnungsnot ist groß, und die Frage lautet: Wie viel Platz braucht ein Individuum eigentlich? Wie viel Quadratmeter dürfen oder sollen es sein? Im Schnitt bewohnen die Bundesbürger*innen pro Person 48 Quadratmeter. In Japan beträgt die individuelle Wohnfläche rund 10 Quadratmeter weniger. Das Tower House bietet seinen Bewohnern insgesamt 65.
Auch andere Fragen werden zunehmend dringlicher gestellt: Warum ist das Bauen in Deutschland so teuer? Verlangt der Klimawandel nicht neue Strategien der Nachhaltigkeit? Viele Architekt*innen sprechen infolge des von der EU beschlossenen Green Deal mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 von einem Epochenwandel. Und er vollzieht sich längst auch vor der Kamera – in Form von Dokumentarfilmen, die das Umdenken propagieren und begleiten. Einige kommen ins Kino, andere laufen im Fernsehen, viele kann man streamen. Auch Festivals zeigen zunehmend Interesse und holen die Architektur als Star auf die Leinwand. Das traditionsreiche Fünf Seen Filmfestival südlich von München begann eine kuratorische Zusammenarbeit mit dem Bund Deutscher Architektinnen und Architekten. »Architektur ist Ausdruck unseres Lebens, unserer Sehnsüchte und unserer Versäumnisse, sie spiegelt ganz direkt die Probleme unserer Gesellschaft«, sagt der Festivalleiter Matthias Helwig. Im vergangenen Jahr zeigte er fünf Filme unter der Überschrift »Conflict & Community«, dieses Jahr wird die Reihe mit »Fragile Spaces« fortgesetzt. Zu sehen sind etwa Gianfranco Rosis Stadtporträt »Pompeji: Unter den Wolken« (2025 Spezialpreis der Jury beim Filmfestival in Venedig) und »Le Chantier« über die Renovierung des legendären Kinos Gaumont Opéra in Paris unter der Leitung des Italieners Renzo Piano.
Seit 2024 veranstaltet der frühere Berlinale-Chef Dieter Kosslick in Potsdam das Umwelt- und Wissenschaftsfestival »Green Visions«. Gezeigt werden Filme zur Klimakrise, dazu gibt es vor dem Filmmuseum einen »Markt für nachhaltiges Leben«. Standen bei den ersten beiden Ausgaben internationale Produktionen zu den Themen Energie, Mode, Meere, Ernährung und Landwirtschaft auf dem Programm, so rückt bei der aktuellen Ausgabe Ende Mai die Architektur in den Vordergrund. Kosslick sagt: »Abgesehen von der prinzipiellen Frage, wie etwa ein Festival oder eine Filmproduktion CO₂-neutral hinzubekommen ist, hat mich die Architektur als größter Klimasünder schon immer interessiert. Letztes Jahr zeigten wir »Fungi: Web of Life«. Da spielte das Bauen zumindest eine Nebenrolle, in Form von Pilzen, die von Architekten als alternatives Baumaterial verwendet werden. Dieses Jahr zeigen wir drei Architekturfilme, unter anderem »Make Materials Matter« über den dänischen Architekten Søren Pihlmann.« Der Film zeigt, wie Pihlmann im vergangenen Jahr im Zuge der Architekturbiennale den dänischen Pavillon in Venedig sanierte – ein Gebäude, das energetisch und baulich nicht mehr funktionierte. Die Renovierung machte der Architekt zu einer experimentellen Ausstellung, die vorführt, wie ein Haus durch die kluge Wiederverwendung von Materialien aus sich selbst heraus neu entstehen kann.
Zu Kosslicks Konzept von »Green Visions« gehören wissenschaftliche Vorträge, Diskussionen und Gespräche. Søren Pihlmann wird in Potsdam erwartet, ebenso wie Vertreter einer Firma, die Beton CO₂-frei herstellt. Kosslick: »Damit beschäftigen wir uns dieses Jahr: übermäßiger Materialverbrauch; Müll, der durch die Bauwirtschaft entsteht; klimaschädlicher und klimaschonender Beton. Viele Architekten und Institutionen arbeiten schon lange an Veränderungen, aber es hört ihnen halt keiner zu. Deswegen unterstützen wir solche Projekte und Themen. Damit diese Sauerei aufhört.« Kosslick war auf Architekturfilmfestivals unterwegs und hat einige Dokumentarfilme entdeckt, die er bei »Green Visions« auch noch gern zeigen würde. Nur hat er den Platz nicht. So schwärmt er etwa von »We Start with the Things We Find« über ein aus Neapel stammendes Duo, das ausrangierte Frachtcontainer in hochwertige Lebensräume verwandelt.
Es gibt sogar eine Art Cannes der Baukunst: Das »Architectuur Filmfestival Rotterdam« (AFFR). Dort feierte im vergangenen Jahr der Dokumentarfilm »Secret Mall Apartment« von Jeremy Workman seine Premiere und gewann den Publikumspreis. Erzählt wird die irrwitzige Geschichte von acht Künstlern, die sich in der Einkaufsmall »Providence Place« in Rhode Island einen geheimen, immerhin 750 Quadratmeter großen Wohnraum ausbauten und dort ab 2003 für ein paar Jahre unentdeckt lebten. Michael Townsend, einer der Künstler, hatte durch den Abriss eines Gebäudes sein Atelier verloren. Als nebenan die Errichtung des riesigen Einkaufszentrums begann, entdeckte er in der Rohbaustruktur einen Raum, der wohl wegen einer Fehlplanung des Architekten nicht zu nutzen war, aber als Leerstelle in die Mall integriert blieb. Eine Korrektur des Grundrisses wäre zu teuer gewesen. Und so erschlossen sich die Guerillakünstler ihren temporären Lebens- und Partyraum mit einem Geheimeingang.
Die Gruppe flog 2007 auf und wurde wegen Hausfriedensbruchs angeklagt. »Secret Mall Apartment« feiert das legendäre Kunst- und Wohnprojekt und ist zugleich Befragung kapitalistischer Stadtentwicklung. Architektur ist hier Revolte, Realität, Imagination, Gelegenheit.
Weltweit gibt es rund 50 Architekturfilmfestivals – von »Wat ass Architektur?« in Luxemburg über das »Seoul International Architecture Film Festival« und »Film a architektura« in Prag bis hin zu »Les Journées de l'architecture« in Straßburg. Die meisten dieser Festivals finden in Frankreich, den USA und in den Niederlanden statt, viele ihrer Gäste bereisen mit ihren Filmen über mehrere Jahre die ganze Welt.
Die aus Neuss stammende und in Brüssel lebende Julie Pfleiderer etwa wurde mit »Das Retirée or The Last House of My Father« (2023) zu Festivals in München, Brasilia, Straßburg, Rio de Janeiro, Würzburg und bei Neapel eingeladen – dieses Jahr reist sie im September zu »Cinetekton!« im mexikanischen Puebla. In dem 43-minütigen Porträt fragt sie ihren Vater, den pensionierten Architekten Karlhans Pfleiderer, wie er noch einmal ein Gebäude entwerfen würde. Ihr Film ist eine experimentelle Choreographie intimer Nahaufnahmen der beiden – Hände, Münder, Augen.
Eine Tochter möchte herausfinden, was ihr Vater am Ende seines Lebens über Architektur denkt. Der Entwurf des Retirée, eines Traumhauses als Rückzugsort für das fortgeschrittene Alter, wird skizziert. Es geht um bauliche Prinzipien, soziale Räume, letzte Begegnungen, den Tod. Am Ende erscheint der Film selbst wie ein Rückzugsort, ein cineastisches Retirée für Vater und Tochter, Architekt und Regisseurin – als ein Möglichkeitsraum, der sich im Gespräch öffnet.
»Das Retirée or The Last House of My Father« lief im Januar im Rahmen einer Architekturfilmreihe auf dem Filmwochenende Würzburg. Dort erzählte Julie Pfleiderer im Interview von ihrem nächsten Projekt, Arbeitstitel: »The Way We Look at Things Is How We Decide to Act in the World«. Diesmal geht es um ein verlassenes Haus an einer Straßenkreuzung in Tournai im Süden Belgiens: »Das ist eine riesige verwinkelte alte Villa im Kolonialstil, die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut wurde. Drinnen Stuck und Papiertapeten. Ich mache den Film zusammen mit einer Architektin, Aurélie Hachez, deren Großvater in diesem Haus als Notar tätig war und manchmal auch dort übernachtet hat. Danach hatten ihre Eltern hier ihr Notariat. Es ist ein sonderbarer Ort. Man geht rein und hat sofort das Gefühl, man sei mitten in einem David-Lynch-Film.« Es reize sie, durch Architektur auf Familiengeschichten zu schauen, auf Herkunft, Erbe und biografische Emanzipation. Um das alte Klavier, das noch in der Villa steht, wieder zum Klingen zu bringen, wird eine chinesische Pianistin eingeladen; ein Besuch mit Hunden, die sofort durch die Villa toben, eröffnet einen weiteren Zugang. Auch eine Nebelmaschine kommt in den abgewohnten Räumen zum Einsatz. Eine obdachlose Nachbarin ist zu Besuch. Das Haus wird zur Bühne: »Wie kriegt man so ein Gebäude wieder belebt, wie wird man animiert, über ein großbürgerliches Erbe, über die Vergangenheit nachzudenken und dann die Zukunft anders und neu zu gestalten?«
Inspiriert wurde Julie Pfleiderer in ihrer architektonischen Arbeit durch ein legendäres Duo: die in Paris lebenden Filmemacher Ila Bêka und Louise Lemoine. 2016 wurden die beiden von der »New York Times« als »Kultfiguren der europäischen Architekturszene« tituliert. Seit über 20 Jahren untersuchen sie die Reibungen zwischen Architektur, Design und Alltag, erforschen, wie Räume Bewegungen und Verhalten beeinflussen, Gefühle und soziale Dynamiken hervorrufen.
Wie eine Bombe schlug 2008 ihr Film »Koolhaas Houselife« im Architekturkosmos ein. Bêka & Lemoine filmen ein bungalowartiges Wohnhaus des niederländischen Architekten Rem Koolhaas, auf Stelzen an einer Hangkante bei Bordeaux gebaut. Erzählt wird das Haus aus Sicht der Bediensteten, insbesondere der Putzfrau Guadalupe Acedo. Wie schwer ist es, das riesige Gebäude sauber zu halten? Wie viele Meter Vorhang hängen vor den endlosen Glasfassaden? Wie schafft es Acedo, an jedem Arbeitstag mehrere Kilometer auf billigen Plastikschlappen zurückzulegen? Bewohnt wurden die 500 Quadratmeter vom ehemaligen Vorstandsvorsitzenden eines Presseunternehmens, der infolge eines Autounfalls körperlich behindert war. Die weitläufigen Ebenen zum Wohnen und Schlafen sind verbunden durch eine hydraulische Hebebühne, die sich zwischen den Etagen summend senkt und hebt. Guadalupe Acedo benutzt über die drei Stockwerke allerdings immer nur die engen Treppen.
Seit »Koolhaas Houselife« sind rund 40 Werke von Bêka & Lemoine dazugekommen sowie das Buch »The Emotional Power of Space« mit Interviews, die während verschiedener Dreharbeiten entstanden.
Architekturfilme existieren in einem anderen Zeitkontinuum als Produktionen, die von den Startterminen der Kinos abhängen. Auf den spezialisierten Festivals und Filmtagen werden auch Werke präsentiert, die schon vor Jahren entstanden sind. Es geht nicht um exklusive Weltpremieren, sondern um Vermittlung, Auseinandersetzung, Aufklärung. Den Epochenwandel in der Architektur begleiten diese Filme unaufhörlich, manche eher an bautechnischen Fragen orientiert, andere an sozialen Aspekten, weitere mit experimenteller Neugierde. »Wir arbeiten an der Schnittstelle zwischen Kino, Kunst, Architektur, Städteplanung, Alltagsleben und gesellschaftlichen Veränderungen«, sagen Bêka & Lemoine im Interview mit einer französischen Architekturzeitschrift, »wir inszenieren keine Idealbilder von Architektur, sondern wir wollen Aufmerksamkeit kreieren – dafür, wie wir täglich von Gebäuden umzingelt sind und was sie mit uns machen.« Aus den rund vierzig Werken, die allesamt auf der Website des Duos zugänglich sind, kann man sich schon mal ein ganz eigenes Architekturfilmfestival zusammenstellen.
Moritz Holfelder ist Sachbuchautor, Fotograf und Kulturjournalist mit Schwerpunkt Film & Architektur. Zu seinen Veröffentlichungen gehören eine Werner-Herzog-Biografie und zahlreiche Hörbücher zur Architekturszene.




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