Netflix: »The Boroughs«
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Nach »Stranger Things« haben die Duffer-Brüder nun eine Serie produziert, in der nicht Jugendliche, sondern Rentner*innen Teil von mysteriösen Ereignissen werden
Man verrät nicht zu viel, wenn die Rede davon ist, dass es sich bei der Serie mit dem schlicht und harmlos klingenden Titel »The Boroughs« um eine Geschichte mit hochgradig übernatürlichem Einschlag handelt. Es dauert schließlich keine fünf Minuten, bis gleich im Prolog der ersten von insgesamt acht Folgen eine Kreatur ihr gruseliges Unwesen treibt, die schon auf den ersten Blick dem Sci-Fi-Horror-Genre zuzuordnen ist. Ganz zu schweigen davon natürlich, dass die Serie die neueste Produktion der durch »Stranger Things« berühmt gewordenen Duffer-Brüder ist.
Statt auf Kids setzen die Duffers und vor allem die beiden Serienschöpfer und Showrunner Jeffrey Addiss und Will Matthews in »The Boroughs« nun allerdings auf rüstige Rentner*innen. Hinter dem Titel nämlich verbirgt sich eine als kleine Stadt angelegte Senior*innen-Residenz mitten in der Wüste von New Mexico. Sam (Alfred Molina), ehemaliger Ingenieur, wird hier von seiner Tochter samt Familie abgeliefert, nicht lange nach dem Tod seiner Frau, die eigentlich die treibende Kraft hinter dem Umzug ins vermeintliche Lebensabend-Paradies war.
Am liebsten würde Sam sofort wieder ausziehen. Für das im Bungalow integrierte KI-Programm für Notfälle und Bedürfnisse aller Art fühlt er sich noch längst nicht alt oder hilflos genug, und die Nachbar*innen – vom Schürzenjäger Jack (Bill Pullman) über die umtriebige Renee (Geena Davis) bis hin zum Ehepaar Judy (Alfre Woodard) und Art (Clarke Peters) – sind irgendwie alle ein bisschen zu freundlich, wenn nicht gar aufdringlich. Als ihn dann auch noch der an Demenz leidende vorherige Bewohner seines neuen Domizils (Ed Begley Jr.) angreift, dessen Ehefrau anfangs dem erwähnten Monster zum Opfer fällt, will Sam »The Boroughs« endgültig den Rücken kehren. Doch bald zeigt sich, dass es für einen verwitweten Pensionär doch gar nicht so schlecht ist, von einer Gemeinschaft aus Gleichgesinnten umgeben zu sein. Zumal wenn es immer offensichtlicher wird, dass um einen herum vieles nicht mit rechten Dingen zugeht.
Wer bei all dem eine Mischung aus »Stranger Things« und »Cocoon« vor Augen hat, liegt nicht vollkommen falsch. Addiss und Matthews, die zuletzt unter anderem »Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands« verantwortet haben, hegen erkennbar eine Vorliebe für familienfreundliche Science-Fiction-Geschichten, wie sie sich in Hollywood in den achtziger Jahren größter Beliebtheit erfreuten. In Sachen Grusel wird also nicht übertrieben, viel Humor sorgt für eine grundsätzliche Leichtfüßigkeit und über allem liegt – obwohl die Handlung in der Gegenwart spielt – ein gehöriger Anflug von Nostalgie.
Dass darüber die Chance vertan wird, auf etwas komplexere Weise von Themen wie Trauer und Älterwerden zu erzählen, ist schade, aber mutmaßlich für einen Großteil der Zuschauenden verkraftbar. Deutlich schwerer wiegt, dass sich zwischen all den Anspielungen und Genrezitaten, vor denen es in »The Boroughs« nur so wimmelt, schnell das Gefühl einstellt, man habe das alles schon einmal gesehen. Nicht nur die Ausschnitte aus alten Schwarz-Weiß-Filmen, die hier bevorzugt geschaut werden, sondern auch die blau flackernden elektromagnetischen Felder und die vom Himmel fallenden Vogelschwärme, die drollig-rasanten Fahrten im Golfwägelchen und überhaupt natürlich die ganze Idee der trügerischen Kleinstadtidylle, in der nichts ist, wie es scheint, samt undurchschaubarem Quasi-Sheriff und zwielichtigem Strippenzieher.
Am Ende ist die Serie weit davon entfernt, misslungen zu sein. Da ist schon die geradezu verschwenderisch hochkarätige Besetzung (zu der auch Jena Malone, Denis O'Hare oder Jane Kaczmarek gehören), der man nur allzu gerne bei der Arbeit zusieht. Aber von Must-see-TV, wie es »Stranger Things« zumindest anfangs war, kann leider doch nicht die Rede sein.
OV-Trailer




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