arte-Mediathek: »Santosh«
Eine junge Polizistin wird in Indien mit einem brutalen Mordfall an einer »Unberührbaren« konfrontiert – und den unorthodoxen Methoden ihrer Vorgesetzten
Dass im oft etwas schalen Krimigenre noch Leben steckt, zeigt sich meist dann, wenn der ewige Kampf zwischen Polizei und Verbrechern seine gewohnten Örtlichkeiten und Protagonisten verlässt und sich nicht mit einfachen Antworten auf die Schuldfrage zufriedengibt. All dies lässt sich in dem brillanten, düsteren Spielfilmdebüt der indischen Regisseurin Sandhya Suri beobachten: »Santosh« folgt seiner Titelfigur, einer jungen Polizistin im ländlichen Nordindien, in einen Strudel aus Gewalt und Vorurteil und stellt komplexe Fragen nach den gesellschaftlichen Ursachen, ohne dabei an Spannung zu verlieren. Nach seiner gefeierten Premiere in Cannes 2024 kommt der Film jetzt bei uns in der Arte-Mediathek an.
Wie viele hervorragende Krimis – man denke an David Simons »The Wire« und seinen journalistischen Hintergrund – entsprang »Santosh« einem dokumentarischen Impuls. Suri wollte zunächst eine Doku über die Demonstrationen für Frauenrechte im Nachgang der Gruppenvergewaltigung und Ermordung der Studentin Jyoti Singh im Jahr 2012 drehen. Doch ihr Film wählt einen anderen Zugang. Am Ausgangspunkt steht ein staatliches Programm, laut dem eine unterhaltsberechtigte Witwe eines Beamten sich auf dessen Stelle bewerben kann. Shahana Goswami spielt Santosh, deren Mann, ein Polizist, bei einem Aufstand ermordet wurde.
Santosh bewirbt sich erfolgreich um die Stelle ihres verstorbenen Mannes und gerät mitten in einen umstrittenen Fall: Die Leiche eines Mädchens aus der untersten Dalit-Kaste, das vergewaltigt und ermordet wurde, wurde in einem Dorfbrunnen gefunden. Die Gemeinde ist in Aufruhr, da die Polizei aufgrund ihrer offensichtlichen Verachtung für die »Unberührbaren« nichts unternimmt. Doch dann wird die knallharte Inspektorin Sharma (Sunita Rajwar) dem Fall zugeteilt und nimmt Santosh unter ihre Fittiche. Die ist zunächst tief beeindruckt von ihrer taffen Chefin: Eine solch respektierte, ja gefürchtete weibliche Figur ist ungewohnt für Santosh. Auch sie selbst genießt das Ansehen, das die Uniform ihr einbringt: Als Frau war sie bislang eine Bürgerin zweiter Klasse, nun, obwohl sie den männlichen Kollegen untergeordnet ist, kann sie mit neuer Selbstsicherheit durch die Straßen gehen.
Doch bald werden Sharmas zwielichtige bis regelrecht brutale Methoden der Verbrechensbekämpfung offensichtlich. Zunächst zeigt sich Santosh noch offen für ein wenig Bestechung und Einschüchterung – aber eine brachiale Eskalation gegenüber einem muslimischen Verdächtigen lässt sie ihre eigene Rolle infrage stellen. Suris Film gelingt es, die Ermittlungshandlung mühelos mit gesellschaftlichem Hintergrund zu verweben. In präzisen Einstellungen vermittelt die Regisseurin, wie allgegenwärtige Islamophobie, eine restriktive Sexualmoral und eine Oberschicht, die über den Gesetzen steht, zu Ausbrüchen von Gewalt führen. Und doch bleibt »Santosh« immer dicht bei seinen Figuren, den beiden exzellenten Hauptdarstellerinnen sei Dank. So spannend wie klarsichtig.




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