Nahaufnahme von Steve Carell

Der Spätzünder
Steve Carell in »Beautiful Boy« (2018). © NFP

Steve Carell in »Beautiful Boy« (2018). © NFP

Steve Carells Kinokarriere kam nur langsam in Fahrt, nach seinen Erfolgen als TV-Comedian in Jon Stewarts »Daily Show«, in »The Office« und dann einigen Kino­liebeskomödien gelingt es ihm nun zunehmend, auch in dramatischen Rollen zu überzeugen

Der Regisseur und Produzent Judd Apatow sagte einmal, dass er nach den Wunden seiner Schauspieler suche. Zu wissen, welche Neurosen sie pflegten, erleichtere es ihm, ihnen die passenden Macken anzudichten. Bei Steve Carell, der mit Apatows nonkonformistischer Sexkomödie »Jungfrau (40), männlich, sucht …« seinen späten Durchbruch im Kino feierte, habe er jedoch keinerlei emotionale Narben gefunden. Das Klischee, dass Schauspieler, besonders komische, tief innen ein Trauma kultivieren und sich auf dem Filmset selbst therapieren, trifft auf Carell nach glaubhaften Berichten nicht zu. Stattdessen wirke er geradezu provozierend ausgeglichen. Erschwerend kommt hinzu, dass er seit 1995 mit derselben Frau, der Schauspielerin und Comedy-Autorin Nancy Carell verheiratet ist und zwei Kinder hat. Laut Carell ist sein Hauptziel, mit seinem Beruf seine Familie zu ernähren und die Collegekosten für seinen Nachwuchs aufzubringen.

»Jungfrau (40), männlich, sucht ...« (2005). © Universal Pictures

Genau solche uncoolen Typen lässt Carell in seinen Komödien Schiffbruch erleiden. In »Jungfrau (40), männlich, sucht …« spielt er einen Mr. Unscheinbar, der nach missglückten Dates Frauen entsagt hat und seine Morgenlatte so ungerührt hinnimmt wie einen Dauerschnupfen. Es geht ihm prima – solange bis seine Freunde herausfinden, dass er noch nie Sex hatte und ihm sein »erstes Mal« verschaffen wollen. Statt als verklemmter Spießer geht der Antiheld als netter Exzentriker und stiller Nonkonformist durch, der etwa im auto-verrückten Amerika nur Fahrrad fährt.

Den Typus des tolpatschigen Heimchens hat Carell anschließend weiter variiert. In der Bromance »Crazy, Stupid, Love« wird er von seiner Ehefrau verlassen und von einem Aufreißer – Ryan Gosling – für die Frauenwelt wieder fitgemacht. In »Dan – Mitten im Leben!« verliebt er sich, als Witwer und Vater, beim Thanksgiving-Familientreffen in die neue Flamme seines Bruders. Als Meister des Fettnäpfchens laviert er so gekonnt zwischen Komik und unterschwelliger Tragik, Pflichterfüllung und einem von trockenen Humor gemilderten Selbstmitleid, dass er nicht nur das Herz seines Schwarms – Juliette Binoche – rührt.

»Crazy, Stupid, Love« (2011). © Warner Bros. Pictures

Dieser Schauspieler scheint nicht nur ohne Neurosen auszukommen, sondern auch ohne den Narzissmus, der zur Grundausstattung eines Stars gehört. Seine Freunde versuchen in diesen Beziehungskomödien auffallend oft, ihm ein schnittigeres Äußeres zu verpassen. Das gipfelt in jener kultig gewordenen Quälszene in »Jungfrau (40), männlich, sucht …«, in der er sich, live und real und umringt von kichernden Kumpels, die Brusthaare ausreißen lässt. Carell besitzt die Gabe, seine Attraktivität mittels verschlurfter Haltung, auf den Schuhen hängenden Hosen, karierten Hemd-Pullunder-Kombis und zugeknöpften Poloshirts so weit herabzudimmen, dass er geradezu Aggressionen auslöst. Wenn Ryan Gosling ihm in »Crazy, Stupid, Love« aufmunternd gemeinte Ohrfeigen gibt, lässt sich das irgendwie nachvollziehen.

Mit seinem melancholischen Understatement ist er viel mehr Buster Keaton als Ben Stiller. Das prädestiniert ihn für Charakterrollen in Arthouse-Filmen wie der kleinen Tragikomödie »Little Miss Sunshine«. Carell spielt darin einen schwulen Proust-Spezialisten, der nach einer Verquickung von unglücklicher Liebe und akademischer Niederlage ganz unten angekommen ist: ein sich seiner Lächerlichkeit nur zu bewusster, sarkastischer Trauerkloß, I-Tüpfelchen eines erlesenen Underdog-Ensembles.

»Little Miss Sunshine« (2006). © 20th Century Fox

Mit »Little Miss Sunshine«, einem kleinen, zum Kassen- und Kritikerhit aufgestiegenen Roadmovie, zeigt sich außerdem, dass Carell seit 15 Jahren eine nicht abreißende Glückssträhne erwischt hat. Der 1963 in Massachusetts geborene Schauspieler, der zunächst Anwalt werden wollte, begann seine Karriere in einem Chicagoer Improvisationstheater, war viele Jahre Mitglied der satirischen Nachrichtensendung »The Daily Show«, und trat vereinzelt in Serien und im Kino auf. Erst jenseits der 40 erfuhr er durch die US-Adaption der britischen Comedyserie »The Office« einen für ihn selbst »vollkommen undenkbaren«, plötzlichen Karriereschub. Als unberechenbarer Bürochef, der mit seinen Launen und Sprüchen seine ­Angestellten drangsaliert – nicht aufgrund von Bösartigkeit sondern, so Carell, aufgrund »mangelnder Selbstwahrnehmung« –, verkörperte er einen vielgeliebten Mini-Schurken (wie sein »Stromberg«-Pendant Christoph Maria Herbst).

Glück hatte er auch als Mitglied des »Frat Packs«, einer Clique von Komikern und Filmemachern, bestehend u.a. aus Will Ferrell, Judd Apatow, Vince Vaughn, Paul Rudd und Kristen Wiig. Die Gruppe wurde besonders durch den Gaga-Humor der »Anchorman«-Komödien über eine Nachrichtensendung der Siebziger zum Synonym für einen neuen, schrägen Komödienstil. Carell, der einen einfältigen Wettermoderator spielt, schrieb sich anschließend mit Apatow als Co-Drehbuchautor »Jungfrau (40), männlich, sucht …« auf den Leib, und trat in mehreren Filmen mit dem Frat Pack, etwa »Dinner für Spinner«, auf.

Glück hatte er auch mit der Fantasykomödie »Bruce Allmächtig« mit Jim Carrey, in der Carells Nebenrolle, anders als befürchtet, nicht auf dem Schneidetisch landete. So spielte er dann in der Fortsetzung »Evan Allmächtig« die Hauptrolle eines von Gott Auserwählten, der eine Arche Noah bauen soll. Die bis dato teuerste Komödie aller Zeiten war jedoch ein Flop. Und auch in der aufgeblasenen Agentensatire »Get Smart«, in der Carell à la Rowan Atkinson auftritt, ist sein leisetreterischer Stil fehl am Platz.

Das eigentliche Revier dieses zum ­Charakterdarsteller gewandelten Aus­nahmekomikers bleibt das stetig schrumpfende Segment von Filmen für Erwachsene. Zu nennen sind hier auch die Filme »The Big Short«, ein Drama über die Vorgeschichte der Finanzkrise, und »Battle of the Sexes«, in dem er, erneut mit Mut zur Hässlichkeit, den fröhlichen Tennis-Macho Bobby Riggs spielt, der Billie Jean King zum Match herausfordert.

»Foxcatcher« (2014). © Koch media

Der vorläufige künstle­rische Höhepunkt seiner Laufbahn war das Sportdrama »Foxcatcher« (Regie: Bennett Miller), in dem Carell die in seiner »The Office«-Rolle angelegte Paranoia zur Blüte bringen konnte. Mit vogelartig gerecktem Hals und starrem Blick verkörpert er den psychopathischen Millionär John E. Dupont. In ihrer gehemmten Körperlichkeit, die keiner so gut wie Carell darstellen kann, wirkt diese historische Figur ebenso gruselig wie mitleiderregend – und verschaffte Carell seine erste Oscarnominierung.

Zurzeit ist er im Familiendrama »Beautiful Boy« über einen jungen Drogensüchtigen wieder als Kümmerer zu sehen. Angesichts seiner Langmut mit dem von Timothée Chalamet als verzogenen Bubi gespielten Junkie möchte man diesem Vater, wie Ryan Gosling in »Crazy, Stupid, Love«, kleine Schläge auf den Hinterkopf geben. Steve Carell ist einfach zu nett für diese Welt.

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